Ewiges Leben heißt in der religiösen Sprache die über jeden Zeitwechsel erhabene persönliche Lebensvollendung des Menschen, vermöge deren er in der Gemeinschaft mit Gott vollendete Seligkeit genießt. Gewöhnlich pflegt man den Begriff des ewigen Lebens gleichbedeutend zu nehmen mit Unsterblichkeit, d. h. mit der persönlichen Fortdauer nach dem Tode. In diesem Sinne Ruan es schon im Alten Testament, Gott habe den Menschen nach dem Sündenfall aus dem Paradiese vertrieben, damit er nicht ewig lebe (1 Mos. 3, 22), und auch sonst wird der hebr. Ausdruck für Ewigkeit (öläm) im Sinne einer endlosen oder doch unberechenbar langen Zeitdauer gebraucht. Da fur den religiösen Menschen aber das wahre Leben nur im Gegensatze zu diesem sinnlichen Erdendasein in der Gemeinschaft mit Gott, im Gegensatze zur Sünde und ihrer Unseligkeit in der vollendeten Heiligkeit und Seligkeit der Frommen besteht, so hat das Neue Testament eben diese Merkmale in seinem Begriffe des ewigen Lebens zusammengefaßt (vgl. Matth. 19, 16. 29; 25, 46 Mark. 10, 17. 30; Luk. 10, 25; 18, 18. 30; Apostelgesch. 13, 46. 48; Röm. 2, 7; 5, 21; 6, 22 fg.; Gal. 6, 8; 1 Tim. 1, 16; 6, 12; Jud. 21). Während aber die ursprüngliche Vorstellung dasselbe in ein zeitliches Jenseits verlegt und seinen Eintritt erst mit der Endvollendung, der Totenauferstehung, dem Weligericht und dem vollendeten Gottesreiche auf Erden erwartet, findet 2 njüngern Schriften des Neuen Testaments die Anschauung, daß die Stätte des ewigen Lebens vielmehr die Koberer oder aübersinnlichen Welt sei, in welcher die Gläubigen jetzt schon Bürgerrecht gewinnen, obwohl ihnen die 4 deiche Golte zum obern, also räumlich jenseitigen Reiche Gottes erst noch bevorsteht. In diesem Sinne reden namentlich die Johanneischen Schriften vom ewigen Leben als einem schon gegenwärtigen Besitze der Gläubigen und knüpfen dasselbe unmittelbar an die Erkenntnis des allein wahren Gottes und des ewigen Sohnes, seines Gesandten (vgl. Joh. 3, 15. 36; 5, 24. 39; 6, 40. 47. 54; 17, 3; 1 Joh. 3, 4 5, 1 Nu. öfter). Der christl. Zukunftsglaube faßt also das, was über aller Zeit liegt, eben darum aber auch in aller Zeit gewonnen werden kann, selbst wieder zeitlich auf, als shiede dieser Zeit in einer künftigen Zeit. Im Unterchiede hiervon haben Neuere, wie namentlich Schleiermacher und Biedermann, das ewige Leben als das Einswerden mit dem Ewigen mitten in der Zeitlichkeit, oder als ein Leben im Ewigen lche Jort. Soll aber mit dieser Fassung die persönliche Fortdauer als ausgeschlossen gelten, so ist zu erinnern, daß die Einkehr im Ewigen doch nur dann eine vollkommene ist, wenn sie durch keine zeitlichen Schranken wieder begrenzt ist. Dabei ist jedoch einzuräumen, daß wir uns ebenso wenig eine fertige Vollendung wie eine endlose Fortentwickelung vorstellen, also den Gedanken des ewigen Lebens nicht verstandesmäßig vollziehen können.