Festungskrieg umfaßt die Kämpfe um den Besitz von Festungen und zerfällt naturgemäß in den Angriff und die Verteidigung derselben. Der Angriff der Festungen kann eine bloße Einschließung (Cernierung, Blockade), ein förmlicher oder methodischer Angriff und endlich ein abgekürzter Angriff sein. Bei der Einschließung handelt es sich darum, die Festung von allem Verkehr mit der Außenwelt abzusperren, was durch eine rings um dieselbe herum genommene Aufstellung von Truppen geschieht. Die Widerstandsfähigkeit dieser Aufstellung gegenüber offensiven Unternehmungen der Festungsbesatzung kann durch Zuhilfenahme der Befestigungskunst wesentlich erhöht werden. Da der Festung hierdurch jeder Ersatz, namentlich an Verpflegungs- und Existenzmitteln, von außen her unmöglich gemacht wird, 10 wird die Besatzung schließlich durch Mangel solcher zur übergabe gezwungen, die Festung wird ausgehungert. Die Einschließung hat einen sichern Erfolg, wenn weder die eigene Offensivkraft der Besatzung den Ring zu durchbrechen vermag, noch ein Entsatz von außen her oder eine Wendung der militärischen und politischen Verhältnisse dem Vertheidiger zu Hilfe kommt. Ihre Dauer ist aber, namentlich bei gut verproviantirten Plätzen, die nur ihre reglementarische Besatzungsstärke haben und sich der sog. unnützen Mäuler von vornherein entledigen konnten, eine sehr lange. Während dieser Zeit sind die zur Aufrechterhaltung der Einschließung notwendigen, bei großen Fortfestungen sehr bedeutenden Kräfte des Angreifers für andere Zwecke lahm gelegt; auch ist ihre Verpflegung in der Regel mit Schwierigkeiten verknüpft, da die Subsistenzmittel, welche die Umgegend der Festung liefert, bald erschöpft sind. Stehen dem Angreifer nur geringe Streitkräfte zu Gebote, so beschränkt er sich auf eine bloße Beobachtung der Festung, indem nur die wichtigsten Zugänge zu derselben besetzt werden. Kavallerie wird hierbei eine wichtige Rolle spielen. Mittels des förmlichen Angriffs oder der Belagerung nähert man sich der Festung allmählich unter Benutzung von Deckungen und unter Aufbietung aller Kampf⸗ und Zerstörungsmittel, bis es gelingt, die Sturmfreiheit zu vernichten und gewaltsam in die Festung einzudringen. Der förmliche Angriff erfordert zwar eine großartige Entfaltung von Streitmitteln, bedingt aber bei gewöhnlichem Verlauf einen viel geringern Aufwand an Zeit als die bloße Einschließung. Zu den abgekürzten Angriffsarten gehört der unvermutete Angriff oder ÜUberfall, der aber bei gut bewachten, sturmfreien Festungen selten gelingt, der offene oder gewaltsame Angriff und die Beschießu ng oder das Bombardement (auch wohl Artillerieangriff genannt). Beim gewaltsamen Angriff geht dem Sturm eine Beschießung,‚ in der Regel nur aus Feldgeschützen, vorher, die sich namentlich gegen Thore, Palissadierungen, mutmaßliche Sammelplätze der Festungstruppen richtet. Gelingt es nicht, auf diese Weise einen Eingang in die Festung zu öffnen, so erfolgt, ebenso wie es beim Überfall oft geschieht, die Ersteigung der Wälle mittels Sturmleitern oder die Escalade. Der des Moments der lüberraschung entbehrende gewalt—⸗ same Angriff gelingt in der Regel nur beim Zusammentreffen vieler günstiger Umstände. Das Bombardement, welches erst seit Erfindung der Pulvergeschütze vorkommt, richtet sich vornehmlich gegen die Gebäulichkeiten der Festung. Bei kleinern Plätzen mit mangelhaften Deckungsanlagen, bei geringer Standhaftigkeit der Besatzung wie der Bevölkerung der Festung hat ein Angriff aus schweren Geschützen Aussicht auf Erfolg, weniger indes, wenn nur Feldgeschütze zur Verfügung stehen. Häufig sind verschiedene Angriffsarten aneinander Bomea so knüpft sich z.B. an die Einschließung ein Bombardement, oder es folgt dem Artillerieangriff ein gewaltsamer, oder es geht der förmliche Angriff, wenn sich günstige Chancen bieten, gelegentlich in den gewaltsamen über. Die Verteidigung der Festungen ist entweder eine rein defensive, die sich darauf beschränkt, den Maßnahmen des Angreifers durch entsprechende Gegenmaßregeln zu begegnen, oder sie nimmt einen offensiven Charakter an, welcher entweder in feldmäßigen Unternehmungen (Ausfällen) gegen den Angreifer, oder in dem unterirdischen Kampf, dem Minenkrieg, gipfelt. Geschichtliches. Im Altertum schon kommen die genannten Angriffsarten vor, mit Ausnahme der bloßen Beschießung, zu welcher die großen Fernwaffen jener Zeit unzureichend waren. Bei den Griechen kamen in der voralexandrinischen Zeit besonders der Überfall und die Einschließung zur Anwendung. Oft waren auch List und Einverständnis mit den Bewohnern der Festung das Mittel ur Wegnahme derselben. Wo man zur förmlichen elagerung schreiten mußte, umgab man den Platz ringsum mit sog. Kontravallationslinien, welche in Mauerwerk, Backsteinen, Palissadierung, oder als Erdwall mit Graben ausgeführt wurden. Während man sich hiermit zunächst gegen die Unternehmungen des Verteidigers sicherte, baute man auch häufig Befestigungen gegen auswärtige Angriffe, welche den Namen Cirkumvallationslinien führen. Der Belagerte suchte die Ausführung der genannten Arbeiten durch Ausfälle oder durch Anlage von Gegenwällen zu behindern (Syrakus 414 v. Chr.). Die eigentliche Belagerung zerfiel in die Herstellung eines Zugangs zur Festung und in den Sturm derselben. Um eine Sturmlücke in der Ringmauer zu erzeugen, bediente man sich des Sturmbocks (s. d.) oder Widders und des Mauerbohrers, die unter einem Schutzdach angebracht waren. Diese Angriffe wurden namentlich gegen die Türme gerichtet; wo ein Graben vor der Mauer lag, mußte er, um die Werkzeuge an letztere heranbringen zu können, an der betreffenden Stelle zugeschüttet werden. Die gedeckte Verbindung von hier nach rückwärts wurde durch hölzerne Laufhallen hergestellt. Ein anderes Angriffsmittel bildete der Hochbau, der entweder in einem Erddamm, oder in einem hölzernen Wandelturm bestand. Der Erddamm wurde unter großen Schwierigkeiten bis an die Mauer herangeführt und war so hoch, daß man diese ersteigen konnte. Weniger zeitraubend ist der Angriff mittels des Wandelturms (oder der Helepolis), welcher außerhalb der Schußweite der Festung erbaut und auf Rädern an die Mauer herangeschoben wurde, auf welche man dann mittels der Fallbrücke (s. d.) niederstieg. Auf einer Plattform des Turms waren Wurfmaschinen aufgestellt oder auch Widder zum Einstoßen der Zinnen Menschen-Die Bewegung des Turms erfolgte durch Menschenkräfte, welche im Unterbau desselben Deckung fanden. Auch suchte man mittels des unterirdischen Ganges (cuniculus) entweder unter die Mauer oder bis ins Innere der Festung zu gelangen. Im erstern Falle untergrub man die Mauer auf einer gewissen Breite allmählich und stützte sie dabei zunächst durch Hölzer, an welche man später Feuer legte, sodaß die Mauer, der Unterstützung an dieser Stelle entbehrend, einstürzte. Der Verteidiger bediente sich schwerer Wurfmaschinen sowie des Feuers, um die hölzernen Vorrichtungen des Belagerers zu zerstören. Die Hilfsmittel des Angriffs wie der Verteidigung erfuhren unter den Nachfolgern Alexanders des Großen eine außerordentliche Vervollkommnung und Erweiterung. In Bezug auf Angriffsmittel und Angriffsverfahren hat sich 25 besonders Demetrius Poliorketes (s. d.) einen hervorragenden Namen erworben. Die Römer weichen in ihrem Angriffsverfahren nicht wesentlich von den Griechen ab. Als Kontravallation kommt ein Ring von Kastellen vor. Zum gewaltsamen Angriff dient entweder die Leiterersteigung oder die Breschhütte, d. i. ein bewegliches Schußdach, unter welchem der Widder aufgehängtiist. Beim förmlichen Angriff wird der Damm (lagger) allmählich an die Mauer herangeführt und schichtenweise erhöht, bis er die Höhe jener erreicht hat. Neben demselben gehen Wandeltürme her, die mit Wurfmaschinen besetzt sind. Zu den Mitteln der Verteidigung tritt der Brandpfeil oder die Falarika (s. d.), bei den Byzantinern das Griechische Feuer (s. d.). Im größten Teile des Mittelalters werden die Deckungsmittel und das Stoßzeug der Alten bei behalten, die Belagerungskunst macht sogar Rück schritte. Als Deckungsmittel kommen fahrbare Holzbrustwehren, bedeckte Hallen und Rolltürme vor. Das Wurfzeug beruht auf andern Prinzipien (S. u. Blyde.) Die Verteidigung bietet nichts Neues Erst im spätern Mittelalter bringt die Erfindung des Schießpulvers einen gründlichen Umschwung in den Mitteln des F. hervor, welcher zunächst bei dem Angriffsverfahren sich geltend macht. Das Stoßzeug wie die Wurfmaschinen weichen allmählich den Pulvergeschützen. In Stelle der hölzernen Annäherungs⸗- und Deckungsmittel treten die Laufgräben (s. d.) oder Trancheen, d. i. Gräben, anfänglich mannstief, später nur halb so tief, aber mit feindwärts angeschütteter Erde, welche allmählich bis an die Festung vorgetrieben werden. Diese Arbeit hieß die Sappe (s. d.). Statt des Untergrabens der Mauer wird die Pulvermine angewandt (Pedro von Navarro 1500). Die Geschütze werden hauptsächlich zum Einschießen der Ringmauern verwendet, dann auch gegen die Verteidiger selber. Anfänglich offen aufgestellt, werden sie später durch Erdbrustwehren gedeckt. Sie sind in größerer Anzahl zu Batterien (s. d.) vereinigt. Die Laufgräben wurden in geschlängelter Richtung, später im Zickzack gegen die Angriffspunkte vorgeführt, um nicht der Längenbestreichung ausgesetzt zu sein. Jede solche Annäherung hieß eine Attacke. Zum Schutze der Arbeiter führte man von Zeit zu Zeit Laufgräben zur Seite heraus, sog. Waffenplätze, welche zur Aufstellung der Deckungstruppen dienten. Zuweilen wurden selbst die einzelnen Attacken durch Querlaufgräben oder Boyaus in seitliche Verbindung gebracht. Auch legte man zum Schutze der Angriffe einzelne Redouten an. Die Batterien sind Bresch⸗, Demontier⸗ und Wurfbatterien (s. w. u.). An der Contrescarpe des Grabens angelangt, legte man einen Parallellaufgraben an, von wo dann ein gedeckter Niedergang in den Graben gebaut wurde. — Ein wesentlicher Nachtheil des ganzen Angriffsverfahrens war der Mangel an System und an Zusammenhang zwischen den einzelnen Attacken, demzufolge die ungenügende Sicherung des Angriffs egegen Ausfälle des Verteidigers, und endlich die ungenügende Ausnutzung der Wirkung der Belagerungsartillerie, welche sich den feindlichen Vosiestionen nur frontal gegenüberstellte. Der französische eMarschall Vauban verbesserte das Verfahren wesentlich durch Anwendung zusammenhängender Infanteriepositionen, der sog. Parallelen, und die „Erfindung des die angegriffenen Linien der Länge nach bestreichenden Rikoschettschusses. Er sichert somit dem Angriff auf lange Zeit eine unverkennbare überlegenheit über die Verteidigung. der ersten Parallele, welche dieselbe gürtelartig umgibt und bis über die Verlängerungen der Courtine der Angriffsfront hinausragt. Die erste Parallele „wird gewöhnlich 5600m vom Glacis, d. h. außeri der Wirkungsweite des Kartätschfeuers, angelegt; doch kann es nur vorteilhaft sein, wenn anders Terrain und Umstände es gestatten, sie näher und selbst nur auf 3400 mvom Glacis entfernt anzulegen, wodurch an Zeit und Arbeit bedeutend gepwonnen wird. Die Parallele wird mittels der [flüchtigen Erdsappe ausgeführt; das Profil (Fig. 2) ist derart, daß die Truppen vollständig darin gedeckt sind. Auf den Flügeln werden Schulterwehren (epaulements) von 3 m Höhe für die gegen etwaige Ausfälle aufzustellende Kavallerie und Feldartillerie, sowie Flügelbatterien für Feldgeschütze erbaut. Die Cröffnung der ersten Parallele geschieht gewöhnlich des Nachts und so geräuschlos als möglich, damit dem Feinde die Arbeiten verborgen bleiben, und er sie weder durch sein Feuer noch durch Ausfälle stören kann. — Es ist ein großer Vorteil und wurde seit den durch den Prinzen August von Preußen 1815 geleiteten Belagerungen französischer