FeedErbschlüssel
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Erbschlüssel ist die spätere Bezeichnung eines aus dem tiefen Aberglauben des Mittelalters stammenden und auch noch bis in die Gegenwart vielfach vom Aberglauben und Betruge für die Entdeckung des Urhebers einer Verwundung oder sonahls Schädigung, ganz besonders aber eines Diebtahls, gebrauchten Zaubermittels, dessen der 1500 zu Villingen im Schwarzwald geborene Arzt und Schwarzkünstler Georg Pictor die erste Erwähnung thut. Er stellt die ursprüngliche Form in einem Holzschnitt dar, in welchem man ein von einer Zange oder Schafschere gefaßtes Kornsieb erkennt und für dessen Gebrauch Pictor unter der Bezeichnung der Coscinomantie (von ro Sννον, das Sieb) eine wissenschaftliche Theorie aufstellt. Dan alten (wie dies die vorstehende Abbildung 3409 zwei einander gegenüberstehende Personen mit dem Mittelfinger der rechten Hand das von der federnden Zange oder Schere gefaßte Sieb unterhalb der Feder in der Schwebe, nennen den einzelnen Namen jedes der des iebstahls verdächtigen Personen nacheinander, wobei sie sechsmal bei jeder Person die kauderwelschen Worte (Pictor sagt selbst verba nee sibi ipsis, nec aliis intellecta) DIES MIES JESCHET BENEDOF:-x FET DOWIMA ENITEMAUS aussprechen, womit sie den Dämon in das Sieb bannen und ihn zwingen, den Dieb zu offenbaren, indem der Dämon bei dem Namen des richtigen Diebes das Sieb so in Bewegung setzt, daß die federnde Zange den Fingern der Beschwörenden entgleitet und nebst dem Siebe zu Boden fällt. Pictor glaubte selbst so fest an die Wirkung der Prozedur, daß er versichert, er selbst habe die Prozedur zuerst bei einem Diebstahl, dann wegen eines von einem neidischen Jagdkonkurrenten zerschnittenen Vogelnetzes mit Erfolg durchgeführt; bei Gelegenheit eines verlaufenen Hundes habe aber der Dämon ihn geäfft, daß er aus Angst vor dem Dämon abgestanden sei. Schließlich bezieht er sich sogar noch auf seinen Zeitgenossen Erasmus von Rotterdam, der in seinen «Kolloquieno dasselbe Thema behandelt habe. Unglaublich fest hat sich der Glaube an diese Zauberprozedur im Volke erhalten. Goethe läßt im am. den Kater in der Hexenküche durch das Sieb blicken, um den Dieb zu erkennen. Noch gegenwärtig kommt dieselbe Prozedur vor und wird gerade von den Gaunern selbst, freilich unter anderer Form, und namentlich bei dem abergläubischen Landvolke betrieben, um den Verdacht von sich abzuweisen. Statt des Siebes wird in irgend ein Buch (wahrscheinlich Gertrudenbuch, Gesangbuch oder Postille), das jedoch ererbt sein muß, ein großer, jedenfalls auch ererbter, Schlüssel (daher der Name Erbschlüssels) gelegt, so, daß der Schlüssel etwa um ein Dritteil oben aus dem Buche herausragt. Das Buch wird stillschweigend mit einer Schnur fest umwickelt und nun ganz, wie oben erwähnt, mit den Mittelfingern unter der Reithe von zwei Personen gehalten. Die unsinnige alte Formel fällt dabei weg. Dafür sagt nun beispielsweise A. zur anehenden B. verdächtigen Diebes zum gegenüberstehenden B.: »Müller hat die Uhr gestohlens, worauf B. erwidert: Das hat er nicht gethan.» Das wird von jedem 15 mal gesagt, und die Reihe der Verdächtigen so lange durchgenommen, bis die Finger unter der Reithe weggleiten, wobei der dabei namentlich Genannte als libelthäter ermittelt ist. Die Prozedur verdient immerhin die genaueste Aufmerksamkeit der Sicherheitsbeamten, insofern die sich als Erbschlüsselpropheten andrängenden Gauner meistens selbst die Diebe sind und mit ihrer Kunst den Verdacht von sich auf andere zu lenken suchen. lunter Schulze.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 255Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 3

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Sitten & Mode 6