FeedCondillac (Etienne Bonnot de Mably)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Condillac (Etienne Bonnot de Mably), einer Bruder des Abbé Mably (s. d.), war geb. zu Grenoble 30. Sept. 1715. Er wandte sich im reifern Jugendalter philos. Forschungen zu und gab in seinem 30. Jahre den Essai sur Lorigine des connaissances humaines o (2 Bde., Amsterd. 1746; deutsch von Hißmann, Lpz. 1780) heraus, durch welchen er zur Verbreitung der Ansichten Lockes in Frankreich und zu deren weiterer Entwickelung weentlich beitrug. Zur Widerlegung der nicht von der Erfahrung ausgehenden metaphysischen Systeme schrieb er den Traité des systèmesv(2 Bde., Amsterd. 1749), welchem der Traité des sensationso (2 Bde., Amsterd. 1754) und der Traité des animauxo (Amsterd. 1755) folgten. Durch alle diese Schriften, die sich teilweise durch feine und sorgfältige uen Mert auszeichnen, wurde C. einer der wichtigsten Vertreter des Sensualismus (s. d.). Er hielt die Funktionen des Denkens nur 50 abgeleitete Arten des Empfindens, verwarf alle angeborenen der Me und Instinkte, indem er behauptete, daß der Mensch sich alle Geschicklichkeiten erst durch Übung erwerbe, und erklärte auch die Begehrungen und Triebe aus einem Spiele von Empfindungen. Da ferner der Verstand nach C. nichts sei als ein Sprachvermögen, nämlich eine Fertigkeit im Gebrauche der Zeichen für gehabte Empfindungen, * gebe es überhaupt keine andern Vermögen der Seele, als eben die Empfindungen selbst. C̃s Kenntnisse und gemessenes Benehmen verschafften ihm die Stelle eines Erziehers des Infanten von Parma, Neffen Ludwigs XV. Er schrieb für ihn den «Cours d'étudeso, der zuerst zu Parma (13 Bde., 1775) gedruckt wurde. C. war 1768 Mitglied der Französischen Akademie geworden, die er aber seit dem Tage seiner Lache nicht wieder besucht hat. Er lebte sehr zurückgezogen und starb auf seinem Gute Flux bei Beaugency 3. Aug. 1780. Außer den genannten Schriften sind noch von ihm zu erwähnen: „Le commerce et le gouvernement considérés relativement l'un à lautrep (Amsterd. u. Par. 1776), welche Schrift ihm den Tadel der konomisten zuzog; sodann seine Logiquep (Par. 1781), die er als Lehrbuch für Schulen ausarbeitete; endlich die Langue des calculso, die posthum 1798 gedruckt wurde. Seine Oeuvres compleètesv erschienen öfters (zuerst 23 Bde. Par. 1798; dann 32 Bde., 1803; 16 Bde., 1824. Die Lehre C.s hat dadurch eine so nachhaltige Wirkung gehabt, daß sie zwar reiner Sensualismus war, ohne jedoch dabei in Materialismus überzugehen: er darf als der ausgeprägteste und einflußreichste Vertreter des Sensualismus gelten, der auch da bestimmend gewirkt hat, wo die franz. Philof ophie des 19. Jahrh. ihn bekämpft hat. Seinem Einflusse ist die innerhalb derselben überall herrschende Ansicht zuzuschreiben, daß die erkenntnis-theoretischen Fragen durch psychol. Einsicht zu erledigen seien.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 554Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 7

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6