FeedGabelentz (Hans Conon von der)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Gabelentz (Hans Conon von der), ausgezeichneter Sprachforscher, geb. 13. Okt. 1807 zu Altenburg, der einzige Sohn des 7. März 1831 verstorbenen Geheimrats und Kanzlers Hans Karl Leopold von der G., erhielt seine Bildung auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt und seit 1825 auf den Universitäten zu Leipzig und Göttingen. Im J. 1829 trat er in den sachsen-altenburg. Staatsdienst und wurde 1831 zum Kammer- und Regierungsrat und 1843 zum Geh. Kammer- und Regierungsrat befördert. Er nahm 1847 die auf ihn gefallene Wahl zum Landmarschall im Großherzogtum Weimar an und ging im März 1848 zum Vorparlament nach Frankfurt, wo er für die sächs. Herzogtümer in die Zahl der 17 Vertrauensmänner eintrat, welche dem Bundestage zur Entwerfung einer deutschen Reichsverfassung beigegeben waren. Darauf wurde er interimistischer Bundestagsgesandter bis zur Auflösung des Bundestags im Juli 1848. Ende Nov. 1848 zum Ministerpräsidenten in Altenburg ernannt, gab er im Aug. 1849 seine Entlassung, nachdem in demselben Jahre bereits sein Landmarschallamt in Weimar infolge eines neuen Wahlgesetzes sein Ende erreicht hatte. Als Mitglied des Staatenhauses für Altenburg ging er zu dem Erfurter Parlament; 1851 wählte ihn die Ländschaft des Herzogtums Altenburg zu ihrem Präsidenten; letzteres Amt bekleidete er bis 1870, in welchem Jahre er sich ganz von der öffentlichen Thätigkeit zurückzog. Fortan widmete er sich nächst der Verwaltung seiner Güter ausschließlich seinen linguistischen und histor. Studien, bis er 3. Sept. 1874 auf seinem Gute Lemnitz bei Triptis starb. Schon frühzeitig beschäftigte er sich mit den Sprachfamilien des östl. Asien. In den Elements de la grammaire mandchouep (Mltenb. 1833) entwickelte er die Mandschusprache nach ihrer ganzen santeelufrabe in konzisen Regeln. Einige interesante Aufsätze über das Mongolische lieferte er in der von ihm mitbegründeten Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes » (1837 fg.); die Entzifferung der Pa-sse-pa-Schrift ist sein Verdienst. Später wandte er sich den Sprachen des finn. Stammes zu, die er zuerst in Deutschland nach rationellen Grundsätzen behandelte. Unter anderm veröffentlichte er eine Grammatik der mordwinischen Spracher in der erwähnten Zeitschrift (Bd. 2), die Grundzüge der syrjänischen Grammatiko (Altenb. 1841), sowie Abhandlungen «liber die Suahilispraches, worin er zuerst den Bantu-Sprachstamm wissenschaftlich nachwies, und «über die samojedische Spracher in der ageitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft» (Bd. 1. Lpz. 1847; Bd. 5, 1850), ferner eine Kurze Grammatik der tscherokesischen Spracher im dritten Bande von Höfers Zeitschrift für die Wissenschaft der Spracher (1852). Inzwischen hatte sich G. in Gemeinschaft mit einem Jugendfreunde, dem Pastor J. Löbe zu Rasephas bei Altenburg, auch dem Studium der ältern Zweige des german. Sprachstammes, namentlich der got. Bibelübersetzung des Ulfilas, zugewandt, als dessen Frucht eine neue kritische Ausgabe derselben nebst lat. Übersetzung, got. Glossar und got. Grammatik (2 Bde., Lpz. 1843—46) erschien. Andere schätzbare Beiträge zur Sprachenkunde und Sprachwissenschaft sind: 4 Beiträge zur Sprachenkundey (3 Hefte, Lpz. 1852), welche Grammatiken der Dajak, Dakota⸗ und Kiririsprache enthalten; «Grammatik und Wörterbuch der Kassiaspracher (Lpz. 1857); die Untersuchungen «lüber die melanesischen Sprachene, in denen er einen noch unbekannten Sprachstamm entdeckte (Lpz. 1860, 1873) und «Küber das Passivum» (Lpz. 1860). Letztere drei Arbeiten sind auch in den Abhandlungen der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften » enthalten, welcher G. seit 1845 als Mitglied angehörte. Außerdem gab er die mandschuische Übersetzung der chines. Werke Se-schup, „Schu-kingo und «Schikingh mit einem mandschu-⸗deutschen Wörterbuche (Lpz. 1864) heraus. Nach seinem Tode erschien Geschichte der Großen Liao aus dem Mands chu übersetzto (herausg. Petersb. 1877). Kürzere Abhandlungen, Beiträge zur mandschuischen Konjugationslehrev, düber die Ausdrücke für Sterben' im Mandschuischenv, alüber die Sprache der Aimaks und Hazäraso, Expressions servant à rendre L'idéeé de „pouvoir“ en mandchous erschienen in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft und im ersten Bande der cMémoires du congrès international des Orientalistes G. Streben war vorzugsweise auf eine möglichst allseitige Kenntnis der menschlichen Sprache gerichtet. Nächst der verwandtschaftlichen Klassifikation verlangte er daher eine Vergleichung aller Sprachen hinsichtlich der verschiedenen Faktoren ihres gedanklichen Gehalts; nur auf diesem Wege schien ihm die Herstellung einer wahrhaft allgemeinen Grammatik möglich. Einige achtzig Sprachen hat er mehr oder minder eingehend studiert, gegen dreißig zuerst wissenschaftlich bearbeitet, indem er Texte, meist Bibelübersetzungen, grammatisch und lexikalisch untersuchte. In zahlreichen Aufsätzen für die «Mitteilungen der Geschichts-und Altertumsforschenden Gesellschaft des Osterlandes hat er geschätzte Beiträge zur Kenntnis der Geschichte seines Heimatlandes geliefert.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 440Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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