FeedDuns Scotus (Joh.)
ReligionBrockhaus 1882

Duns Scotus (Joh.), einer der berühmtesten und einflußreichsten Scholastiker des 14. Jahrh. Die Geschichte seines Lebens ist ziemlich unsicher. Nach einigen soll er zu Dunston in Northumberland, nach andern zu Dunse in Südschottland, nach einer dritten, vielleicht wahrscheinlichsten Annahme zu Dun im nördl. Irland, ungewiß aber wann, geboren sein. Aus edelm Geschlechte entsprossen und zu ritterlicher Lebensweise erzogen, trat er frühzeitig in den Franziskanerorden und lehrte in Oxford mit großem Beifall Theologie und Philosophie. Er ging 1301 oder 1304 nach Paris, dem damaligen Hauptsitze der scholastischen Philosophie, ward daselbst Doktor der Theologie und trug durch den Eifer, mit welchem er die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria gegen Thomas von Aquino verteidigte (er soll 200 Beweise ese aufgestellt haben) sehr viel dazu bei, daß diese Lehre Glaubensartikel der kath. Kirche wurde. Er wurde 1308 nach Köln zur Bestreitung der Begharden berufen, wo er plötzlich, nach einigen im 34. nach andern im 43. Lebensjahre starb. Seine Lehre entwickelte er auf dem gemeinsamen Boden des Realismus (s. d.), zum großen Teil im Gegensatze gegen Thomas von Aquino, in der rein begrifflichen Beweisform seines Zeitalters mit einem dem Gegner wissenschaftlich durchaus überlegenen Scharfsinn, der sich oft in die spitzfindigste Dialektik verliert und ihm damals den Ehrennamen Doctor subtilis eingebracht hat. Seine Abweichung von Thomas von Aquino besteht hauptsächlich darin, daß sich bei ihm das innige Verhältnis zwischen Philosophie und Theologie bereits mehr zu lockern beginnt: er verbindet mit dem aufrichtigen Glauben eine wissenschaftliche Kritik und Skepsis, vermöge deren er den Schwerpunkt des religiösen Lebens aus dem theoretischen ins praktische Gebiet verlegen möchte. Es hängt das zugleich mit seiner indeterministischen Lehre von der Willensfreiheit zusammen, aus welcher sich sowohl für die Gotteslehre wie für die Theorie der Erlösung Konsequenzen von direktem Gegensatz gegen die thomistischen Ansichten entwickelten. Die berühmteste seiner Schriften ist, abesehen von seinen Kommentaren zu den biblischen üchern und den Schriften des Aristoteles, der in Orford entstandene Kommentar zu den Sentenzen des Petrus Lombardus, das sog. 40pus Oxoniense oder «Anglicanumo, von welchem das 4Opus Parisienser eine abgekürzte Bearbeitung ist. Die Hauptausgabe seiner Werke, die aber bei weitem nicht vollständig, hat Wadding (12 Bde. Lyon 1639) besorgt. Die Streitigkeiten wwischen D. und Thomas von Agquino setzten sich zwischen den Scoisten und Thomisten lange Zeit fort. Die Ursache der Erbitterung, womit sie geführt wurden, war ber nicht nur wissenschaftliches Interesse, sondern ast mehr noch die Ordenseifersucht 7 chen den Franziskanern und Dominikanern. Vgl. Baumzarten-Crusius, De theologia Scotip (Jena 1826).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 650Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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