FeedDemosthenes
Recht & StaatBrockhaus 1882

Demosthenes, der ausgezeichnetste Redner des griech. Altertums, wurde 384 v. Chr. zu Athen geboren. Sein dem Sohne gleichnamiger Vater, der Besitzer einer bedeutenden Waffenfabrik, hinterließ bei seinem Tode dem damals siebenjährigen Knaben den größten Teil eines für die damaligen Verhältnisse bedeutenden Vermögens (nach D.“ eigener Angabe über 13 Talente =etwa 62000 Marh), dessen Verwaltung er drei Vormündern übertragen hatte, die jedoch das anvertraute Gut gewissenlos verwalteten. Dieser Umstand wirkte nicht nur auf die frühzeitige ernste Lebensanschauung des D. und sein srenger Gefühl von Rechtlichkeit, sondern auch auf seine Berufswahl entschieden ein; denn er selbst sührte, nachdem er einige Zeit bei dem berühmten Redner Isäos Unterricht in der Beredsamkeit genossen, im J. 363 den Prozeß gegen seine Vormünder und gewann ihn. Er schrieb dann auch als Anwalt in Privatprozessen für andere die von ihnen zu haltenden Reden und trat später auch als Gerichtsbeistand in öffentlichen Sachen auf. Seinem Auftreten als öffentlicher Redner hatte die Natur große Hindernisse entgegengestellt; namentlich Kurzatmigkeit und eine undeutliche, etwas stotternde Stimme. Über die bewunderungswürdige Energie, mit der D. diese angeborenen Hemmnisse beseitigte, sind verschiedene Geschichten und Sagen überliefert. Am besten beglaubigt ist, daß er mit kleinen Kieseln im Munde und laufend und bergesteigend sich zu reden gewöhnte, sowie daß er vor einem hohen Spiegel Bewegungen und Geberdenspiel studierte. Nach mühevollen Vorbereitungen und mehrjähriger Thätigkeit als Anwalt trat er als Staatsmann seit 354 v. Chr. auch vor der Volksversammlung auf und hielt jene meisterhaften Reden, von denen seine Gegner zwar sagten, daß sie nach der Lampe röchen, welchen aber die Nachwelt den ersten Platz unter den Werken der Beredsamkeit angewiesen hat, Reden, in denen er die Athener mit wachsender Enerie und praktischer Klugheit zu Mut, Ehrgefühl und aterlandsliebe, hauptsächlich aber zum entschiedensten Widerstande gegen den König Philipp von Macedonien entflammte, dessen für die Freiheit und Selbständigkeit Athens und der griech. Staaten überhaupt verderbliche Pläne er (namentlich seit 346) vollkommen durchschaut Nam Die erste seiner unter dem Namen der Philippischen berühmten Reden hielt er 351 v. Chr.; seit dem olynthischen Kriege trieb er bei jedem neuen Anlaß zum entschlossenen, konsequenten Widerstand gegen Philipp und zur Unterstützung der von diesem bedrohten und angegriffenen Städte. Aber lange Jahre gelang es ihm nicht, die kurzsichtige, zum Teil selbst verräterische Partei des Friedens um jeden Preisv von der Staatsleitung zu verdrängen und die Athener wirklich durch seinen Feuergeist fortzureißen; sie führten seine Ratschläge lange gar nicht oder doch nicht mit der erforderlichen Energie und Konsequenz oder zu spät aus. Im J. 346 ging D. selbst zweimal als Gesandter an den Hof Philipps, aber nicht allein, sondern mit zehn andern, die Philipp meist für sich gewann (346 v. Chr.). Der damals vereinbarte, für Athen ohnehin ungünstige Friedensvertrag ward durch die Pflichtyersäumnis der Gesandtschaft noch nachteiliger für die Stadt. Als sich dies aber bald herausstellte, als Philipp, verbündet mit den Thebanern, die Phoker niedergeworfen und an Stelle derselben sich zum Mitgliede des Amphiktyonenbundes gemacht hatte, da raffte sich Athen seit 345 unter Führung des D. zu thatkräftigerm Widerstande auf. Es fehlte nicht an Erfolgen für Athen, und namentlich der Krieg gegen Perinth und Byzantion (340 und 339) endete für Philipp nicht glücklich. Als aber sog. hei inzwischen (339) durch Aschines einen neuen sog. heiligen Krieg in Delphi gegen die ozolischen Lokrer angezettelt und dann, von den Amphiktyonen herbeigerufen, in Phokis eingedrungen war und zu Elateia eine drohende Stellung zu Anfang des J. 338 eingenommen hatte, gelang es dem D., der schon 340 einige Staaten bewogen hatte, sich zu einem Bunde mit Athen zu vereinigen, selbst Theben und Athen auszusöhnen und zu gemeinsamer Kriegführung gegen Philipp zu bestimmen. Auch wurde eine zahlreiche riegsmacht gegen Philipp zusammengebracht, die anfangs nicht ohne Glück operierte, bis sie in der Schlacht bei Chäronea (s. d.), in welcher die Freiheit Griechenlands den Todesstoß erhielt, der wohlgeschulten macedon. Armee unterlag (2. Aug. 338 v. Chr.). Unmittelbar nach der Schlacht wurde dem D. der ehrenvolle Auftrag vom Staat erteilt, die Leichenrede zum Andenken an die bei Chäronea gesallenen Athener zu halten, und später wurde ihm auf den schon im 336 gestellten, aber infolge einer Klage des Äschines wegen Gesetzwidrigkeit uspen dierten Antrag des Ktesiphon vom athen. Volke eine Bürgerkrone zuerkannt, nachdem D. 330 mit seiner berühmten Rede «Über den Kranzo die Zurückweisung der Klage des Äschines (s. d.) und dessen Verurteilung herbeigeführt hatte. Als Philipp im Aug. 336 ermordet ward, wirkte D. im Verein mit andern Patrioten mit allen Kräften für eine Er-Uche N gegen Macedonien; aber Alexanders schreckliche Rache an Theben (im Herbst 335) setzte die Athener so in Schrecken, daß sie um Gnade flehten. Nur mit Mühe war Alexander zu bewegen, von seinem Verlangen abzustehen, daß ihm der von den Macedoniern gefürchtete D. und einige andere Redner ausgeliefert würden. Später (324) von der maeedon. Partei beschuldigt, vom Harpalos bestochen worden zu sein, wurde er 235761 0 zu einer Geldstrafe von 50 Talenten H. ark) verurteilt und, da er sie nicht bezahlte, ins Gefängnis geworsen, aus dem er jedoch entkam und nach Ägina floh, wo er bis nach Alexanders Tode blieb. Dann ehrenvoll zurückberufen und von der ganzen Bürgerschaft am Hafen empfangen (Ende des J. 323), unterstützte er aufs lebhaftest die von dem Feldherrn Leosthenes und dem Redner Hypereides vertretene Politik des Kriegs gegen Antipater. Als aber der lamische Krieg im Sommer 322 eine für Athen unglückliche Wendung nahm und Antipater auf seiner Auslieferung bestand, floh er in den Tempel des Poseidon auf der Insel Kalauria, an der Küste von Argolis, und tötete sich hier, wo er von den Schergen des Antipater ergriffen werden sollte, 12. Okt. 322 v. Chr. durch Gut, das er stets bei sich trug. Unter seinem Namen sind noch 61 (oder eigentlich 60) Reden erhalten, unter denen mehrere jedoch schon von alten Kritikern als ihm nicht angehörig erkannt worden sind, ferner 56 jedenfalls zum Teil we von D. herrührende Eingänge und 6 Briefe welche, nach den neuesten Untersuchungen jedoch mit Unrecht, sämtlich für unecht galten. Unter den Gesamtausgaben sind zu erwähnen die in den Oratores Atticip von Bekker (Oxf. 1823 und Berl. 1824) und von ½1 und Baiter (Zür. 1841 fg.), die von Vömel (2 Bde., Par. 1843 u. 1845; neue Ausg. 1868) und von Dindorf (9 Bde., Oxf. 1846—51), sowie die Textausgaben von Bekker (Lpz. 1854— 55) und Dindorf (3. Aufl., Lpz. 1855—56); unter den Ausgaben mehrerer Reden die kritischen der Reden IXXVIIH und XVIIIXX von Vömel (Halle 1856—57 und Lpz. 1862 u. 1868), von denen mit erklärenden Anmerkungen die von Westermann und Rehdantz (je 3 Bde., in wiederholten Auflagen, die eine Berl. 1860 fg., die andere Lpz. 1865 fg.) und die mit kritischen und exegetischen Anmerkungen ausgestattete der „Harangues v von Weil (Par. 1873); außerdem sind als Herausgeber verschiedener Reden F. A. Wolff, Buttmann, Ammersfoordt, Dissen, Franke, Weber, Vömel, Rüdiger, Arnold zu nennen. Unter den Übersetzungen sind die der Staatsreden von Jacobs (2. Aufl., Lpz. 1833) und die der ausgewählten Reden von Westermann (Stuttg. 1859 fg.) wie von Rauchenstein und Döderlein (Stuttg. 1854 fg.) hervorzuheben. Von einer Ausgabe der Werke des D., griechisch und deutsch zum Teil von Köchly und Benseler, sind 10 Teile erschienen (Lpz. 1842 fg.). Für das Leben des D. ist das Hauptwerk: A. Schäfer, «D. und seine Zeito (3 Bde., Lpz. 1856—58; 2. Aufl. 1882 fg.); über D.' oratorischen und ethischen Charakter vgl. Girard, Etudes sur l'éloquence attiquev (Par. 1874); Croiset, Des idées morales dans I'éloquence politique de Demosthènes (Par. 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 46Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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