FeedDescartes (René)
ReligionBrockhaus 1882

Descartes (René), gewöhnlich Renatus Cartesius genannt, einer der Reformatoren der Philosophie, mit welchem man oft die neuere Philosophie beginnen läßt, der einzige 31. Hnr, 1596 u Philosoph der Franzosen, geb. 31. März 1596 zu Lahaye in Touraine, zeigte schon in der Jesuitenschule zu Lafleche, wo er Philologie, Mathematik und Asronomie studierte, ungemeinen Scharfsinn. Nachdem er einige Zeit auf Reisen zugebracht, um seine Kenntnisse und Erfahrungen zu erweitern, trat er als Freiwilliger in das Heer des Prinzen Moritz in Holland. Von hier ging er nach Deutschland und trat in bayr. Dienste unter General Tilly; da er jedoch als Soldat wenig Gewinn für seinen Zweck sah, nahm er 1621 den Abschied. Nach verschiedenen Reisen und nachdem er 1628 noch einmal als Soldat der Belagerung von Larochelle beigewohnt hatte, kehrte er endlich nach Holland zurück, wo er seine meisten Schriften ausarbeitete, viele Schüler an sich zog und auch in mehrere gelehrte Streitigkeiten, besonders mit den Theologen, verwickelt wurde. Obschon er die Unabhängigkeit liebte, so ließ er sich dennoch bereden, 1649 nach Stockholm zu gehen, wo die Königin Christine seinen gelehrten Umgang und Unterricht wünschte. Wenige Monate nach seiner Ankunft starb er daselbst 11. Febr. 1650. Sein Leichnam wurde 16 Reche später nach Paris gebracht und in der Kirche der heil. Genevieve du Mont beigesetzt. D. war nicht verheiratet; über den Tod einer natürlichen Tochter, welche noch als Kind starb, war er untröstlich. Im J. 1852 wurde ihm in Tours ein Denkmal (Statue von Nieuwerkerke) gesetzt. Eine feste philos. überzeugung war bei D. der Zielpunkt seines Strebens. Das Resultat seiner Forschungen stellte er besonders in seinem Discours sur la méthodep (unter den Essais philosophiqueso 1637), den Meditationes de prima philosophia (Amsterd. 1641; zum akademischen Gebrauch herausg. von Barach, Wien 1866) und «Principia philosophiaep (Amsterd. 1644) auf. Er ging darin von einem allgemeinen Zweifel an allem seinem bisherigen Wissen aus. Der einzige Satz, der sich nicht wegzweifeln läßt, ist ihm der: Ich denke, also bin ich (Cogito, ergo sum). Diesen benutzt er, um festzustellen, daß alles, was klar und deutlich gedacht werde, wahr sein müsse. Unter diesen klaren und deutlichen Gedanken findet er die Idee Gottes als des vollkommensten Wesens als eine angeborene, von welcher nicht der unvollkommene Mensch, sondern nur Gott selbst der Urheber sein könne. Hierauf gründet sich sein Beweis für das Dasein Gottes, sodaß nun das Dasein Gottes, der nicht täuschen könne, wieder rückwärts als Beleg der Wahrheit des deutlich Gedachten benutzt wird. Die Grundbestimmung seiner philos. Ansicht ist dabei ein streng festgehaltener Dualismus zwischen Geist und Materie, als der denkenden und ausgedehnten Substanz, dergestalt, daß beide nicht aufeinander einwirken können. Um sich daher den Zusammenhang zwischen leiblichen und geistigen Erscheinungen zu erklären, nahm er seine Zuflucht zu einer fortwährenden Mitwirkung (concursus) Gottes, woraus später der Occasionalismus (s. d.) und das System der prästabilierten Harmonie (s. Leibniz) hervorging. Den Tieren sprach er jede Beseelung, also auch Empfindung, ab und erklärte sie für belebte Maschinen. Am meisten imponierte seinem Zeitalter in Rücksicht auf die Erscheinungen der Körperwelt soph mechan. Naturphilosophie (Korpuskularphilosophie), d. h. sein Versuch, alle Erscheinungen der Körperwelt lediglich aus der Bewegung der letzten Bestandteile der Körper zu erklären. Daß er die Korpuskularphilosophie an die Stelle der bisherigen Ansicht, nach welcher man für jede Erscheinung besondere Bualitäten und Kräfte annahm, setzte, war eine die ganze Ansicht von der Natur verändernde Reform. Noch größere und dauerndere Verdienste erwarb sich D. um die Mathematik, und seine arithmet. Entdeckungen haben hier bahnbrechend gewirkt. D. war der Schöpfer der analytischen Geometrie. Er erkannte zuerst die wahre Bedeutung der negativen Wurzeln der Gleichungen; er fand die Anzahl der positiven und der negativen Wurzeln in den Abwechselungen der Zeichen für die Glieder jeder Gleichung; er gab eine neue und sinnreiche Auflösung der Gleichungen des vierten Grades; er führte zuerst die Exponenten ein und legte dadurch den Grund zu den Rechnungen mit Potenzen. Er lehrte ferner, wie man an jedem Punkt einer geometr. Kurve Tangenten und Normalen ziehen soll, und zeigte, wie man die Natur und die Eigenschaften jeder Kurve durch eine Gleichung den kamn zwei veränderlichen Koordinaten ausdrücken kann. Seine „Géometries (1637), welche Schooten mit einem trefflichen Kommentar begleitete (Leid. 1649), und seine «Dioptrique (1637) werden ein immerwährendes Denkmal seines Talents und Scharfsinns bleiben. Weniger glücklich war D. in seinen kosmologischen Bemühungen, in welchen er die Bewegung der Himmelskörper durch Wirbel (tourbillons) erklären wollte, welche in Strömungen des das Weltall erfüllenden Athers bestehen sollten, eine Theorie, die wohl damals und selbst noch lange nach Newtons Entdeckungen viel Aufsehen gemacht und viele Anhänger gefunden hat, die aber längst der Vergessenheit übergeben worden ist. D.' mathem. und philos. Werke, welche in lat. Sprache abgefaßt sind, wurden zu Amsterdam (9 Bde., 1692—1701; franz., 13 Bde., Par. 1722— 29) und später französisch von Cousin (11 Bde., Par. 1824 — 26) herausgegeben. Sein Leben beschrieben Tepelius Nürnb. 1674), Bayle (Amsterd. 1681) und Baillet (Par. 1691). Unter seinen Schülern und 1½½n sind vorzüglich zu nennen der Arzt Louis de la Forge; der Herausgeber seiner nachgelassenen Schriften, Claude de Clerselier, gest. 1686; Pierre Sylvain Regis, 1632—1707; Joh. Clauberg, 1625—69, und die Jansenisten von Portroyal, Arnauld, Pascal (s. d.) und Nicole. Übrigens hat es ihm auch nicht an Gegnern gefehlt, unter denen Gassendi, Daniel, Huet, Hobbes die bedeutendsten, die Theologen der holländ. Universitäten die erbittertsten waren. Die wesentlichsten Schriften D. haben Kuno Fischer (Mannh. 1863) und Kirchmann (4 Bde., Berl. 1870) übersetzt. Vgl. Bouillier, Histoire de la philosophie Cartésiennep (2 Bde., Lyon 1854; 3. Aufl., Par. 1868), und die ausführliche Darstellung der Cartesischen Philoso-Ino bei , . Aufl, (õ Mam der neuern Phiosophien, 3. Aufl., Bd. 1, Münch. 1878); ferner Löwe, «Das spekulative System des René D. v (Wien 1855); Schmid aus Schwarzenberg, Rene D. und seine Reform der Philosophiev (Nördl. 1859); Millet, D., sa vie, ses travaux, ses découvertes avant 16375 (Par. 1867); derselbe, D., son histoire depuis 16375 (Par. 1870). über D. Verdienst um die Physiologie vgl. Bertrand de Saint-Germain, «D. considéré comme physiologiste et comme médecino (Par. 1869). Über seine psychol. Ansichten vgl. A. Roch, Die Psychologie D'. v (Münch. 1881), über seine Erkenntnistheorie Natorp, D. Erkenntnistheorier (Marb. 1882). eseendenten (lat.), d. h. Nachkommen: Kinder, Enkel u. s. w., im Gegensatz zu den Aseendenten oder Vorfahren: Eltern, Großeltern u. s. w. Die Reihenfolge der erstern, Sohn, Enkel u. s. w. bildet die absteigende, die umgekehrte Reihenfolge der letztern die aufsteigende Linie. Beide Linien zusammen bilden, wie es auch der Stammbaum versinnlicht, die agerader Linie der Verwandtschaft, im Gegensatz zu den Seitenverwandten.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 78Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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