FeedDispersion
TechnikBrockhaus 1882

Dispersion oder Farbenzerstreuung ist eine Erscheinung, welche mit der Brechung des Lichts verbunden ist, und daher besonders auffallend stattfindet, wenn ein Strahl farblosen Lichts durch ein Glasprisma s (s. umstehende Figur) so hindurchgeht, daß er in eine Seitenfläche ein⸗ und aus einer andern, geg. jene geneigten Seitenfläche wieder austritt. Der Strahl wird dabei zuerst bei seinem Eintritt in das Prisma, dann beim Austritt aus dem Glase nochmals, mithin zweimal nacheinander gebrochen, und infolge dessen stark von seiner ursprünglichen geraden Richtung bd abgelenkt, zugleich aber auch in einem fächerförmigen, regenbogenfarbigen Strahlenbündel ry auseinandergebrochen, edispergierto. Der am wenigsten abgelenkte Rand des Strahlenbündels erscheint Rot, darauf folgen, mit immer stärkerer Ablenkung: Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett. Dieses in die Länge gezogene Farbenbild heißt Spektrum; seine Farben nennt man prismatische. Dieselben gehen in unmerklichen Abstufungen ineinander über, und keine Sprache ist reich genug, um alle diese Farbennuancen bezeichnen zu können. Das Spektrum eines farblosen Lichtpunktes ist eine prismatisch gefärbte Gerade, welche zur brechenden Kante des Prismas senkrecht gerichtet ist. Das Spektrum einer zur Prismakante parallelen, farblosen Lichtgeraden dehnt sich daher in senkrechter Richtung zu jener Kante aus, wobei seine einzelnen Farben zu jener Kante parallel liegen. Die Verschiedenheit der Ablenkung der prismatischen Strahlen kommt daher, daß die Brechungsexponenten (s. Brechung der Lichtstrahlen) der verschiedenfarbigen Strahlen ungleich sind, und zwar wachsen sie vom Rot gegen das Violett Ri Ihre numerische Größe ändert sich, unter sonst gleichen Umständen, mit der Substanz des Prismas. Der Unterschied zwischen den Brechungsexponenten der violetten und roten Strahlen eines bestimmten Stoffs heißt seine totale D. Je größer diese ist, desto stärker zerstreut (unter sonst gleichen Umständen) der betreffende Stoff das Licht, desto länger ist sein Farbenbild. Die Differenz der Brechungsexponenten zweier prismatischen Farbstrahlen, z. B. von Rot und Orange, Gelb oder Rot und Grün u. s. w., welche einander näher als Rot und Violett liegen, nennt man partielle D. Sowohl die totale als partielle D. sind, unter fast gleichen Umständen, je nach der materiellen Verschiedenheit der Prismen, sehr verschieden. Bei mäßigem Brechungswinkel das Spektrum mittels eines Wasserprismas sehr kurz, mittels eines Crownglasprismas (unter sonst gleichen Umständen) etwa zweimal so lang als jenes, mittels Flintglasprisma fast viermal und mittels Schwefelkohlenstoff nahe sechsmal so lang als jenes erste Spektrum. Dabei sind überdies dieselben Farben innerhalb der Spektren ungleich lang. Flintglas und Schwefelkohlenstoff zerstreuen nach Obigem das Licht sehr stark. Sehr groß ist auch die D. und daher das Farbenspiel der Diamanten. Die Länge des Spektrums hängt auch von der Größe des Einfallswinkels am Prisma ab; sie wächst, bei derselben Materie, mit der Größe des brechenden Kantenwinkels am Prisma und mit dem Abstand der weißen Wand, welche das Farbenbild auffängt, von dem Prisma. Zur Bildung der genauen Differenzen bei der D. dienen die Fraunhoferschen Dunkellinien im Spektrum. Es gibt auch, nach einer neuern Entdeckung (1870, Christiansen) eine anomale D., bei welcher die prismatischen Farben in einer ganz andern Ordnung als gewöhnlich auftreten; so z. B. hat das Spektrum eines Prismas des Anilinrots (Fuchsins) folgende sonderbare Farbenfolge: am wenigsten abgelenkt erscheint Violett, dann kommt Blau, dann Schwarz für das absorbierte Grün; hierauf kommt Rot, Orange und Gelb. Derartige anomale D. zeigen ferner: Anilinviplett, Anilinblau, übermangansaures Kali und verschiedene andere. Vor dem Rot im normalen Spektrum findet auch eine D. der dunkeln Wärmestrahlen, und im liberviolett eine D. der chemisch-wirkenden Strahlen statt, so, daß bei jeder Brechung in Glas- und Steinsalzprismen u. s. w. eine D. der gesamten Strahlung auftritt. (Vgl. Spektrum.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 393Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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