FeedBöse hei dderbengrohende
HeilkundeBrockhaus 1882

Böse hei dderbengrohende, wie 5 alles Schädbote oder Verderbendrohende, wie böse Krankheit, böse Umstände, böse Mienen; insbesondere aber das den sittlichen Zuständen Feindselige, welches störend in die Arbeiten und Rechte der einzelnen Personen wie der Judeupe und der Gemeindeverbände eingreift. Indem es nach der Wirkung des privaten oder öffentlichen Unheils geschätzt wird, das von ihm ausgeht, so muß je nach den verschiedenen ude und Bildungsstufen eines Volks auch die Ansicht vom Bösen bei ihm eine hh dar dene sein. Der Begriff des Bösen vertieft sich dadurch xů daß er als der Gegensatz des an sich Guten aufgefaßt und in dieser strengern Bedeutung von den zufälligen Sitten der einzelnen Kulturstufen unabhängig gemacht wird. eil das Gute oder Vernunftgemäße wegen der notwendigen Übereinstimmung der Vernunft mit sich selbst nur eins sein kann, so gilt dasselbe auch vom Bösen als dessen Gegenteil. Der Grundbegriff des Bösen in dieser Bedeutung ist die Selbstsucht, teils im positiven Sinne der Ungerechtigkeit als einer Verletzung fremder Rechte und rn teils im negativen der Schlaffheit in Erfüllung der Pflichten, welche das allgemeine Kulturwerk des Guten an jeden einzelnen stellt. Dabei wird das Raglnhen Böse als die Fehlerhaftigkeit vom vorsätzlichen Bösen und der Bosheit (s. d.) unterschieden. Denn das Böse erreicht einen um so höhern Grad, je mehr es mit vorbedachter Absicht und dabei ohne vorausgegangene Beleidigung ausgeübt wird, je mehr es also auf die Neigung schließen läßt, andern lieber I den als Nutzen zu bereiten. Insofern als die Selbstsucht oder das unbedingte Uberwiegen unserer persönlichen und Privatinteressen über die des Gemeinwohls den erfahrungsgemäßen Grundcharakter der menschlichen Natur „am 58 spricht man von einem angeborenen Hange zum Bösen und erkennt darin ein positives Prinzip (das Radikalböse), welches neben der Bernunst als dem Prinzip des Guten und Göttlichen im Menschen von Natur 1 Woten ist. Wer einen solchen radikalen Hang zum Bösen in der Menschennatur nicht annimmt, weil er den Menschen für gut von Natur hält, ist Optimist; wer jedoch jenen Hang für so stark hält, daß alles Arbeiten dagegen nichts hilft, ist Pessimist. Beide Denkweisen hängen zusammen mit den religiösen und philos. Theorien vom Ursprunge des Bösen. Von jeher waren alle Religionssysteme darin einverstanden, das Prinzip des Guten als der höchsten Vernunft in das göttliche Wesen und damit in den Ursprung der Welt zu verlegen, und fanden damit auch zugleich alle n das Problem des Bösen als eine schwierige Grundfrage der Metaphysik aufgegegeben, welche ihre verschiedenen Beantwortungen erfuhr, je nachdem man es begreifbarer fand, daß das Prinzip der Vernunft von Anfang an habe zu kämpfen gehabt mit entgegengesetzten Einflüssen, oder daß im Anfang nur das Vernünftige gewesen, das Böse und das übel aber erst durch Nebenumstände in die Welt getreten sei. Die erste Ansicht 50 sich am ees i geltend gemacht in der ehauptung eines zweifachen Urwesens, eines guten und eines bösen von Ewigkeit her (Dualismus). So findet sich die Ansicht ausgesprochen im Ormuzd und Ahriman des Parsismus und dem christlichen, aus der pars. Lehre 1) Verwandt n Manichäismus. (S. Manichäer.) Verwandt mit dem Manichäismus ist nach der einen Seite die bei Neuplatonikern und Gnostikern vorkommende Annahme einer gestaltlosen, dem göttlichen Weltbildner widerstrebenden Materie (Hyle), welche als ursprünglich böse, jedoch nicht als persönliches Wesen vorgestellt wird; verwandt nach der andern Seite die Anwelche eines Teufels als Urheber alles Bösen, welcher als persönliches Wesen, aber nicht als ursprünglich böse, sondern als böse geworden gilt. Diesen dualistischen Ansichten gegenüber Pi die, welche das Böse überhaupt nicht für ein Prinzip, sondern nur für einen mit der Weltentwickelung sich einstellenden Gadagaff mangelhafter Erscheinungen halten. So geschieht es in der ind. Lehre der Emanation aller Dinge aus dem Urwesen, wobei dieses Urwesen (Brahma) für das allein Wahre, die Erscheinungswelt aber mit allen in ihr vorkommenden Ubeln für eine bloße Täuschung angesehen wird. Ahnlich bei Plato, welcher das Gute für das Seiende in allen Dingen, das Böse und Mangelhafte für das in ihnen enthaltene Nichtseiende erklärte. Solchem Platonismus huldigte auch Leibniz in seiner Theodicee (s.d.), wo er dem Bösen in der von Gott geshaszenen besten Welt nur eine relative Bedeutung einräumte. Denn er nahm an, daß alles, was vergleichungsweise und außer dem Zusammenhange betrachtet als böse erscheint, im Zusammen ange mit dem Ganzen dennoch immer gut und folglich eigentlich auch in sich selbst nicht böse sei. Mit diesem, die Wesenheit des Bösen leugnenden Optimismus stimmt auch der Pantheismus des Spinoza überein, welcher das Böse für ein im Zusammen-I des Ganzen verschwindendes und damit weentlich negatives Moment der Weltentwickelung erklärt. Eine dritte, die psychol. Grundansicht vom Bösen, und zwar die, welche mit der Erfahrung am besten übereinstimmt sieht in demselben das Prinzip einer verkehrten Willensri tung, welche weder durch eine ursprünglich böse Materie gesetzt, noch durch einen gefallenen Urgeist veranlaßt wird sondern sich durch Mißbrauch der von Gott vnonscher Freiheit, also durch selbst ewählte Schuld von seiten der frei HH Geister einstellt, deren moralische Se bständigkeit darin besteht, daß ihr eigenes Lebensschicksal in ihre eigene Hand gegeben ist. Hiernach ist das Prinzip des Bösen zwar ein reales, aber kein universales oder Weltprinzip, sondern gehört Persone dem freien Einzelwillen der vernünftigen Personen an als dessen vernunftwidrige Richtung, und es erscheint auf diesem doten Aulh ebenso verkehrt, das Böse für einen bloßen Anschein, als dasselbe für eine teuflische Macht zu erklären: es hesteht vielmehr ein positives böses Prinzip für jede Person insoweit und insofern, als sie sich selbst zu einem solchen, nämlich zu einem aus dem sittlichen wesen voll Selbstsucht herabsetzt. Gemäß dieser Ansicht hat Kant in seiner Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunfte (1793) den uns angeborenen e tese Ber Hang e das Radikalböse erklärt und diese Verderbnis ber menschlichen Natur als eine freie 0 unsers ursprünglichen oder intelligiblen (der Er ahrung vorausgehenden) Charakters aufgefaßt. In ähnlichem Sinne, nur mit einer Beimischung mythischer Sinnbilder, haben christl. Kirchenväter, wie Origenes und Augustinus, den egoistischen Hang auf einen dem gegenwärtigen Lebenszustande vorausgegangenen freien Entschluß des Menschen gegründet, mit Zurückbeziehung teils auf das Sinnbild eines Falles er Geister bei Plato, teils auf das einer Entlassung des ursprünglich gutgeschaffenen Menschen aus dem Paradiese auf Veranlassung seiner Übertretung eines göttlichen Gebots. Teils an diese ältern Kirchenlehrer, teils an Kant schließen sich alle die neuern Philosophen und Theologen an, welche den Grund des Bösen weder in einem Grundprinzip (Teufel) noch in bloßen zufälligen Umständen der Weltentwickelung, sondern in einer ursprünglichen und der Erfahrung vorausehenden Willensrichtung der menschlichen Freiheit ½ wie Schelling, Franz von Baader, Schopenhauer, Schleiermacher, Jul. Müller u. a. Sünde.) Vgl. außer den ethisch-philos. Schriften von Wirth, Rothe, Chalybäus und J. H. Fichte besonders: Daub, „Judas Ischarioth, oder das Böse im zum Guten» (Heidelb. 1817); Herbart, «Gespräche über das Böse (Königsb. 1818); Blasche, „Das Böse im Einklange mit der Weltordnungo (Opz. 1827); Vatke, „Die menschliche Freiheit in Mem Verhältnis zur Sünde und zur göttlichen Gnader (Berl. 1841).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 363Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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