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GeschichteBrockhaus 1882

Bonaparte (Ludwig, Graf von Saint-Leu), König von Holland, Napoleons I. dritter Bruder, geb. 2. Sept. 1778, kam 1793 nach Frankreich und wurde in der Artillerieschule zu Chälons unterrichtet. Er begleitete Napoleon nach Italien, dann nach Agypten, wurde 1799 von hier an das Direktorium I. auret um über die Erfolge zu berichten und Hülfe zu erbitten, und erhielt nach dem 18. Brumaire, an dem er den Bruder unterstützt hatte, als Oberst von Napoleon eine Sendung an Paul I. Der Tod des Zaren veranlaßte Ludwig, bereits in Berlin wieder umzukehren. Später wurde er Brigadegeneral, nach seines Bruders Thronbesteigung Connétable und Generaloberst der Karabiniers, 1805 Generalgouverneur von Piemont, das er aber wegen Kränklichkeit bald wieder verließ. ls der batav. Großpensionär Schimmelpenninck seine Stelle niederlegen wollte, zwang Napoleon seinen Bruder Ludwig, der vergebens seine Kränklichkeit und das Klima vorschützte, zur Annahme der holländ. Königskrone (5. Juni 1806). Beim besten Willen, sich nur seinem Lande zu weihen, konnte aber Ludwig nichts mehr als Rram Statthalter sein. Im J. 1806 eroberte er in dem Kriege gegen Preußen dessen rheinische und westfälische Besitzungen. Die von Napoleon ihm angebotene span. Königskrone 0910 er aus, und erklärte freimütig bei einer andern Gelegenheit, daß er, seitdem er den holländ. Thron bestiegen, zum Holländer geworden sei. Die von Frankreich gebotenen Rüstungen in Verbindung mit den strengen Sperrmaßregeln gegen den brit. Handel machten ihm die Herstellung eines befriedigenden Zustandes der Finanzen unmöglich; gleichwohl wußte er Holland gegen einen allgemeinen Bankrott zu schuützen. Ja mitten unter den dringendsten Händeln der auswärtigen Angelegenheiten ward die Abfassung eines neuen Kriminal- und eines Civilcodex vollendet, und ein gleichförwichte dem franz. nachgebildetes Maß⸗ und Gewichtssystem zu Stande gebracht. Als er aber fort-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. III. fuhr, das Kontinentalsystem nicht mit der Strenge zu handhaben, die Napoleon diets wa und die Interessen Hollands Hehn die stets wachsenden Anforderungen seines Bruders kräftig zu vertreten, zerfiel er mit diesem gänzlich und wurde nach Paris entboten, wo er, von Napoleon festgehalten, dessen brutalen Drohungen nach langem Sträuben nachgab und durch Verzicht auf jede Selbständigkeit und die Abtretung großer Bezirke an Heich erd den Thron und die Rückkehr in sein Reich erkaufte (Winter 1809—10). Wenige Beletd darauf (1. Juli 1810) legte er infolge neuer Beleidigungen seitens des Kaisers die Regierung nieder, setzte verfassungsmäßig seine abwesende Gemahlin zur Regentin im Namen seines Sohnes ein, verließ mit zwei Vertrauten Holland und en sich unter dem Namen eines Grafen von Saint-Leu über Teplitz nach Gratz, wo er fortan den Wissenschaften lebte. Holland ward schon 10. al mit dem Kaiserreich vereinigt. Ludwig hatte sich als König nicht bereichert; er ließ die Einkünfte der Civilliste vom Monat Juni seinem Sohne zurück. Auch lehnte er nach der Vereinigung Hollands mit Frankreich jede Apanage für sch ab. Dagegen überwies Napoleon der Gemahlin des Erkönigs die Besitzung Saint-Leu bei Paris mit einem Einkommen von 2 Mill. Frs. Im J. 1813 bot Ludwig dem Kaiser von der Schweiz aus wiederholt seine Dienste an, jedoch mit dem Anspruch auf Hollands Herstellung unter einer franz. Dynastie, was dieser aber brüsk abschlug. Nach Wiedereinsetzung des oranischen Hauses land sich Ludwig aller Verpflichtungen gegen Holand entbunden und ging 1. Jan. 1814 nach Paris zu einer Zusammen unst mit Napoleon, die aber das Verhältnis der Brüder nicht besserte. Vergebens waren die Ermahnungen zum Frieden, mit denen Ludwig den Kaiser bestürmte. Nach dessen Sturz begleitete Ludwig die Kaiserin nach Blois. Hierauf begab er sich im April nach Lausanne und von da im Sept. 1814 nach Rom. Napoleons Einladung nach Paris, der ihn 1815 zum Pair von pleeb in 1 ernannte, nahm er nicht an, sondern lieb in Rom, wo er sich nachher von seiner Gemahlin trennte. Seit 1826 nahm er seinen Aufent20 in Florenz, wo er in Zurückgezogenheit lebte. ach der —4 seines Sohnes Ludwig Napoleon aus Ham (Mai 1846) ließ sich der kranke Vater nach Livorno bringen und starb hier 25. Juli 1846, ohne den Sohn wiedergesehen zu haben. Ludwig B. war ein durchaus achtungswerter Mann, der die ihm aufgedrungenene Krone mit Würde trug und mit Ehren niederlegte. Als Schrift-Rame hat er sich mehrfach bekannt gemacht. Sein Roman «Marie, les peines de l'amour, ou les Hollandaiseso (3 Bde., Par. 1808), enthält eine Schilderung der holländ. Sitten. Über seine und seines Hauses Verhältnisse, vorzüglich über die Verwaltung Hollands, erstattete er einen umständlichen Bericht in dem wichtigen Werke Documents historiques et réflexions sur le gouvernement de la Hollande, par Louis B., ex-roi de Hollande- (3 Bde., Par. 1820, Lond. 1821). Ferner hat er herausgegeben: Essai sur la versiflcationo (2 Bde., Rom 1825—26), (Mistoire du parlement anglais⸗ (Bd. 1, Par. 1820) und «&Observations de Louis B., comte de St.-Leu, sur L'histoire de Napoléon par M. de Norvins, (Par. 1834). Ludwig B. wurde 3. Jan. 1802 nach dem Willen seines Bruders mit Hortense Beauharnais, der Tochter des Generals Beauharnais (s. —* und der nachmaligen Kaiserin fuber ine, vermählt. Er verzichtete damit auf ein 120Dut Verhältnis und diese Dmnden an trug viel dazu bei, seinen Geist niederzudrücken; auch lag darin die Ursache seines spätern Mißverhältnisses zu seiner Gemahlin und seiner Trennung von ihr. ie liebenswürdige und geistvolle Dorteuj e Eugenie Beauharnais, Napoleons I. Adoptivtochter und von diesem bef onders geliebt, Königin von Holland, später Herzogin von Saint-Leu, wurde 10, April 1783 zu Paris geboren. Nach der Hinrichtung ihres Vaters, bis zur Vermählung ihrer Mutter mit Napoleon (1796), wuchs sie unter ärmlichen Verhältnissen heran und wärde später in Ccouen bei Madame Campan erzogen, worauf sie in das mütterliche Haus zurückkehrte. Sie war dem General Desaix bestimmt, schlug diesen aber aus und heiratete 1802, nach dem Wunsche ihres Stiefvaters, dessen Bruder Ludwig. Als Königin von Holland lebte sie meist in Paris und Malmaison, Rach aber zuletzt ihrem Gemahl nach Holland. ach dessen Thronentsagung kehrte sie 1810 nach Paris zurück, wo sie ungeachtet der Scheidung ihrer Mutter von h% mit diesem in sehr gutem Vernehmen blieb. Um diese Zeit soll sie mit dem General Flahault das Verhältnis Don Rospy sein aus dem, wie es . 8 der Herzog von Morny (s. d. hervorgegangen ist. Sie war im Feldzuge 1814 die einzige unter den Napoleoniden, die Paris nicht verließ. Nach den Hundert Tagen hielt sie sich anfangs in Savoyen und der Schweiz, zu Augsburg, anach in Italien und später abwechselnd in Italien und zu Arenenberg (. d.) im Kanton Thurgau auf, wo sie sich angekauft hatte. Als 1830 der Aufstand in den röm. Marken ausbrach, an dem sich — beiden Söhne beteiligten, reiste sie ihnen auf ihrer Flucht unter großen Gefahren nach und fand, nachdem der ältere bereits zu Forli den Masern erlegen, den jüngern, ebenfalls erkrankten Sohn unweit Ancona, von wo sich beide heimlich auf franz. Gebiet retteten. u aris entdeckte sie sich dem König Ludwig Philipp, der sie sehr artig aufnahm, ging, als sie dessenungeachtet Frankreich verlassen H1 nach England, und begab sich später mit ihrem Sohne nach Schloß Arenenberg zurück. Im 5 1836 rief sie die Verhaftung hun Sohnes, des ätern Napoleon III., in Straßburg, noch einmal nach Frankreich, aber schon in Viry erhielt sie von Ludwig ichren den Befehl, das Land zu verlassen, und sah ihren Sohn, der auf ihren Wunsch aus Amerika zurückeilte, erst auf ihrem Totenbette wieder. Sie starb in Arenenberg nach schmerzlichen Leiden 5. Okt. 1837; ihre irdischen ÜUberreste wurden u Ruel bei Paris neben dem Sarge ihrer Mutter eigesetzt. Sie schrieb La reine Hortense en Italie, en France et en Angleterre pendant P'année 1831 (Par. 1833); auch war sie in Pumd; und mehrere ihrer Lieder leben noch im Munde des franz. Volks. Ihr Partant pour la Syries wurde offizielle Kriegshymne des zweiten Kaiserreichs. Aus ihrer Che stammten drei Söhne; der älteste Napoléon Charles, geb. 10. Okt. 1802, starb schon 5. März 1807; der zweite, Napoléçon Louis, eb. 11. Okt. 1804, nach dem Tode seines ältesten ruders Kronprinz von Holland, und von Napoleon I. am 3. Mai 1809 zum Großherzog von Kleve und Berg ernannt, vermählt mit Charlotte, der Tochter seines Oheims Joseph, lebte erst längere Zeit in der Schweiz, dann in Florenz, beteiligte sich mit seinem jüngern Bruder 1830 und 1831 an den Bewegungen in Oberitalien, besonders an dem Aufstande Ciro Menottis in der Romagna und starb 17. März 1831 zu Forli (angeblich an den Masern, wahrscheinlich aber infolge einer Verwundung); der dritte Sohn, %„ Louis Napoléon, war der Darke Ca aiser Napoleon III. (s. 1r Bonaparte (Carlotta, später Marie Pauline), Camillo Filippo Ludovico Fürst von Borghese (s. d.).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 307Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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