FeedBlattstellung
PflanzenreichBrockhaus 1882

Blattstellung ist in der Botanik im allgemeinen die ter an den Eten die Stellungsverhältnisse der Blätter an den Stengeln. In der beschreibenden Botanik hat man für die verschiedenartige Anordnung der Blätter mehrere Bezeichnungen, wie gegenständig, wechselständig, dekussiert, quirlständig u. s. w. (S. unter Blatt.) In den meisten Fällen läßt sich sofort eine gewisse Regelmäßigkeit in der Anordnung der Blätter erkennen, so z. B. bei den quirlständigen, dekussierten Blättern; aber auch da, wo zunächst eine bestimmte Gesetzmäßigkeit nicht hervortritt, also bei den zerstreut stehenden Blättern, läßt sich bei genauerer Untersuchung eine solche nachweisen. Geht man von irgend einem Blatte aus am Stengel nach oben oder unten, so wird man in größern oder geringern Zwischenräumen immer wieder Blätter finden, die nahezu an derselben Längslinie des Stengels inseriert sind wie das Blatt, von dem man ausging; außerdem wird man beobachten, daß die Zwischenräume zwischen je zwei aufeinander folgenden Blättern, in Teilen des Stengelumfangs ausgedrückt, bei derselben Pflanze ziemlich konstant bleiben. Bei zweizeilig angeordneten Blättern ist der Zwischenraum zwischen zwei Blättern oder die sog. Divergenz gleich ½ oder 180˙. Bei dreizeiliger Anordnung, wenn also die Blätter in drei Längslinien am Stengel stehen, beträgt die Divergenz 5 oder 120. Bezeichnet man das Blatt, von dem man ausgeht, mit der Ziffer O und die darauf folgenden mit 1, 2, 3, 4 u. s. w., so wird bei der Divergenz ½ das Blatt 2 über dem Blatt O, bei der Divergenz ½ das Blatt 3 über 0 zu stehen kommen. Sind die Blätter in fünf Längszeilen angeordnet, liegt also Blatt 5 über Blatt 0, so ist die Diverae Wlatt ½, sondern /, da man, um von Blatt 0 zu Blatt 5 zu kommen, zwei Umläufe um den Stengel n muß. Der Zwischenraum zweier aufeinander folgender Blätter beträgt also /, des Stengelumfangs oder 144. Solcher Divergenzen bbt es rein theoretisch unzählige, in der Natur ommen aber nur wenige vor. Die gewöhnlichsten u. s. w. an. Diese Divergenzen lassen sich auch als Näherungswerte des Kettenbruchs betrachten, und man kann jeden derselben dadurch Renner daß man Zähler und Zähler, Nenner und enner der beiden vorhergehenden addiert und so Zähler und Nenner des gesuchten Näherungswertes erhält. Die eben angegebene Reihe wird auch als Iwergenze bezeichnet, weil die in ihr enthaltenen ivergenzen scheinbar am 9 awere in der Natur vorkommen. Es sind jedoch andere Divergenzen, die z. B. Näherungswerten der Kettenbrüche 1 1 entsprechen, ebenso häufig. Die Regelmäßigkeit, die sich in dem Vorhandensein solcher Divergenzen in der Anordnung der Blätter ausspricht, hat ihren Grund hauptsächlich darin, daß die Blätter in den allermeisten ame streng akropetal an den Stammscheitel angelegt werden, daß also immer das jüngste am weitesten nach oben steht. Es werden nur bei sehr wenigen Pflanzen zwischen die bereits angelegten Blattorgane neue eingeschoben, bei der großen Wden al erleidet die Reihenfolge der Blätter von den ältesten bis zu den jüngsten keine Unterbrechung. Die Ursache dieser nicht wegzuleugnenden Regelmäßigkeiten in der Anordnung der Blätter zu finden, war vorzugsweise das Bestreben derjenigen Botaniker, welche sich mit der Lehre von der B., die man auch als Phyllotaxis bezeichnet, befaßten. Natürlich gehört hierher nicht nur die Anordnung der Laubblätter, sondern der Blätter überhaupt, also die Fru Hochblätter, welche die Blüte und später die Frucht zusammensetzen. Gerade in der Hochblattregion treten die Regelmäßigkeiten am augenfälligsten hervor, da hier die einzelnen Blattorgane meist viel gedrängter stehen als in der uenapfen dern So läßt sich z. B. bei einem Tannenzapfen, der ja der Hochblattregion 4.7 eine Gesetzmäßigkeit in der Anordnung der Schuppen sofort erkennen. Man sieht, daß die einzelnen Schuppen in Reihen stehen, die schief von der Basis nach der Spitze des Zapfens verlaufen, man kann ferner erkennen, daß immer eine An ahl Schuppen, zwischen denen allerdings größere Zwischenräume liegen, auf einzelnen Längslinien des Zapfens stehen. Die erstern Reihen, die schief verlaufen, nennt man Schrägzeilen oder Parastichen, die letztern dagegen, die parallel der se des Stammorgans laufen, bezeichnet man als Orthostichen. Denkt man sich B. die Oberfläche eines Tannenzapfens abgerollt, sodaß sie in eine Ebene zu liegen kommt, und beutet man die Stellung der Schuppen durch Kreise an, die sich 4 Biid i berühren, so bekommt man — — r ein Bild, wie es in nachstehender Fig. 1 dargestellt ist. Man kann hier sofort mehrere Parastichen erkennen; die einen laufen von links nach rechts, die andern in umgekehrter Richtung. Werden die Blätter mit Ziffern Blant innt wie schon angedeutet wurde, also ein Blatt mit 0 und die darauf folgenden mit 1, 2, 3, 4, 5. . ., so wird man z. B. finden, daß das Blatt 34 über dem Blatte 0 steht, beide liegen also in einer Orthostiche, ebenso wie Blatt 3 und 37. Um durch alle übrigen Blätter von O bis 34 zu gelangen, muß man 13 Umläufe um den Stamm machen. Dieser Weg ist in der Figur angegeben durch gerade Linien, we e von O durch 1, 2, 3, 4 u. s. w. bis zu Blatt 34 gehen. Außerdem sind aber noch andere gerade Linien vorhanden, die einzelne Blätter miteinander verbinden, aber nicht durch sämtliche hindurchgehen, so die Linien, welche von links nach rechts durch O, 3, 6, 9, 12; 2, 5, 8, 11 u. s. w. gehen, ferner solche, welche in der umgekehrten Richtung durch 0, 5, 10, 15, 20, 25; 3, 8, 13, 18. u. s. w. laufen. Alle diese Linien sind Schraubenlinien und man nennt diejenige, welche durch sämtliche Blätter ebt die Grundspirale, die übrigen dagegen, welche immer eine bestimmte Anzahl überspringen, sind nichts anderes als die bereits erwähnten Narastichen. Je nach der Anzahl der von den Parastichen übersprungenen Blätter bezeichnet man dieselben auch als Dreier-, Funfer⸗, Achter-Zeilen u. s. f. Es liegt also hier in Fig. 1 eine Divergenz von ¼ vor und die Schrägzeilen, welche dabei am deutlichsten sichtbar werden, sind die Dreier⸗ und Fünfer-Zeilen. Früher glaubte man, daß in den Pflanzen nur „ Vi, 1½/4 u. s. w. vorkämen und daß jede Pflanzenart nach einer dieser Regeln ihre Blätter anordne, man vermutete also irgend ein mystisches Naturgesetz, welches diese rätselhaften Beziehungen der Blattbildung zu rein arithmetischen Größen, wie jenen Divergenzen, bedinge. Damit verband man noch die Anschauung, daß die seitlichen Ausmahlich for stets in einer von unten nach oben allmühlich fortschreitenden Schraubenlinie, der schon erwähnten Grundspirale, erfolgten. Das Wachstum sollte gewissermaßen schraubenlinig um den Stamm herumgehen und in bestimmten Zwischenräumen, die genau der für jede Pflanzenart charakteristischen Divergenz entsprechen, ein seitliches Gebilde erzeugen. Dies war die Ansicht von C. Schimper und die von ihm begründete Theorie heißt deshalb Spiraltheorie. (Man brauchte nämlich in der Botanik früher immer das Wort Spirale fälschlich für Schraubenlinie.) Nach ihm hat A. Braun dieselbe weiter ausgebildet, hauptsächlich durch seine eingehenden Untersuchungen über die Schuppenstellungen an den Tannenzapfen. nähnlicher Weise hatten zu gleicher Zeit etwa, wie Schimper und Braun in Deutschland, zwei Franzosen, die Gebrüder L. und A. Bravais, sich mit der Blattstellungsfrage beschäftigt; sie waren jedoch zu einem andern Resultat gelangt. Zunächst wiesen sie nach, daß nicht nur die Diverenzen der Hauptreihe, sondern noch eine ganze eihe anderer Divergenzen, so z. B. die Näherungswerte der Kettenbrüche 1 1 34+1 4 + 1 ebenfalls annähernd in der Natur zu finden sind. Vom rein mathematischen Standpunkte aus behaupteten sie sodann, daß nicht etwa die einzelnen Divergenzen die Hauptsache seien, daß dieselben wahrscheinlich gar nicht in Wirklichkeit vorhanden wären, sondern daß der Grenzwert desselben, also für die Hauptreihe der Winkel 137* 30“ 28“ gewissermaßen die Normaldivergenz sei, welche die Pflanze überall Anschten bestrebt wäre. Diesen beiden Ansichten trat in neuester Zeit hauptsächlich Schwendener gegenüber und wies überzeugend nach, daß weder die einzelnen Divergenzen noch auch der Bravaissche Grenzwert als die Regel zu betrachten seien, nach welcher die Anordnung der Blätter erfolge. Er zeigte, daß es lediglich Zug⸗ und Druckwirkungen in den jüngsten Partien des Stengels sind, welche die spätere Regelmäßigkeit bedingen. Die oben genannten Divergenzen, mögen sie nun der Hauptreihe oder einer andern angehören, haben als solche gar keine weitere Bedeutung, da alle möglichen Übergänge zwischen ihnen während des Wachstums und der weitern amnen der seitlichen Organe ebenso oft vorkommen. ie wichtigsten Ergebnisse der Untersuchungen Schwendeners lassen sich in kurzen Worten folgendermaßen wiedergeben: Jedes neue Organ wird da angelegt, wo zwischen zwei oder mehr bereits vorhandenen noch genügend Raum sich findet; es hat deshalb auch die sog. Grundspirale keine Bedeutung für die Anlegung neuer Auszweigungen. Infolge des Bestrebens, den vorhandenen Raum am Stammscheitel möglichst auszunutzen, wird bereits eine regelmäßige Anordnung der jüngsten Blattanlagen bewirkt werden. Diese schon vorhandene Regelmäßigkeit wird durch das Längen⸗ und Dickenwachstum des Stengels, an welchem die Blätter stehen, und die damit verbundenen Zug⸗ und Druckwirkungen, noch vielfach modifiziert. An einem Beispiele läßt sich leicht veranschaulichen, welcher Art die Modifikationen sind, welche beispielsweise bei starkem Dickenwachstum des Stengels unter gleichzeitiger allseitiger Vergrößerung der Blattanlagen stattfinden. Es wird hierdurch nichts anderes als ein Druck erzielt, der parallel zur Achse des Stengels wirkt und eine gegenseitige Zerschiebung der Blattanlagen bedingt. beitehender Fig. 1 ist die Lage der jungen Blätter 17 2 abgebildet ist. Während dieser Lagenveränderun daben aber mehrere den die Bia gewechselt. Vor der Verschiebung lagen die Blätter 21, 29, 37 links von der die Blätter O und 34 verbindenden Linie, jetzt dagegen liegen sie rechts davon, also 58 während der Verschiebung unter andern noch höhern die Divergenzen 71, ½, / stattgefunden, von denen die letztern beiden der Hauptreihe gar nicht angehören. Geht die auel zue bung in derselben Weise durch Druck parallel zur Achse des Stengels weiter, so wird eine Lage eintreten, wie sie Fig. 3 zeigt. Während in Fig. 1 nur diesen Schrägzeilen die einzelnen Blattanlagen sich berühren, findet in Fig. 2 Kontakt sowohl in den statt; in Fig. 3 ist der Kontakt innerhalb der Dreierzeile aufgehoben und nur noch in der Fünfer⸗ und Achterzeile vorhanden. Gehen nun die Verschiebungen noch weiter fort, so tritt Kontakt in der Fün⸗ , Achter⸗ und Dreizehnerreihe auf. Während dieser unch Zug anit die in ganz ähnlicher Weise durch Zug anstatt durch Druck hervorgerufen werden, kommen, wie aus obigem Beispiele ersichtlich, sehr verschiedenartige Divergenzen zur Geltung. Ganz ebenso wie in diesem Beispiele kann man auch von andern Divergenzen, die nicht der Hauptreihe angehören, ausgehen und gelangt gleichfalls zu dem Resultat, daß die Divergenzen fortwährend wechseln. Dazu kommt noch, daß die jüngsten Organe naturgemäß immer kleiner sind als die ältern und daß auch hierdurch noch mannigfaltige Veränderungen der Divergenzen sehr vershied. werden. Auf diese Weise kommen die sehr verschiedenartigen Stellungsverhältnisse, wie sie sich in der Natur vorfinden, zu Stande. ů Litteratur. C. Schimper, „Beschreibung des Symphytum Zeyheris (Heidelb. 1835); A. Braun, Untersuchungen über die Ordnung der Schuppen an den Tannenzapfen (Academ. Leopold.-Carol. Acta, Bd. 14); L. und A. Bravais, «Über die geometr. Anordnung der Blätter und Blütenstände⸗ (deutsch von Walpers, Bresl. 1839); Hofmeister, Schwendener, Mechan. Theorie der B.v (Lpz. 1878).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 141Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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