Turkestan oder Turkistan, d. h. Türkenland, auch Dschagatai, wird im weitern Sinne die asiat. Tatarei (s. d.) genannt, weil sie der Herrschaft türk. Völkerstämme unterworfen ist. Durch das mächtige Pamir-Plateau wird das große Ländergebiet in Ostturkestan und Westturkestan geteilt. Fenes wird auch Turfan (s. d.), dieses die Freie Tatarei, Westdschagatai, von einem Hauptteile auch wol die Große Bucharei, gewöhnlich aber T. schlechthin, oft auch Turan (s. d.) genannt. Dieses westliche oder T. im beschränktern Sinne, zwischen dem Chinesischen Reiche im O., Afghanistan und Persien im S., dem Kaspischen Meere im W. und dem Kirgisenlande im N. gelegen, umfaßt in seinem westl. und nordwestl. größern Teile die meist aus Wüsten oder magern Steppen bestehende Tiefebene Turan, in seinem östlichen und südöstlichen das wilde, wohlbewässerte, mit Weiden und höchst fruchtbaren Thälern versehene Alpenland von T., welches aus den nördl. Asten des Hindukuh und den westlichen des Pamir-Plateau sich auftürmt und durch den Alai-Tag und Karatscha-Tau, eine westl. Verlängerung des centralasiat. Mustägh oder Thian-schan (. d.) in das Alpenland von Ferghana im Norden und das sog. Alpenland von Sogdiana oder von Usbekistan im Süden geteilt wird. Jenes euthält das Quellengebiet des Sihon oder Syr-Daria (Jarartes), dieses das Quellengebiet des Dschihon oder Amu (Oxus). Beide Flüsse münden in den Aralsee. Zwischen beiden durch strömt der Serafschän. Alle übrigen Flüsse sind unbedeutend. Die klimatischen Verhältnisse sind ganz kontinental, mit großen Gegensätzen von Winterkälte und Sommerhitze. Auch bildet hinsichtlich der Vegetation der vorherrschende Wüstencharakter der Ebene einen starken Kontrast mit dem angebauten Lande an den Hauptflüssen. Weizen, Gerste, Reis und als Pferdefutter Zuckersorghum sind die Getreidearten. Vortreffliche Gartengewächse, Melonen und Weintrauben sowie Obst werden in Menge geerntet, außerdem Seide, viel Baumwolle, Färbepflanzen, Lein und Sesam. Neben dem Dromedar, dem Pferd und Schaf, dem Hauptreichtum der Bewohner, finden sich wilde Esel, wilde Schafe und Ziegen, der Kaig leine Antilopenart), Wildschweine, Hasen Fasanen, Rebhühner und anderes geflügeltes Wildbret, auch Leoparden, Löwen, Bären, Wölfe, Füchse u. s. w. Das Mineralreich liefert Eisen, Kupfer, Blei, Goldstaub, Salz, Jaspis, Karneole, Türkise, Rubinen und andere Edelsteine. T. ist ein geschichtlich wichtiges Central- und Passageland der Handels⸗,Völker⸗ und Eroberungsüge, ein im Altertum großenteils gut bebautes und art bevölkertes Kulturland. Es umfaßte damals Baktriana, Sogdiana und das Land der Chorasmier, die nordöstlichsten Provinzen des Persischen Reichs, nach dessen Auflösung die Nachfolger Alexanders d. Gr., die Parther und Neuperser nacheinander in Besitz des Landes kamen. Im 6. Jahrh. unterlag es dem Einbruch hunn. und türk. Völker, im 8. Jahrh. kam es unter arab. Herrschaft und nahm einen bedeutenden Aufschwung. Am untern Amu und westlich von demselben hieß seitdem das Land Khowaresm. Die Gebiete zwischen dem Amu und Sir wurden dagegen mit dem Namen Mawaral-nahr zusammengefaßt, d. h. jenseit des Stroms, entsprechend dem Namen Transoxiana bei den Alten. Nach dem Verfall des Kalifats entstanden hier einzelne türk. Herrschaften, welche eine Zeit lang unter dem östl. Reiche der Seldschuken vereinigt waren, sich aber im 12. Jahrh. vor der übermacht des Mongolen Dschingis-Chan und seiner tatar. Horden beugen mußten. Nach dem Tode desselben erhielt dessen Sohn Dschagatai das Land Mawaral-nahr und ganz Turfan. Im 14. Jahrh. begründete in ersterm Timur (s. d.) den Hauptsitz seines Weltreichs. Aber nach seinem Tode, 1405, zersplitterte sich dieses überhaupt und insbesondere T. in mehrere kleinere Gebiete. Seit dem Ende der arab. Herrschaft und namentlich seit der Hordenüberschwemmung Dschingis-Chans und Timurs verödet, wurde das Land der Tummelplatz barbarischer Nomaden⸗ und Räuberscharen, wie es schon im grauesten Altertum gewesen und bis auf die Gegenwart noch teilweise geblieben ist. Das jetzt herrschende Volk in dem Ländergebiete T.5, dessen Areal auf 1650000 akm, dessen usbekische und uigurische Türken, die meist ihre nomadische Lebensweise aufgegeben und an dem Kulturzustande des Volks, welches sie unterjochten, teilgenommen haben. Dieses unterjochte Volk, pers. Stammes, die Nachkommen der alten Baktrier, ist unter dem Namen der Tadschiks, der Bucharen, der Sarten und Galdschis bekannt. Es bildet die Haupt⸗ und Grundmasse der angesessenen Bevölkerung aller dieser Staaten und zugleich neben den Usbeken die ackerbauende und noch mehr die städtebewohnende, Gewerbe (Woll⸗ und Baumwollweberei, Leder⸗ und Stahlarbeiten) und ausgedehnten Handel treibende Volksklasse. Den dritten Hauptteil der Bevölkerung T.s bilden die Turkmanen (s. d). Außerdem schweifen noch Kirgisenstämme und nomadische Karakalpaken im Lande umher, und endlich befinden sich in den Städten auch Juden, Armenier, sog. bucharische Araber und nogaiische Tataren, die sich aus Rußland dahin zogen. T. zerfällt, abgesehen von der neugegründeten russ. Provinz Turkestan mit dem neu eroberten russ. Ferghanagebiet (ehedem Khokand, s. d.) in folgende Chanate: 1) Chiwa (s. d.) am untern Amu; 2)Bokhara (s.d. oder die große Bucharei im engern Sinne, auch wol Usbekistan genannt, dessen Emir 1877 auch die Oberherrschaft über das östlich anstoßende, von Galdschis bewohnte Land Karategin erworben hat; ebenso ist ihm seit 1869 His sar und seit 1878 Darwas unterworfen; 3) Badachschän (s. d.) oder Badalhschän an den obern Quellenflüssen des Amu; 4) Kundus, westlich von Badakhschän, die beiden letztern mehr oder weniger von Afghanistan abhängig. Außerdem wird zu Westturkestan gerechnet das Hochplateau Pamir und Bolor, dessen ausgedehnte Grassteppen von nomadisierenden Burut oder Schwarzen Kirgisen (Gara-Kirgis) durchstreift werden. Vgl. Shaw, «Reise nach der Hohen Tatarei» (aus dem Englischen von Martin, Jena 1872).