Französische Sprache. Die franz. Sprache ist wie ihre roman. Schwestern eine Entwickelungsform des Lateinischen, und zwar der röm. Volksmundarten und der lat. Umgangssprache (lingua romana rustica), die sich neben der künstlich verfeinerten Schriftsprache (ermo urbanus) forterhielten und durch die röm. Heere und Kolonen auch in Gallien nach Cäsars Eroberung verbreiteten und festsetzten. In Gallien war überdies durch das Christentum und die deutsche Eroberung die röm. Provinzialsprache ein so notwendiges Mittel der Verständigung zwischen den verschiedenen Volksstämmen geworden, daß sie schon gegen das Ende des 7. Jahrh. n. Chr. alle übrigen Sprachen verdrängt hatte. Auch die kelt. Sprachen der Eingeborenen waren durch das röm. Idiom absorbiert worden; in der Bretagne wurde das Keltische erst in späterer Zeit durch Einwanderung aus Britannien erneuert. Das konstitutive Element des Französischen ist demnach das Lateinische, das in der Lautentwickelung vom Keltischen nur unwesentlich modifiziert, im Wortschatz besonders durch kelt., german., gelehrt-lat., sowie durch spärlichere griech. und arab. Ausdrücke erweitert wurde. Erst lingua romana rustica, im Gegensatz zum Schriftlatein, dann vom Namen des Landes lingua gallica geheißen, wurde das gallische Latein nach den fränk. Beherrschern lingua krancisca, francica und franz. „Sprache benannt. Die Keime ihres analytischen Chafrakters, die Abneigung gegen die flexivischen Diffe4renzierungen, die sie mit den übrigen roman. Sprachen teilt und die für ihre Syntax von Bedeutung wurden, lagen bereits im Lateinischen und waren Volkslatein noch weiter entwickelt. Sie hat durch Beschränkung derselben zwar an Gedrungenheit des Ausdrucks verloren, Klarheit, Deutlichkeit, logische Konsequenz und Gefügigkeit aber auf anderm Wege, durch geregelte Wortstellung, zu gewinnen gewußt. Sie zeichnet sich demgemäß, wenigstens die Anfang des 17. Jahrh. begründete franz. Schriftsprache, sogar vor den übrigen roman. Sprachen durch logische Präzision und Durchsichtigkeit aus, ist aber ebendeshalb auch gebundener und unbiegsamer als diese und wegen ihrer Einförmigkeit in der Betonung der Bildungssilben und der meist konsonantisch abgestumpften oder in tonlose Vokale abgeschwächten Auslaute ärmer an Wohllaut und un⸗ . als sie. Ihre Hauptstärke liegt daher in der Prosa; im Verse wird der den Wortton modifizierende oratorische Accent zum rhythmischen Element gemacht. gl. Du Meril, «Essai philosophique sur la formation de la langue françaiseo (Par. 1852); Chevallet, «Origine et formation de la langue françaises (3 Bde., Par. 1853 —57; 2. Aufl. 1858); Ampere, Histoire de la formation de la langue françaisen (2. Aufl., Par. 1869); Scheler, EExXposé des lois qui régissent la transformation française des mots latinso (Brüss. 1875). Die 1872 erschienene Mistoire des origines de la langue françaises von Granier de Cassagnac bezweckt, gegen die allgemeine Ansicht, den kelt. Ursprung der franz. Sprache darzuthun. Schon Anfang des 9. Jahrh. erscheint das Gallo-Romanische, nach sprachlichen Dokumenten, in zwei verschiedene Hauptmundarten getrennt: die südfranzösische (roman provençal, langue d'oc) und die nordfranzösische Croman wallon, langue d'oil oder d'oui), sodaß nördlich der Linie, welche diese beiden Idiome schied und die sich durch Dauphins, Lyonnais, Auvergne, Limousin, Périgord und Saintonge zog (vgl. Tourtoulon und Bringuier, KLa limite géographique de la langue d'oc et de la langue d'oilo, Par. 1876), in der nordfranz. Sprache das fränk. Element ein dem Südfranzösischen abgehender Faktor ist, mit dem aber die Laut⸗ und Formverschiedenheit der beiden Sprachen noch nicht erklärt wird. (S. Provengalische Sprache und Litteratur.) Seit dem Bezinn des 14. Jahrh. wird das Südfranzösische in der Litteratur vom Nordfranzösischen verdrängt, welches sich seit Franzl. zur Nationalsprache erhob und nun von allen gebildeten Franzosen geredet ward. Auch das Nordfranzösische zerfällt in mehrere Volksmundarten Patois), die im Mittelalter gleichberechtigt nebeneinander stehen, in dessen franz. Schriftdenkmalen sich acht Dialekte unterscheiden lassen, nämlich der Dialekt von Isle de France (francisch), der sich seit dem Ende des 13. Jahrh. zur allgemeinen Schriftsprache zu entwickeln beginnt, der Dialekt des Südens (burgundisch), der westfranzösische (normannische), neben dem der poitevinische eine selbständigere Stellung einnimmt und von dem der anglonormannische, das in England seit der Eroberung Englands durch die Normannen (1066) gesprochene Französisch, e ul der nördl. Dialekt (picardisch), der nordöstliche (wallonisch) und der usvenenliche (lothringisch), an den sich die francoprovengalische Übergangssprache (im Süden der Bauche Somte, Dauphiné u. s. w.) anschließt. Vgl. Fallot, Recherches sur les formes grammaticales de la langue française et de ses dialectes au 13 siècles (Par. 1839), und Ascoli, «Schizzi franco-provenzalio im «Archivio glottologico italianoo (Bd. 3). Die jetzt noch Rordfrantöft Dialekte und Volksmundarten des Nordfranzösischen, und zwar mit Einschluß der Länder außerhalb Frankreichs, lassen sich einteilen: A. in die nördlichen, wozu 1) das Normandische, 2) die Volksmundarten von Isle de France und der Champagne, 3) von Lothringen und den Vogesen, 4) von Burgund, 5) das Orléannais und Blaisois, 6) das Angevin und das Manceau, 7) die canadische, 8) die belg. oder wallon. Mundart gehören; B. in die mittlern und westl. Dialekte, nämlich: 1) den von Auvergne, 2) von Poitou, 3) von der Vendée, 4) das Bas-Breton-Français, 5) den von Berri, 6) von Bordeaur; hierzu kommt C. das Creolische in Teilen von Missouri, Louisiana, der westl. Hälfte von Haiti, in Guadeloupe, Martinique und andern westind. Inseln, Algier, den franz. Besitzungen am Senegal, den Inseln Bourbon und Mauritius, Cochinchina u. s. w. Die östl. Dialekte, nämlich 1) der der Franche-Comteé (mit seinen Unterarten le Balois und le Neufchàtelois), 2) der von Waadt, 3) der von Savoyen und Genf, 4) der von Lyon, 5) der in den Städten des Dauphiné, fallen dem francoprovençal. Gebiete anheim. Vgl. Pierquin de Gembloux, „Ilistoire littéraire philologique et bibliographique des patoiso (Par. 1841); Schnakenburg, «Tableau synoptique et comparatit des idiomes populaires ou patois de la Franceo (Berl. 1840). Die Zahl der außerhalb Europas das Französische als Muttersprache oder als amt1. prache Redenden und Schreibenden kann ungefähr auf 1½ Mill. veranschlagt werden. überdies war das Französische schon im Mittelalter die verbreitetste und beliebteste Konversationssprache, die Hofsprache in England und Schottland, durch die Normannen in Sicilien und Apulien eingeführt, die Hauptverkehrssprache im Orient und durch die Kreuzfahrer nach Konstantinopel gebracht und selbst an den deutschen Höfen sehr beliebt. Sie ist meist noch gegenwärtig die diplomatische und zum Teil die internationale Verkehrssprache der Gebildeten. Dazu trug außer ihrem Charakter und den polit. Verhältnissen ihre frühzeitige und reiche litterarische Kultur bei. (S. Französische Litteratur.) Die altfranz. Sprache unterscheidet sich bis zum Ende des 15. Jahrh. noch so bedeutend von der jetzigen franz. Schriftsprache, daß sie ein besonderes Studium erfordert, und eine wissenschaftliche Behandlung ist ihr erst seit dem zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrh. zuteil geworden (grammatisch von Raynouard, Diez, Orelli, Burguy, G. Paris, Thurot und in vielen deutschen Monographien, lexikalisch von Du Cange, La Curne de Sainte-Palaye, Roquefort, Diez, Scheler, Tobler, Littre, Godefroy). Mit Franz J. trat durch das Studium und die Nachahmung der altklassischen Sprachen und Litteratur ein epochemachender Wendepunkt in der Bildung der franz. Schriftsprache ein, indem vorübergehend ihre Grammatik nach der lateinischen 1 wurde, vor allem aber die Sprache der Geildeten durch Aufnahme zahlreicher Begriffe und neuer Wörter bereichert, sowie durch künstlerische Ausbildung der Ausdrucksweise und später durch Entwickelung eines eleganten Konversationsstils in der Hauptstadt und in den aristokratischen Kreisen sich von der Sprache des Volks mehr und mehr entfernte. Durch die Thätigkeit der Französischen Akademie (1635) und durch das sog. Goldene Zeitalter der franz. Litteratur unter Ludwig XIV. erhielt dann diese gewähltere Schrift- und Umgangssprache eine feste, streng abgegrenzte Gestalt, deren Schranken zu durchbrechen erst in neuerer Zeit (seit 1830 ungefähr), aber eben nicht mit Erfolg die Neuromantiker gewagt haben. Die älteste gedruckte Grammatik dieser neufranz. Sprache rührt her von dem Engländer Palsgrave (L'esclarcissement de la langue françoysev, Lond. 1530; neue Ausg. von Genin, Par. 1852), und dieser folgte wenige Jahre darauf die gleichfalls für Engländer geschriebene Grammatik von Giles du Guez (ebenfalls von Genin hinter Palsgrave herausgegeben). Die erste in Frankreich erschienene Grammatik des Französischen ist die in lat. Sprache geschriebene von Jacques Dubois (Sylvii in linguam Gallicam isagoger, Par. 1531), dessen Beispiel, zum Teil orthographische Neuerungen nach phonetischen Grundsätzen anstrebend, Louis Meygret, Petrus Ramus, Caucius, Jean Pillot u. a. folgten. Vgl. Livet, La grammaire française du XVI‘ siècler (Par. 1859). Auf gründlicherer Gelehrsamkeit fußen die Arbeiten von Robert und Henri Estienne, dessen berühmter Traicté de la conformité du langage français avec le Greco und „Précellence de laugage françoiso 1850—53 von Leon Feugere neu herausgegeben ist. In Zusammenhang mit den Arbeiten der Französischen Akademie stehen Vaugelas' Remarques sur la langue françaisen (zuerst Par. 1647; neue Ausg. von Chassang, Par. 1878). Von den spätern grammatischen Schriften sind die geschätztesten die KGrammaire générale par MM. de Port-Royalo (1660), von de Wailly (1754), Girault-Duvivier (1821), Landais, Bescherelle, Poitevin, Boniface. Auf Diez' Lehren über die histor. Entwickelung der Sprache fußt die „Grammaire historiquep von A. Brachet (Par. 1867 u. öfter). Unter den Deutschen (seit 1830) sind hervorzuheben: Städler, Wissenschaftliche Grammatik der franz. Sprached (Berl. 1843); Mätzners »Syntax der neufranz. Spracher (2 Bde., Berl. 1843—45); desselben „Franz. Grammatiko (Berl. 1856) und Lückings „Franz. Schulgrammatiko (Berl. 1880). Das erste nennenswerte Wörterbuch verdankt die franz. Sprache ebenfalls Rob. Estienne (Dictionnaire francais-latino, 1539), wovon Jacques du Puy eine mit den Zusätzen von J. Thierry vermehrte Ausgabe 1564 erscheinen ließ; dieser folgte 1573 und dann noch öfters eine Ausgabe mit den Zusätzen von Jean Nicot, dessen Werk seine Vorläufer verdrängte. Ein auf breiterer Basis angelegtes Wörterbuch ist das von Richelet (Genf 1680; Lyon 1759), das schon auf Etymologie Rücksicht nimmt und pikant gewählte Belegstellen citiert. Zugleich eine Art von Encyklopädie bildet das Dictionnaire universelo von Antoine Furetiere (Haag 1690), welches, von den Jesuiten neu aufgelegt, unter dem Namen des „Dictionnaire de Trévouxo noch berühmter geworden ist (seit 1704 u. öfter), aber von der Französischen Akademie für ein Plagiat erklärt wurde und das Erscheinen des von ihr längst vorbereiteten Dictionnaire de I'Académie françaised beschleunigte. Das letztere wurde zuerst 1694 veröffentlicht und ist seitdem die eigentlich lexikalische Autorität der Franzosen geworden (7. Aufl. 1878 Supplémenty von Raymond, 1836; (Complémenty von Landais, 1837; von L. Barre, 1842 u. s. w.; mit 18400 übersetzung, 2. Aufl., 2 Bde., Grimma Von spätern auf dieser Basis ausgeführten franz. Wörterbüchern sind noch nennenswert das von Boiste (Par. 1800, 14. Aufl. 1857), von Landais (14. Aufl. 1867), Bescherelle (2 Bde., 1858), Poitevin (1854 —60), Dochez (1859), Larousse (15 Bde., 1864— 76) u. a. Von dem äußerst großartig angelegten Dictionnaire historique de LAcadémies sind zwei Halbbände (1858 u. 1865) erschienen, die bis zum Worte actuel reichen. Unstreitbar die wissenschaftlich wertvollste Arbeit ist das Dictionnairen von Littré (4 Bde., Par. 1863—69, und Supplement). Unter den franz.⸗deutschen Wörterbüchern sind am bekanntesten geworden die von Frisch (1739), von Schwan (2 Bde., Mannh. 1787—94; neue Aufl. 1820), von Mozin (Stuttg. 1811; 3. Aufl. von Peschier, 2 Bde., 1850—51; „Supplémento von Peschier, 1859), von Schaffer (2 Bde., Hannov. 1834 —38), von Schuster (2 Bde., Lpz. 1842-43), von Peschier (2 Bde., Stuttg. 1861—62), Plötz (2 Bde., Berl. 1865). Alle genannten überragt das Wörterbuch von E. Sachs (2 Bde., Berl. 1869 fg.). Bloß etymolog. Wörterbücher der franz. Sprache erschienen von Menage (1650), Borel (1655), Pougens (1819), Roquefort (1829), Noél und Carpentier (1834), Mazure (1869); der neuern Wissenschaft entsprechen: Diez, Etymolog. Wörterbuch der roman. Sprachen (3. Aufl., 2 Bde., Bonn 1870); Scheler, 4Dictionnaire d'étymologie française (2. Aufl., Brüss. 1873; in deutschem Auszug, Lpz. 1864); für die Schule bestimmt ist und nur die sichern Resultate enthält Brachets Dictionnaire Etymologiques (Par. 1868 u. öfter). Die Synonymik haben vorzüglich behandelt Girard (1718; neue Aug. von Beauzéc, 1769 u. öfter) und Guizot (1809; 8. Ausg.), unstreitig am besten Lafaye (3. Aufl. 1869), für Deutsche Schmitz (3. Aufl. 1883). Eine gute Darstellung der ältern grammatikalischen und lexikalischen Bearbeitungen der franz. Sprache, sowie eine Geschichte des franz. Stils enthalten die Werke von Francis Wey: «Iistoire des révolutions du langage en Frances (Par. 1848) und Remarques sur la langue française au 19 siècler (Par. 1844). Ferner sind noch zu erwähnen: Genin, Des variations du langage français depuis le 12 siècles (Par. 1845), desselben Récréations philologiques o (2 Bde., Par. 1856) und Littrés Histoire dela langue françgaiser (6. Aufl., 2 Bde.).