FeedEingeweidewürmer
TierreichBrockhaus 1882

Eingeweidewürmer, Entozoen, Helminthen, nennt man die im Körper anderer Tiere und des Menschen schmarotzenden Würmer. Frühere Naturforscher glaubten dieselben als eigene Klasse aufstellen zu können; man mußte sich indessen bald überzeugen, daß diese Tiere, ihrem Bau und ihrer Fortpflanzung nach, zu sehr verschiedenen Typen des Tierreichs gehören, und daß die Eigenschaft des Schmarotzens in innern Teilen anderer, sog. Wohntiere oder Wirte, an sich keinen Charakter abgeben kann, da auch Milben, Krebse, Insekten und andere wirbellose Tiere ebenfalls als innere Schmarotzer auftreten können, wie denn auch Cuvier und Rudolphi noch Milben und Schmarotzerkrebse zu den C. rechneten. Aber auch die eigentlichen Würmer, welche in innern Teilen bald während des ganzen Lebens, bald nur während einer gewissen Periode schmarotzen, gehören noch sehr verschiedenen Typen der Würmer an, indem die einen, worunter die Bandwürmer (s. d.) und Leberegel (s. d.), den Plattwürmern, die andern, wie die Spulwürmer (s. d.) und Trichinen (s. d.), den Rundwürmern zugesellt werden müssen. Die systematische Zoologie erkennt demnach gar keine besondere Klasse von E. mehr an, sondern sieht in der schmarotzenden Lebensweise nur die Ursache oder Folge eigentümlicher Umbildungen des Typus, welche sich besonders auf Reduzierung der Bewegungsorgane zu Haftorganen, auf Vernichtung der Sinnesorgane und auf Herstellung besonderer Larven- und Zwischenformen beziehen, die übrigens denjenigen Modifikationen vollständig analog sind, welche durch festsitzende Lebensweise überhaupt bedingt werden. Die früher angenommene spontane Entstehung der E. auf Kosten der Substanz ihrer Wohntiere durch einen verkehrten plastischen Prozeß ist längst in das Reich der Fabeln verwiesen und im Gegenteil durch überzeugende Beobachtungen und Versuche dargethan worden, daß alle E. nur von außen her mit der Nahrung in den Körper ihres Wohntiers oder Wirts eingeführt werden und sich durch Eier, lebendige Junge und teilweise auch durch innere Knospen fortpflanzen. Die meisten freilich durchlaufen höchst eigentümliche Larvenzustände oder pflanzen sich auch durch sog. Generationswechsel (s. d.) fort. Viele wandern als mikroskopische Junge durch die Gewebe ihrer Wohntiere, andere werden passiv von einem zum andern übertragen, indem ein Wohntier das andere frißt. Stüdien in dieser Richtung machten in neuerer Zeit besonders Davaine, Küchenmeister, Leuckart, von Siebold und Virchow. Die bei dem Menschen aufgefundenen E. gehören den Bandwürmern, Saugwürmern und Rundwürmern an. Bei sehr kleinen Kindern sind E. noch selten; erst mit Ende des zweiten Jahres fangen sie an häufiger zu werden. Zu manchen Zeiten treten gewisse Wurmkrankheiten geradezu epidemisch als wahre Massenerkranungen 4996 wie namentlich bei der r Menfeh häusig beobachtet wird. Je sorgloser der ensch in der Wahl sener Nahrung verfährt, je unreiner und reicher an Wurmkeimen sein Gemüse, sein Fleisch und sein Trinkwasser ist, desto mehr wird er im allgemeinen von E. heimgesucht. Zu ihrer Vertreibung bedient man sich der sog. wurmwidrigen oder anthelminthischen Mittel, unter denen die Granatwurzelrinde, das Kousso, die Duwersamen mi Terpentinöl, Kamala, sowie der Zitwersamen mit seinem wirksamen Alkaloid, dem Santonin, die gebräuchlichsten und wirksam-Len sind. Ihre Anwendung erfordert indes fast tets eine gewisse Vorsicht und sollte deshalb nie ohne ärztliche Vorschrift erfolgen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 825Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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