Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg 1640—88, gewöhnlich der Große Kurfürst genannt, geb. 6.(16.) Febr. 1620 zu Berlin, wurde zuerst in Küstrin, dann in Wolgast bei seiner Tante Marie Eleonore, Gemahlin Gustav Adolfs, erzogen und ging 1634 nach den Niederlanden, wo er zu Leiden studierte, dann in Arnheim, zeitweise im Haag lebte und wiederholt im Feldlager des Prinzen Heinrich Friedrich von Oranien weilte. Im J. 1638 heimgekehrt, trat er, 20 J. alt, nach dem Tode seines Vaters, Georg Wilhelm, 1. Dez. 1640 die Regierung an. Sofort sagte er die falsche rager Frieden in den Krieg mit Schweden um Pommern verwickelt hatte, auf und schloß, begünstigt durch den plötzlichen Tod Schwarzenbergs, des katholischen kaiserlich gesinnten Ministers (14. März 164¹)/, schon 17. Juli 1641 zu Stockholm mit Schweden einen Waffenstillstand auf zwei Jahre, der den Schweden zwar Driesen, Landsberg, Krossen, Frankfurt und Gardelegen ließ, ihm selbst aber das übrige Land zurückgab. Im Mai 1643 wurde der Stillstand ein definitiver. Durch den Waffenstillstand mit Hessen-Kassel 1644 erhielt F. die von Hessen besetzten Orter in Kleve und in der Grafschaft Mark zurück. F. vermählte sich 1647 mit Luise Henriette (geb. 17. Nov. 1627, gest. 8. Juni 1667), der Tochter des Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien, die, ebenso durch klaren Verstand wie religiösen Sinn ausgezeichnet, unter anderm das Lied Jesus, meine Zuversichte verfaßt hat. Obgleich nach dem Aussterben der Herzöge von Pommern 1637 dieses Land auf Grund früherer Erbverträge an Brandenburg hätte fallen sollen, mußte der Kurfürst im Westfälischen Frieden Vorpommern, die Insel Rügen und einen Teil von Hinterpommern an Schweden überlassen, wogegen er nebst dem Reste von Pommern und der Grafschaft Hohenstein die Bistümer Halberstadt, Minden und Kammin als weltliche Fürstentümer erhielt und das Erzstift Magdeburg ihm nach dem Tode des damaligen Administrators, des Prinzen August von Sachsen, als Herzogtum versprochen wurde. Seiner Glaubensgenossen, der Reformierten, nahm sich F. bei den westfäl. Friedensunterhandlungen ebenso dringend als seiner polit. Interessen an, und brachte es dahin, daß jene gleiche Rechte mit den Lutherischen erhielten. Die erste kriegerische Verwickelung hatte der Kurfürst im Sommer 1651 mit dem Herzog von Pfalz-Reuburg, der in den vermöge Vergleichs mit Brandenburg vom J. 1647 ihm zugefallenen Ländern Julich, Berg und Ravenstein 1650 die dort gewährleistete Religionsfreiheit brach und die Protestanten hart verfolgte. Der allzu kühne Vorstoß, der die in Holland eben mächtig gewordene Aristokratie sehr aufbrachte, endigte mit einem Vergleich, der im wesentlichen alles beim alten beließ (Okt. 1651). Neben andern Reformen sind die nächsten Jahre bedeutungsvoll durch die Entwickelung der Armee, welche in fünf Jahren von 16000 auf 26000 Mann gebracht wurde, als festeste Stütze des einheitlichen Staatsgedankens gegenüber provinziellen Sondergelüsten und den hohen Aufgaben der äußern Politik. Unter dem Beirat des 1651 in seine Dienste getretenen Grafen Georg Friedrich von Waldeck versuchte der Kurfürst eine festere Einigung der norddeutschen und prot. Reichsfürsten unter Leitung Brandenburgs mit Wendung gegen Ssterreich und Eintritt in den Kampf um das jülich-klevesche Erbe zu Stande zu bringen. Die vielverheißenden Anfänge dieses Unternehmens ließ er aber fallen, als er 1655 in den Krieg Schwedens mit Polen verwickelt wurde. Der siegreiche Karl Gustav von Schweden zwang ihn, aus der bewaffneten Neutralität • auf seine Seite zu treten und durch den Königsberger Vertrag (17. Jan. 1656) das Herzogtum Preußen von ihm zu Lehn zu nehmen. Bald aber änderten sich die Verhältnisse. Der Volks⸗ und Religionskrieg der Polen gegen die letzerischen Schweden brachte diese in solche Bedrängnis, daß sich Karl Gustav im Vertrage von Marienburg (25. Juni 1656) zum Waffenbund und zur Teilung der poln. Beute mit F. entschloß. In dem glänzenden Siege von Warschau (27. bis 30. Juli 1656) zeigte sich, was die Waffen Brandenburgs wert waren, und als Preis fernerer Hilfe erlangte der Kurfürst in einem 20. Nov. 1656 zu Labiau * Vertrage die Aufhebung der Lehnsabhängigkeit des Herzogtums Preußen nebst dem Bistum Ermland von Schweden. Als aber 1657 der Kaiser des bedrängten Polens sich annahm und auch Dänemark an Schweden den Krieg erklärte, verbündete sich der Kurfürst 19. Sept. zu Wehlau mit dem Könige von Polen, der ihm dafür die Souveränetät Preußens gewährte, schloß sich auch (10. Nov.), durch den Schwedenkönig, der inzwischen Dänemark niedergeworfen hatte, im Besitz Preußens neu bedroht, dem engern Bündnisse an, in welches Polen, Dänemark und Holland zum Schutz und Trutz gegen Schweden miteinander traten. A. selbst erhielt den Oberbefehl über die alliierte Armee, erstürmte Dez. 1658 die Insel Alsen, nahm Mai 1659 Friedericia und wurde nur durch den Mangel einer willigen Flotte am Übergang nach Seeland, wo Karl Gustav Kopenhagen bedrängte, verhindert. Daher wandte sich F. nach Vorpommern, das er bis auf Stettin eroberte, jedoch durch den von Frankreich vermittelten Frieden von Oliva (3. Mai 1660) aufzugeben gezwungen wurde. Die Souveränetät Ostpreußen-Ermelands blieb der Gewinn. Die Stände Preußens aber, unter Führung des Freiherrn von Kalkstein, verweigerten den Huldigungseid, vor allen die Stadt Königsberg mit ihrem Bürgermeister Hieronymus Rohde, und es bedurfte strenger Maßregeln, der Einkerkerung Rohdes und der Hinrichtung Kalksteins, um die Stände 1662 zur Huldigung zu bewegen. In ähnlicher Weise erzwang der Kurfürst 1666 auch die Huldigung der Stadt Magdeburg. Unterdes hatte F. 1663 dem Kaiser Leopold mit 2000 Mann Hilfstruppen und bald hierauf auch dem poln. Könige Michel Koribut in dem Kriege gegen die Türken beigestanden. Ebenso trat er, die aus dem Falle der Republik der Niederlande für Deutschland erwachsende Gefahr klar erkennend, 1672 mit diesem Staate, der von Ludwig XIV. angegriffen wurde, in ein Bündnis und trug dazu bei, daß sich Braunschweig der Kaiser, Dänemark, Hessen-Kassel und andere deutsche Fürsten mit ihm zur Verteidigung der Niederlande gegen Frankreich verhanden. Allein die zweideutige Lauheit, mit welcher die österr. Feldherren den Krieg führten, sowie ein Einfall der Franzosen in seine rhein. und westfäl. Lande nötigten ihn (6. Juni 1673) zu dem Vertrage zu Vossem, einem Dorfe bei Löwen, nach welchem Ludwig XIV. Westfalen zu räumen und dem Kurfürsten 800000 Livres zu zahlen versprach, der Kurfürst dagegen dem Bündnisse mit Holland entsagte und Frankreichs Feinden weder mittelbar noch unmittelbar beizustehen versprach, sich aber vorbehielt, im Falle eines Angriffs dem Deutschen Reiche Hilfe zu leisten. Dieser Fall trat schon 1674 ein, wo der Reichskrieg gegen Frankreich beschlossen wurde. Die Holländer und Spanier unter dem Prinzen Wilhelm von Oranien, dem auch ein kaiserl. Truppenkorps untergeben war, stellten sich in den Niederlanden gegen den Prinzen Conde, die kaiserl. und Reichsvölker unter Bournonville am Oberrhein gegen Turenne auf. Nachdem in den Schlachten bei Sinzheim (16. Juni) und bei Senef in Brabant (11. Aug.) viel Blut ohne rechte Entscheidung geflossen war, zog das durch den Zuzug der Brandenburger unter ihrem Kurfürsten bis auf 60000 Mann verstärkte deutsche Heer über den Rhein und nahm seine Winterquartiere im Elsaß, während Turenne sich nach Lothringen zurückzog. Aber gegen Ende 1674 griff Turenne das verbündete Heer unerwartet an, Bournonville veruneinigte sich mit dem Kurfürsten, und obwohl sie in mehrern blutigen Gefechten den Feinden überlegen blieben, kehrten doch im Jan. 1675 beide über den Rhein zurück, und der Kurfürst bezog Winterquartiere in Franken. Unterdes hatte König Karl XI. von Schweden, um als Bundesgenosse Frankreichs den Kurfürsten von der Teilnahme am Kriege gegen letztere Macht abzuziehen, ein Heer unter dem Marschall Wrangel aus Pommern in die Mark einrücken und das wehrlose Land besetzen lassen. Durch die zögernden Unterhandlungen, welche der Kurfürst durch seinen Statthalter, den Fürsten von Anhalt, mit den Schweden eröffnete, und dessen Unthätigkeit sicher gemacht, gingen die Schweden immer weiter vor, verwüsteten das Land und erneuerten alle Greuel des Dreißigjährigen Kriegs; ihr Gedanke war, von der Elbe aus gegen den Rhein vorzubrechen, um so den großen Krieg zu entscheiden. Da rückte der Kurfürst plotzlich 1675 mit seinen Truppen aus Franken in Eilmärschen nach seinen Staaten vor, überrumpelte 25. Juni Rathenow, ereilte 28. Juni den General Waldemar Wrangel bei Fehrbellin (s. d.) und brachte demselben eine solche Niederlage bei, daß das übrige schwed. Heer in ungesäumter Flucht seine Staaten räumte. Während der Kaiser die Schweden in den Reichsbann that, drang der Kurfürst, durch ein Buündnis mit Dänemark verstärkt, noch weiter siegreich vor, eroberte ganz Pommern und vertrieb die Schweden auch, als sie (im Jan. 1679) 16000 Mann stark von Livland her in Preußen eingefallen waren, in einem glücklichen Winterfeldzuge, auf dem er sie über das Eis des Kurischen Haffs versolgte. Während dieser Siege des Kurfürsten hatten die mancherlei Unfälle der Armeen am Rhein und der von Ludwigs Diplomatie meisterhaft aus-Machter Zerfall der Koalition die kriegführenden ächte zu Friedensunterhandlungen bestimmt, die in Nimwegen zum Abschluß kamen. Der Kurfürst, in diesem Frieden unberücksichtigt gelassen und vom Kaiser preisgegeben, wollte nun, mit Dänemark verbündet, Pommern, den Gewinn seiner Siege, artnäckig behaupten. Allein nach erfolglosen Verandlungen mit Ludwig XIV. und ebenso erfolgosen Vorstellungen bei dem Kaiser mußte er endlich, da die Franzosen 30000 Mann stark in das Herzogtum Kleve einrückten, der Notwendigkeit weichen und in den Frieden von St.⸗Germain-en-Laye (29. Juni 1679) einwilligen, dem zufolge er alle Eroberungen an Schweden herausgab, dagegen außer 300000 Kronenthalern Entschädigungen von Frankreich, die wenigen Orter und Zölle erhielt, welche Schweden seit 1648 in Hinterpommern besessen hatte. Der Kurfürst hegte über das Fehlschlagen seiner Hoffnungen und Pläne namentlich gegen den Kaiser bittern Unmut. Seitdem suchte er notgedrungen Rückhalt bei Frankreich, mit dem er 25. Okt. 1679 sogar einen geheimen Freundschaftsvertrag abschloß. Deshalb trat er auch dem durch die Reunionen veranlaßten Bündnis der Niederlande, Schwedens, des Kaisers und der meisten Reichsfürsten gegen Frankreich nicht bei, sondern suchte die friedliche Beilegung des Streits zwischen dem Reiche und Frankreich zu bewirken, und da Ludwig XIV., dessen