FeedDerfflinger (Georg, Reichsfreiherr von)
GeschichteBrockhaus 1882

Derfflinger (Georg, Reichsfreiherr von), auch Dörfling genannt, brandenb. Generalfeldmarschall, einer der bedeutendsten deutschen Reiterführer und Hauptbegründer der preuß Militärmacht unter dem Großen Kurfürsten, geb. 10. März 1606 zu Neuhofen in Osterreich ob der Ens als der Sohn eines armen prot. Bauern, verließ wegen religiöser Bedrückung als Kind mit den Eltern die Heimat und kam nach Böhmen, trat dort 1620 in das Gefolge des Grafen Thurn ein, nahm 8. Nov. 1620 an der Schlacht am Weißen Berge teil und begleitete den Grafen Thurn nach Siebenbürgen, wo er dem Fürsten Bethlen Gäbor mehrere Jahre diente, sowie späterhin nach Brandenburg. trat, wahrscheinlich 1627 nach Zersprengung des Korps durch die Kaiserlichen, in schwed. Dienste. Niemals war D. Schneidergeselle, wie dies vielfach verbreitet worden ist. J. 1635 wurde er Oberstlieutenant, 1638 Oberst zu Pferd, 1642 Generalmajor. Er focht vom Jahre 1630 ab unter Gustav Adolf, Baner und Torstenson, that sich wiederholt durch kühne Handstreiche (1636 bei Halle und der Moritzburg, 1637 in Thüringen) hervor und überbrachte 1642 der Königin Christine die Botschaft vom Siege zu Breitenfeld. Seine Beförderung zum General verdankte er Torstensons Empfehlung und seiner Leistung gelegentlich einer Deitorn Sendung nach Siebenbürgen. Nach dem Westfälischen Frieden nahm D. seine Entlassung, wohnte anfänglich in Berlin, dann in Gusow, welches er gekauft hatte und mit Eifer wirtschaftlich in die Höhe zu bringen wußte, und trat 16. Aug. 1655 als Generalwachtmeister in brandenb. Dienste, wo er sich durch Klugheit und Tapferkeit in den Kriegen gegen Polen, Dänen, Schweden und Franzosen auszeichnete und rasch weiter aufstieg. Er wurde 1657 Generallieutenant und Wirkl. Geh. Kriegsrat, 1658 Generalfeldzeugmeister, 1670 Generalfeldmarschall, 1677 Obergouverneur der pommerschen Festungen, 1678 Statthalter von Hinterpommern und Kammin. Seine be Warschmlt Waffenthaten sind die Schlacht bei Warschau (im Juli 1656) und die Schlacht bei Fehrbellin, welche er an der Spitze von 6500 Reitern entschied (Juni 1675), sowie der vorhergehende überfall von Rathenow, dann die Befreiung Berlins, Pommerns und der Neumark von den poln. Tatarenhorden (1656), die Eroberung von Stralsund (1678) und der Winterfeldzug gegen die Schweden 1678 — 79. Die Aufbringung und Schulung der brandenb. Reiterei war großenteils D.s Verdienst, auch bildete er die Dragoner für die Doppelverwendung als leichte Reiter und Fußkämpfer aus. Der Große Kurfürst bediente sich Dis auch mehrfach zu Gesandtschaften. Im J. 1672 nahm D., welcher sich zurückgesetzt glaubte, den Abschied, trat indes im folgenden Jahre wieder in den Dienst des Kurfürsten, wurde auf Antrag des letztern vom Kaiser in den Reichsfreiherrenstand erhoben (10. März 1674) und begleitete denselben als Feldmarschall in diesem und dem folgenden Jahre in den franz. Krieg. Für seine Leistungen dort und bei Fehrbellin empfing er eine Dotation im Betrage von 140000 Thlrn. D. war zweimal verheiratet: 1646 mit Margarete von Schaplow, 1655 mit Barbara von Beeren (gest. 1665), und hatte zwei Söhne und vier Töchter. Er starb 4. Febr. 1695 zu Gusow (bei Küstrin) und wurde in der dortigen Kirche bestattet. Der jüngere Sohn fiel 25. 9 1686 vor Ofen, der sältere starb 1724 zu Gusow als Generallieutenant ohne Nachkommen. Dis vier Töchter verehelichten sich mit höhern brandenb. Offizieren, und seine Enkel zweigten sich in die Familien Graf Podewils, Graf Schönburg, Graf Haugwitz, Graf Stolberg, von Bismarck, von Bonin. D.s Stammgüter Gusow und Platkow kamen 1804 in die gräflich Schönburgsche Verwandtschaft. Vgl. Varnhagen von Ense, «Biographische Denkmaley (Bd. 2, Berl. 1826; 2. Aufl., Bd. 1, Lpz. 1872) und Graf zur Weißenfeld, Derfflinger» (Berl. 1880).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 71Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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