Chiliasmus (grch.) heißt der Glaube an ein 1000 Jahre dauerndes Reich der Frommen auf Erden voll überschwenglicher Herrlichkeit, welches Christus nach seiner sichtbaren Wiederkunft stiften werde. Die Wurzel dieses Glaubens ist die jüd. Messiashoffnung, welche in der Erwartung einer auf wunderbare Weise durch einen davidischen König herbeizuführenden Weltherrschaft ihren Mittelpunkt hatte. Diese Hoffnung ging zu den ältesten Christen über. Dieselben dachten sich ebenfalls das Reich des vom Himmel her wiederkehrenden Christus als ein irdisches Reich, also trotz seines sittlichreligiösen Gehalts doch in mehr oder minder sinnlichen Formen. Paulus unterschied die vollendete Gottesherrschaft, welche nach überwindung aller Feinde Gottes eintreten sollte, von einer Zeit der Herrschaft des wiedergekehrten Christus, welche der Überwindung jener Feinde gewidmet sein sollte (1 Kor. 15, 22—28). Die Offenbarung des Johannes bestimmte diese Zwischenperiode auf 1000 Jahre, und schilderte sie als eine Zeit irdischer Glückseligkeit der bei Christi Wiederkunft teils überlebenden, teils von den Toten erweckten Gläubigen (Kap. 20, 2 fg.). Der C. war in den beiden ersten Jahrhunderten der christl. Kirche, aupe: weh in judenchristl. Kreisen, allgemeiner Glaube, welcher nach Mitte des 2. Jahrh., als die urchristl. Erwartung teils zu erlöschen, teils unter dem Einflusse griech. Philosophie vergeistigt zu werden begann, r 8 einmal im Montanismus (s. d.) zu glühender Hoffnung angefacht ward. Auf der Offenbarung des Joannes beruht die Erwartung, daß der Wiederkunft hristi eine Zeit gesteigerter hopther und die Er-Uher den des Antichrists (s. d.) vorhergehen, dann aber der Messias erscheinen, den Satan auf 1000 Jahre shr das röm. Heidenreich stürzen und die Weltherrschaft der Gläubigen beginnen werde. Nach Ab 4* dieser 1000 Jahre sollte Satan auf kurze Zeit abermals loskommen, aber alsbald besiegt werden und nach der zweiten Auferstehung und dem Endgericht die ewige Seligkeit der himmmen in dem auf die Erde herabgestiegenen himmlischen Jerusalem anheben. Selbst sinnliche Hoffnungen der krassesten Art fehlten nicht. Ein Kirchenlehrer des 2. Jahrh. versichert, es aus des Joannes eigenem Munde gehört zu haben, daß im kessiasreiche ungeheuere Kornähren und ungeheuere Weinstöcke mit einer Fruchtbarkeit ohnegleichen wachsen und den Frommen ihre Früchte ohne Mühe zum Genusse entgegenbringen würden. Die ältern Kirchenlehrer deuteten auch die Schöpfungsgeschichte chiliastisch: das 1000jährige Reich fanden sie angedeutet in dem siebenten Tage, da Gott ruhetev. Weil 1000 Jahre nach Ps. 90, 4 vor Gott wie ein Tag sind, so schloß man auf eine 6000jährige Weltdauer, auf welche dann der große Sabbat oder der siebente Welttag, das Messiasreich, folgen werde. Die Zeit seines Eintritts ward von den ältesten Christen täglich und stündlich erwartet: die Apostel hofften die Wiederkunft Christi noch zu erleben, und als gegen Mitte des 2. Fahan. diese Hoffnung weiter in die Ferne zurücktrat, kündigten neue Propheten das 1000jährige Reich aufs neue in unmittelbarer Nähe an (so die angeblichen Prophetenbücher des Hermas und des Elxai, die Weissagungen des Montanus und der Prophetinnen Maximilla und Priscilla), und selbst im Namen der heidnischen Sibylle wurden Weissagungen in Umlauf gesetzt voll der glühendsten Hoffnungen auf die baldige Zukunft des Messiasreichs. Als auch diese Erwartung getäuscht ward, beraumte man die Zeit auf 365, 500, späterhin 1000 Jahre nach Christi uiche Erscheinen an. ö Die chiliastische Hoffnung ist zu keiner Zeit völlig aus der Kirche geschwunden, obwohl ihr schon seit der Mitte des 2. Jahrh. eine geistigere Auffassung der künftigen Dinge gegenübertrat. Während die «rechtgläubigsten» Kirchenlehrer des 2. Jahrh., Papias, Justin, Irenäus, Hippolyt, Tertullian Chiliasten waren, traten ihnen zuerst die Gnostiker mit ihrer Lehre von einer nur geistigen Fortdauer, danach gleichzeitig die idealistische Alexandrinische Schule und der nüchterne röm. Klerus entgegen. Aber so wenig es dem röm. Presbyter Cajus gelang, die chiliastische Hoffnung als Ketzerei des Cerinthus (s. d.) zu verdächtigen, so wenig konnte in Alexandria Origenes mit seinen ideglen Ausdeutungen der Verheißungen und der gelehrte Bischof Dionysius (gest. 266) mit seinen Beschwichtigungsversuchen durchdringen. Seit dem 4. Jahrh. wurde rmißt, sind unter K aufzusuchen. beu bei den Orientalen die geistigere Auslegung er Offenbarung des Johannes ziemlich allgemein. Im Abendlande teilten noch Commodian (um 250) Und Lactantius (um 320) die sinnliche Hoffnung der alten Kirche. Erst seit das Christentum Staatsreligion geworden war, brauchte man das «Reich Gottes auf Erden » nicht mehr in der Zukunft zu rr. Dennoch tauchte die chiliastische Hoffnung in Zeiten großer äußerer Bedrängnis von Zeit zu Zeit wieder auf, wie ums J. 1000 n. Chr., wo man dem Jüngsten Tage entgegensah; danach riefen die Kreuzzüge, die Kämpfe der Hierarchie mit dem Kaisertum, der , hnuhes des Klerus, der Schwarze Tod u. s. w. ähnliche Erwartungen hervor. Gegen Ende des 12. Jahrh. verkündigte Joachim von Uchten Kuch um 1201) im Gegensatze zur verweltichten Kirche ein Kgewiges Evangelium »,‚ und bei verschiedenen, von der Priesterkirche verfolgten Parteien regte sich die Hoffnung auf ein nahe bevorstehendes Zeitalter des 70 hnt, Schon im Mittelalter hatte man sich gewöhnt, aus der Offenbarung des Johannes die ganze Kirchengeschichte herauszulesen. Die Reformatoren sahen im Papsttum den geweissagten Antichrist und verkündigten seinen baldigen Sturz. Aber als die Schwarmgeister » oder Wiedertäufer das Reich Christi in irdischer Herrlichkeit aufrichten wollten, ward der C. von der Augsburgischen, ebenso wie von der Helvetischen Konfession verworfen, weil das 1000jährige Reich nicht in der Zukunft, sondern in der Verangenheit liege. Dafür fand der C. um so eifrigere Pflege bei theosophischen Schwärmern, an denen das 17. Jahrh. reich war. Während der Religionskriege in Frankreich und Deutschland, der Revolutionsstürme in England suchten die Verfolgten Trost in chiliastischen Träumen. Die Böhmischen und Mährischen Brüder, die Camisarden in den Cevennen und eine Menge kleinerer mystischer und Rosentrenzer Parteien, wie die Weigelianer und osenkreuzer in Deutschland, die Labadisten in den Niederlanden u. s. w. malten sich je nach ihrem besondern Geschmack auch die Herrlichkeiten des 1000jährigen Reichs aus, und in England suchten sogar Emlan Naturforscher, wie Thomas Burnet und illiam Whiston, den C. geologisch zu rechtfertigen. Im luth. Deutschland verkündigte der (1692 abgesetzte) Prediger Wilh. Petersen den Anbruch eines Bilder Weltreichs, und Swedenborg (s. d.) wendete ilder der Apokalypse an, um die einstige Verklärung der Sinnenwelt zu Ur belieh Die bis in die Mitte des 18. Jahrh. sehr beliebte Beschäftigung mit Grübeleien über die prophetischen Bücher der Bibel, besonders über die Apokalypse, unterhielt namentlich in pietistischen Kreisen den Geschmack an chiliastischen Vorstellungen. Aber erst mit Joh. Albr. Bengel (s. d.) und seinen Schülern eroberte sich der C. gewissermaßen Bürgerrecht in der luth. Kirche. Bengel berechnete die Zeit, in der das Reich Christi anbrechen werde, auf das J. 1836. Unter Deulev Schülern war Christ. Aug. Crusius der beeutendste. Mit ähnlichen Weissagungen unterhielten Lavater und Jung-Stilling eine auserwählte Gemeinde von Gläubigen bis ins 19. Jahrh. hinein, und der schwäb. Theosoph Oetinger ersann eine eigene Theorie von der «Leiblichkeit » als dem „Ende der Wege Gottes v. Später haben Hofmann, Delitzsch und Kurtz unter den Lutheranern, Peter Lange, Ebrard, Auberlen u. a. unter den Reformierten cauf Grund der Schriftv, Rothe im Zusammenhange mit andern theosophischen Ideen einen zum Teil bis ins kleinste Detail hinein ausgemalten C. vertreten. Eine württemb. Sekte mahnte im Anschluß an chiliastische Vorstellungen alle Kinder Gottes zum Auszuge nach Jerusalem, um dort ein auserwähltes Gottesvolk zu sammeln, als Mittelpunkt der künftigen Messiasgemeinde auf Erden. Die Mormonen aber legten als die «Heiligen der letzten Tager am Salzsee in Neucalifornien den Grund zu dem neuen Zion, von wo die Wiederverklärung der Natur zur verlorenen Paradiesesunschuld erfolgen soll. (S. Antichrist und Apokalyptiker.) Vgl. Corrodi, «Kritische Geschichte des C.y (2. Aufl., 4 Bde., Zür. 1794). ů