Ferghana, eine Provinz des asiat.⸗russ. Generalgouvernements Turkestan, welche erst 1876 aus dem frühern Chanat Khokand (s. d.) gebildet wurde. F.ist das Thal des obern Syr Darja, das sich von Westen her zwischen die beiden parallel streichenden Gebirgszüge: die Alaikette und Trans-Alaikette im Süden und die Ketten des Tschatkal-Urtak und Ferghanägebirges im Norden hineinschiebt. Diese „Gebirge gehören zu dem mächtigen System des Schan, der sich in seinem westl. Teile fächer⸗ )artig ausbreitet. Die hohen Gebirgswände, deren „Gipfel mit ewigem Schnee bedeckt sind, schließen das Thal so vollständig ein, daß sich nur im Westen bei Chodschent ein Eingangsthor befindet, welches etwa nur 7 km breit ist. Von diesem alm zieht „sich das Ferghanäathal „anfänglich schmal und ein⸗ „geengt in mandelförmiger Gestalt, zwischen 40 bis 41 nördl. Br. und 69½ bis 74 östl. L. (von Greenwich) gegen NO. über 200 km hinein, bis es hier hebenden Gebirge abgeschnitten wird, welche F. ostwärts vom Tarimbecken trennen. Kaum 100 km erreicht die größte Breite des Thals, das bei einer durchschnittlichen Höhe seiner Mulde von 350 bis 00 m über dem Meere, ringsum, mit Ausnahme des genannten westl. Eingangsthors, von den großartigsten Felsenmauern umgeben ist, deren Sättel und Pässe sich gegen 3000 müber die Thalsohle erheben. Diese Hochgebirgsmauern krönen aber auf der südl. Doppelkette Gipfel, welche die Meereshöhe der Pässe noch um mehr als die doppelte Höhe überragen. Die das Ferghanäthal im Norden umrandenden Gebirge bleiben aber niedriger als der Südwall. Der Schnee hält sich auf ihnen nur in begrenzten Ortlichkeiten, und die Gletscher sind unbedeutender als auf dem Südrande. Der im Osten das Ferghanäthal vom Tarimbecken scheidende Gebirgszug ist bei gleicher Höhe mit dem nördl. Gebirge Suer 4000 m) schon anderer Natur, und als nördlichster Ausläufer der hoch emporgetriebenen 00h Owichye zu betrachten. Doch auch hier sind noch Gipfel von 50005500 m Höhe. Das Ferghanäthal bildet keine ebene Fläche, sondern ist von vielen, der Breite nach laufenden, flachen Höhenzügen durchzogen, daher das Thal in eine Menge Abteilungen zerfällt, sodaß jede bedeutendere Stadt des Landes in einem abgesonderten Thale für sich liegt. Es lassen sich im Thalgrunde von F. verschiedene Bodenarten unterscheiden, und zwar zunächst: die Kieswüsten, Dasch oder Dascht bei den Eingeborenen genannt. Dieselben bestehen aus Rollsteinen vom kleinsten Durchmesser eines Sandkorns bis zur Faustgröße, meist zu einem Konglomerat zusammengekittet, und bedeckt oft Flächen von 50 qkm. Die Kieswüsten bilden die Umrandung im Thalgrunde F.s und finden sich hauptsächlich am Südrande des Thals am Alai-Latia⸗ In der Mitte des Thals, füdl. vom Syr arja, werden bedeutende Strecken von Salzwüsten eingenommen. Je nach der Ortlichkeit sind die Salzwüsten oft mehr oder weniger mit einer blendend weißen, glitzernden Salzkruste bedeckt, und zeigen nur hin und wieder eine spärliche Vegetation von Salzpflanzen. Treibsand und Sandboden findet sich sowohl bei den Kies⸗ als auch Salzwüsten; meistens bildet der Sand Hügel von bald geringern, bald größern Dimensionen, die ihre Gestalt wie Lage ändern, da dieselben vom Winde abhängig sind. Endlich hat der Löß, der sich von allen Vodenarten durch Fruchtbarkeit auszeichnet, in F. eine große Verbreitung und Mächtigkeit, und wird vorwiegend in den Flußthälern angetroffen. F. hat ein warmes Klima; der Schnee hält sich nur kurze Zeit im Dezember und Januar, das Thermometer sinkt nur wenige Grade unter Null, nur ausnahmsweise tritt strenger Frost ein. Schon der Februar ist gewöhnlich frostfrei und das Thermometer steigt bis 20˙ C. im Schatten. Der Juli und August sind schwül, mit einer Durchschnittstemperatur von 30˙, die Sonne erhitzt den Boden bis 70° und mehr; die angenehmsten Monate sind April, Mai, September und Oktober. Im allgemeinen herrschen Winter- und Frühlingsregen vor, doch sind Gewitterschauer im Sommer keine Seltenheit. Durch eine Jahrtausende alte überaus sorgfältige Bewässerung ist F. eine der fruchtbarsten und reichsten Gegenden Centralasiens geworden, und gilt bei den Orientalen heute, wie im Altertum, als ein Paradies. Die wichtigsten Kulturpflanzen F.s sind: Weizen, Gerste, Hirse, Reis, Bohnen, Linsen, Erbsen, Sesam, Mohn, Flachs, Hanf, Baumwolle, Tabak, Luzerne, Melonen, Möhren, Rüben, Rettich und Zwiebeln. Unter den Bäumen sind hervorzuheben: der Maulbeerbaum, die Aprikose,‚“ firsich, Mandeln, Äpfel; auch der Weinstock ist vorhanden. Von Haustieren werden im größern Maßstabe gezüchtet: das Pferd, das Rind, das Kamel, das Schaf und die Ziege; die beiden letztern sowohl des Fleisches als der Wolle wegen geschätzt. Außerdem ist Seidenzucht allgemein verbreitet; daher der Maulbeerbaum und die Obstbäume am verbreitetsten sind. Es herrscht sonst in F. großer Mangel an Holz; Pappeln und Ulmen sind noch die häufigsten wilden Bäume. Als Brennmaterial dienen hauptsächlich abgestorbene Kräuter mit ihren Wurzeln. Auf einen Flächenraum von 72634,2 qlkm rechnet man in F. 800000 E. (1882), von welchen die meisten Sarten und Tadschiks sind; außerdem sind noch Usbeken, Tataren, Kirgisen und andere Völkerschaften vertreten, welche sich sämtlich zum Islam bekennen. Dieselben zeichneten sich früher durch einen schroffen Fanatismus aus, der aber seit der Besitznahme F.s durch die Russen nachläßt. Die Russen finden sich nur in der Minderzahl und zwar als Beamte, Militärs, Kaufleute, Arzte und in andern Stellungen vor. Unter den Eingeborenen finden sich in den Städten zahlreiche Handwerker und Gewerbtreibende. Die bedeutendsten Städte F.s sind: Andidschan mit 43000 E., Khokand mit 35000 E., Marghilan mit 26000 E., Namangan mit 16 000 E., Osch mit 3300 E. und Tschust mit 3300 E. Die Hauptgegenstände der Ausfuhr F.s sind: Rohseide, Kaftane, Lederwaren, Schuhzeug, verarbeitetes Eisen, Baumwolle und getrocknete Früchte. Die Einfuhr besteht in Manufakturwaren, Tuch, Seidenzeuge, Kupfergeräte, Thee, Zucker und Farben. F. ist der nördl. Theil des Landes, welches im Altertume mit dem Namen Ssoghd, bei den Griechen später Sogdiana genannt wurde. Von Einfällen der großen Eroberer des Altertums, wie Cyrus und Alexander d. Gr., scheint F. dank seiner abgeschlossenen Lage verschont geblieben zu sein. Im . und 8. Jahrh. nach unserer Zeitrechnung kam F. zeitweilig mit den Chinesen in Berührung; während des Chalifats Welids 1.(705—715) dranen die Araber in F. ein und verbreiteten dort den Jslam. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrh. war F. ein Teil des Samanidenreichs, ums J. 1002 gehörte die Landschaft dem Ilek Chan. Von 1055 bis ins 12. Jahrh. ist F. der östlichste Teil von Mawarännahr; Anfang des 13. kommt es an den Khwärizmschäh. Verhängnisvoll wurden für F. die wilden Eroberungszüge der Mongolen unter Dschinis Chan und unter Timur, wenn auch dann das Land immer noch weniger zu leiden hatte als die flache Umgebung. In spätern Jahrhunderten spielt das Land eine hervorragende Rolle, zuletzt unter dem Namen ChanatKhokand. Als Khokand durch Eroberungen nach Norden hin sich auszudehnen begann, stieß es unter seinem letzten Chan Kudojar mit seinem übermächtigen Nachbarn, Rußland, zusammen. Nachdem die Russen im J. 1852 vor der starken Ak-Mesched, dem jetzigen Fort Perowsky, Besitz genommen, traten sie durch die Einnahme der Stadt Turkestan im J. 1864, und der Städte Taschkent und Chodschent in den beiden folgenden Jahren, zum ersten mal in das Verbreitungsgebiet der Sarten. Im J. 1876 erfolgte unter dem Generalgouverneur Kaufmann die Eroberung Khokands und ganz F.s, wodurch das Chanat Khokand sein Ende nahm. Vgl. A. von Middendorff, „Einblicke in das Ferghanäthals (in den Mémoires de I'Académie Impériale des sciences de St. Pétersbourgo, 1881, Bd. 29).