Drusen, eine der merkwürdigsten Völkerschaften des Libanon, von welchem Gebirge sie vorzugsweise den Süden, wie die Maroniten (s. d.) den Norden einnehmen. Die ungefähre Grenzlinie des beiderseitigen Gebietes wird durch die Straße von Beirut nach Damascus gebildet; südwärts und ostwärts überschreitet das drusische Gebiet den Nahr-el-Litani und dehnt sich über die Hochthäler des Antilibanon und Großen Hermon aus. Ein anderer Drusenstamm wohnt im Hauran, wohin im 18. Jahrh. 600 Familien übersiedelten, deren Nachkommen, durch spätere Zuzüge verstärkt, eine kompakte Bevölkerung bilden. Die ganze Nation kann man auf nicht mehr als 83000 Seelen anschlagen; auch füllt sie das bezeichnete Gebiet nicht allein aus, vielmehr leben die D. in ihren Norddistrikten vorzüglich mit Maroniten, in den Süddistrikten vielfach mit Griechen und Melchiten untermischt. Der Name D. wird mit dem alten syr. Stamme der Ituräer in Verbindung gebracht. Jedenfalls ist in der Nation ein ft beträchtliches autochthones Element enthalten, wel-Ue ches aber, wie so viele andere syr. Stämme, durch f den Einfluß des Islam und die arab. Einwanderungen früh seines eigentümlichen Idioms sich e begab und den verwandten arab. Dialekt annahm. e Die Sonderstellung der D. unter den Bevölkerungen [! Syriens beruht weniger auf ihrem Ursprunge als auf ihrer Verfassung und ihrer Religion. Was jene fr betrifft, so läßt sie sich als eine Adelsrepublik mit [ gelegentlich an die Spitze tretendem primus inter parés bezeichnen. Die edeln Familien zerfallen in ? Scheichs und Emirs. In neuern Zeiten ist noch [f der türk. Titel Beg hinzugekommen, welcher, von [r osman. Begent, am einzelnen hervorragenden Individuen erteilt, auf den erblichen Familienrang ohne Einfluß geblieben ist. Die Religion der D. ist [ eine Geheimlehre, in der mohammed. Gnostizismus mit dem Christentum entlehnten Ideen und vielleicht sogar Resten syr. Naturdienstes vermischt ist. Das. Volk teilt sich ihr gegenüber in Akkal, Wissende, Eingeweihte, und Dschahil, Unwissende. Letztere sind der aller religiösen Erkenntnis ermangelnde [! große Haufe, erstere bilden einen von Vermögen, Rangstufen, ja sogar vom Geschlecht unabhängigen Orden von verschiedenen Graden, in welchem der [ emeine Bauer mit dem Emir aus den ersten Geshlechtern gleichberechtigt erscheint. Eigentliche [ Priester haben die D. nicht, wohl aber besondere, der Andacht gewidmete Gebäude, Samm oder Klausen genannt, in welchen sich auch Sammlungen ihrer heiligen Schriften und ihre Standarten finden, ! wie zu Ain-Matur und Baklin im Libanon, zu Hasbaia und Raschaia im Antilibanon. Als Religionsgenossenschaft nennen sie sich selbst Muahhidin, Bekenner der Einheit Gottes. Auf den einigen und. reinen Gottesbegriff legt ihr Glaube großes Gewicht. Gott hat sich wiederholt und, zuletzt in der Person des Fatimiden-Kalifen Hakim Biemrillah, in menschlicher Gestalt den Erdbewohnern geoffenbart und ist als Hakim 411 der Hedschra oder 1021 n. Chr., um den Glauben seiner Diener auf die Probe zu stellen, von der Erde geschwunden; aber er wird seinerzeit mit Macht und Herrlichkeit wiederkommen, um seinen Getreuen das Reich der Welt zu verleihen. Jede seiner Menschwerdungen war von einer persönlichen Offenbarung seines Erstlingsgeschöpfes, der Allweisheit, begleitet, welche zuletzt als Hamza, der Sohn Alis, auftrat und in dieser Gestalt den Menschen die göttlichen Wahrheiten verkündete. Hamza ist also der Apostel des Tewhid, der Einheitslehre. Von der Allweisheit sind die Menschen erschaffen worden, und zwar in einer bestimmten Zahl, die weder der Verringerung noch der Vermehrung fähig ist, indem die Seelen bei dem Ableben eines Leibes in einen neugeborenen andern ubergehen. Die Seelen befinden sich also stets im Zustande der Wanderung, aber sie können je nach ihrer Liebe zur höchsten Vollkommenheit aufsteigen, und tich zeraal zur tiefsten Entartung niedersinken. Politisch zerfallen die D. des Libanon in zwei Parteien, die Dschumblatieh unter dem Hause Dschumblät, und die Jezbekieh unter dem Hause Abu-Naked; beide befehden sich gelegentlich in Zeiten äußerer Ruhe, lassen aber bei Kriegen die innern len, 4. 5. dr sofort fahren. Mehrere edle Familien, z. B. die Reßlän, halten sich diesen beiden Adelsverbindungen fern. Die geschichtliche Erwähnung der D. ist nur dürftig. Zur Zeit der Kreuzzüge, wo die verwandte Sekte der Ismaelier eine so große Rolle spielte, scheinen sie noch höchst unbedeutend gewesen zu sein. Nach eigenen Nachrichten hatten sie damals längst erbliche Häuptlinge, und zwar zunächst aus dem edeln Hause der Tanuch, welchem um die Zeit des Mamluken-Sultans Kalaun das der Maan folgte. Diese, von dem Kalifen Abu-Bekr abstammend, wurden nachmals von den Türken als tributäre Fürsten des Gebirges anerkannt, gelangten im Anfange des 17. Jahrh. mit Fachr-ed-Din zu großem Ansehen und regierten bis in das 18. Jahrh., wo sie ausstarben. Ihre Würde ging auf die ihnen verwandten Schehäb über, welche dieselbe ungefähr 130 Jahre lang bewahrten, bis der berühmteste Dynast des Geschlechts, der Emir Beschir, ihrer als ägypt. Parteigänger bei der Wiedereroberung Syriens durch die Pforte verlustig ging. Durch den Übertritt Beschirs zum maronitischen Christentum war inzwischen diese Sekte so gehoben worden, daß sie einer bloß drusischen Verwaltung nicht mehr unterstellt werden konnte, und nach blutigen Bürgerkriegen unter beiden verwandten Völkerschaften gab die Pforte auf Antrieb der Großmächte einer jeden eine besondere Leichwent unter einem einheimischen Kaimakam. Gleichwohl erneuerten sich die Kriege, und nach dem Gemetzel von 1860 sah sich die Pforte veranlaßt, das einheitliche Regiment des Gebirges unter einem christlichen, aber nicht dem einheimischen Adel entnommenen Chef mit dem Titel Pascha herzustellen. Zugleich wurden Maßregeln getroffen, die feudalen Bande in der Nation, auf welchen ihr Übergewicht im Kriege beruhte, zu brechen und den Adel seines Einflusses zu berauben. Die D. sind tapfer, gastfrei, nüchtern, reinlich und fleißig, aber rachsüchtig und, wo es nationale Interessen gilt, rücksichtslos grausam. Vielweiberei ist bei ihnen selten. Einige Teile ihres Gebietes gehören zu den bestangebauten Stellen des Libanon; sie produzieren, wie die übrigen Bewohner des Gebirges, hauptsächlich Cocons und Olivenöl, weniger Wein, Tabak und Cerealien. Vgl. S. de Sach, HExposé de la religion des Drusesd (2 Bde., Par. 1838); Wildenbruch, «Einen Blick auf den Libanon» Berl. 1860); Guys, «La nation Druser (Par. 1864); Lord Caernarvon, Druses of the Lebanono (Lond. 1869). Am ausführlichsten behandelte Churchill die D. in Mount Lebanono (4 Bde., Lond. 1855—62).