FeedFischer von Erlach (Joh. Bernh.)
BaukunstBrockhaus 1882

Fischer von Erlach (Joh. Bernh.), der genialste Baukünstler Osterreichs, geb. zu Prag 15. März 1656, genoß die erste Bildung daselbst durch ital. Architekten, welche an den zahlreichen Prachtbauten der Stadt in der Blüteperiode des Barockstils beschäftigt waren. Wahrscheinlich seit 1680 weilte er in Italien in Gesellschaft eines andern deutschen Meisters, Philipp Schor, dessen Schüler er sogar genannt wird und mit welchem er an der portug. Kirche in Rom baute. Bedeutendern Einfluß hatten auf ihn der Künstlerkreis der Schüler Berninis und die um die Königin Christine von Schweden gescharten Gelehrten, wie Bellori u. a. Jene bestimmten seinen Stil in formaler Hinsicht, diese leiteten F. auf eine histor.⸗-antiquarische Bahn, wodurch er reformierend gegen die rein dekorative, theatralisch gewordene Manier des Barockstils wirkte und dessen edelster Künstler wurde; der herrschenden Willkür gegenüber ging er sowohl auf die Monumente der Antike als auf die Theoretiker der Renaissance: Vignola, Serlio, Palladio, zurück. Ohne hiermit trocken antikisierend zu werden, behält er vielmehr das Schwungvolle des Barockstils bei, mäßigt und klärt dessen Uppigkeit jedoch auf Grundlage seiner großen Paradigmen. Dieses Streben regte ihn zur Herausgabe eines großen Werks in Kupferstichen an: «Entwurf einer histor. Architekturo, das ihn von 1696 circa bis 1725 beschäftigte und zum ersten mal die Stile aller Völker im Bilde behandelt, aber auch eigene Werke F.s darstellt. Nach seiner Rückkehr weilte er zuerst 1686 in Gratz, dann in Wien, wo er nicht erst wegen des Baues von Schönbrunn 1696 eintraf, sondern schon früher thätig war. An der Pestsäule am Graben bethätigte er sich schon 1687 als Bildhauer (in Neapel auch als Medailleur), bei der Hochzeit Josephs I. baute er den Triumphbogen 1699 u. s.w. Von genanntem Kaiser hochgeschätzt, begann F. nun, namentlich seit dem Tode des einflußreichen Lodovico Burnacini, sich der gesamten Bauthätigkeit in den Erblanden als Leiter und inspizierender Meister zu bemächtigen; ihm verdankt Osterreich die Fülle seiner herrlichen Kirchen-und Palastbauten aus jener Zeit. Im Verein mit seinem Sohn Joseph Emanuel stand F. in Wien an der Spitze eines großartigen Instituts, einer Art Baubüreaus, von welchem aus sein Stiltypus auf alle Provinzen sich erstreckte. Selbständige hochbedeutende Künstler, wie die Brüder Martinelli, dann Gabrielli, Kristian, führten die Entwürfe des großen Erfinders aus. Zu dem Wichtigsten gehörten: das kaiserl. Lustschloß Schönbrunn, nicht nach F.s Idee ausgeführt, wonach es auf dem Berge stehen sollte und zu den großartigsten Bauwerken der Welt gezählt haben würde; die Peterskirche, 1702 begonnen; die Karlskirche, 1713 begonnen, 1737 vom Sohn vollendet, sein erhabenstes Werk; die Paläste des Prinzen Eugen, Trautson, Batthyanyi, Schwarzenberg, zwei Liechtensteinische, Schönburg, Schönborn, die böhm. Hofkanzlei, die kaiserl. Stallungen, der großartige, leider unvollendete Umbau der Burg unter Karl VI., wovon nur die Winterreitschule, Reichskanzlei und die Hofbibliothek nach F.s Tode fertig wurden, sind durchaus seine Erfindung. Außerhalb Wien finden sich Werle seines Entwurfs, zum Teil auch von dem Sohne ausgeführt, in Salzburg (Universitätskirche 1707, Schloß Klesheim), in Prag das schöne Palais Clam-Gallas, die Kirche zu Haindorf in Böhmen, die zu Wickersdorf in Niederösterreich, Schloß Train in Mähren, Schwarzau bei Wiener-Neustadt u. v. a. F. starb als Oberinspektor aller kaiserl. Bauten zu Wien 5. April 1723.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 845Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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