FeedGeburtsstatistik
Recht & StaatBrockhaus 1882

Geburtsstatistik, ein Hauptteil der Statistik der Bewegung der Bevölkerung (s. d.), stellt aus den individuellen Eintragungen der Geburten in die Civilstandsregister (oder Kirchenbücher) «große Zahleno mit Unterscheidung der besonders bedeutsamen Kategorien zusammen, weist auf die Schlüsse hin, die sich aus denselben in Betreff der hygieinischen, sozialen, sittlichen und wirtschaftlichen Zustände des Landes ergeben, und hebt die in den Zahlenreihen auftretenden mehr oder weniger rätselhaften Regelmäßigkeiten oder Gesetzmäßigkeiten hervor. Zur bessern Aufstellung dieser letztern Erscheinungen werden in der neuesten Zeit die Geburten auch vielfach nach Rücksichten gruppiert, die ein rein naturwissenschaftlich-physiol. Interesse haben und für die Verwaltung und Sozialpolitik kaum in Betracht kommen, wie z. B. nach dem kombinierten Alter der beiden Eltern, nach der Ordnungszahl der Niederkünfte der Mutter u. s. w. Die Grundziffer der G. ist natürlich die Gesamtzahl der Geborenen innerhalb eines Jahres; dieselbe fällt nicht vollständig mit der Zahl der Niederkünfte oder Geburtsfälle zusammen, da immer ein gewisser Prozentsatz von Mehrlingsgeburten vorkommt. Aus jener Gesamtzahl sind zunächst diejenigen Fälle auszuscheiden, die für die Volksvermehrung keine Bedeutung haben, nämlich die Totgeborenen. Dieser Begriff ist indes in den verschiedenen Ländern nicht gleichmäßig begrenzt, indem er z. B. in Frankreich alle Kinder umfaßt, die bei der Eintragung in das Civilstandsregister nicht mehr lebten, wenn sie auch lebend zur Welt gekommen waren. In England werden die Totgeborenen überhaupt nicht registriert. Die absoluten Zahlen der Lebendgeborenen betrugen: Jahr Deutschland Frankreich England Ssterreich 1872 1 626 037 966 000 825 907 810 147 1873 1647 967 946 364 829 778 828 030 Jahr Deutschland Frankreich England Österreich 1874 1682 737 954 652 854 956 829 709 1875 1 724 412 950 975 850 607 842 303 1876 1757 701 966 682 887 968 853 436 1877 1 747 393 944 576 888 200 830 776 1878 1 714 433 937 317 891 906 833 251 1879 1 735 871 936 529 880 389 855 593 1880 1 696 176 920 177 881 643 827 980 Die Zahl der Totgeborenen betrug im J. 1880 in Deutschland 67921, in Frankreich 41737, in Osterreich (Cisleithanien) 22029. Von der Gesamtzahl der Geborenen machten die Totgeborenen also resp. 3,91 Proz., 4,46 Proz. und 2,32 Proz. und dieses Verhältnis bleibt in jedem Lande ziemlich konstant. Zur allgemeinen vergleichenden Charakterisierung der Fruchtbarkeit der Bevölkerung in verschiedenen Ländern wendet man die sog. Geburtsziffer an, nämlich das Verhältnis der Zahl der jährlich Geborenen zu der Zahl der Bevölkerung. So kamen lebend Geborene auf 10000 Einwohner: Jahr Deutschland Frankreich England Ssterreich 187² 39,3 26,8 35,8 39,7 1873 39,4 26,„1 35⁵,4 39,5 187⁴4 39,8 26,2 36, 39,1 187⁵ 40,4 26,0 35,4 39,4. 1876 40,6 26,2 36,4 39,5 187⁷ 40,0 25,6 36, 38,2 1878 38,8 2⁵,‚3 35,6 37, 1879 38,9 25,2 34,7 38,6 188⁰ 37,6 2⁴,7 3⁴4,4 37,6 Es zeigt sich hier noch deutlicher als in der Tabelle der obersten Zahlen, daß in den angeführten (wie überhaupt in fast allen) Staaten seit 1876 eine Verminderung der Fruchtbarkeit eingetreten ist, die ohne Zweifel mit den ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen zusammenhängt. Die Zahl der Mehrlingsgeburten (Fälle) auf 1000 Niederkünfte beträgt im Durchschnitt der J. 1865—80 in Preußen 12,8, in Bayern 13,9, in Sachsen 11,9, in Baden 13,0, in Osterreich 11,6,‚ in Ungarn 14,2, in Italien 11,8, in Schweden 14,5, in Holland 12,9, in Frankreich 9,s, in Belgien 9,7. Unter den Mehrlingsgeburten sind immer nahezu 99 Proz. Zwillingsgeburten. über das Geschlechtsverhältnis der Geborenen s. Bevölkerung. Die Geburten verteilen sich nicht gleichmäßig auf das ganze Jahr, sondern es zeigen sich Maxima und Minima in einzelnen Monaten, jedoch mit manchen Schwankungen und mit bedeutenden Verschiedenheiten in verschiedenen Ländern. In Preußen z. B. findet sich die größte Dichtigkeit der Geburten gewöhnlich in den Monaten Februar oder März einerseits und September andererseits, die geringste im Juni oder Juli und im November oder Dezember. Von großem moralstatistischen Interesse ist die Verteilung der Geburten nach Chelichkeit und Un⸗ — Von 1000 lebend Geborenen waren unehelich: Jahr Deutschland Frankreich U. Walcs (isleith. 1875 856 70,3 47, 119,0 15876 685 69,6 46,8 123,6 1879 87•½4 7¹no5 47½%½ 143,5 Seit 1876 3 also neben der Abnahme der allemeinen eine Zunahme der unehelichen Fruchtbareit zu bemerken, die wohl ebenfalls hauptsächlich aus der Ungunst der ökonomischen Verhältnisse zu erklären ist. über die relative Frequenz der unehelichen Geburten in einzelnen Staaten des Deutschen Reichs gibt die folgende Tabelle Auskunft. Es kamen Uneheliche auf 1000 Lebendgeborene: Jahr Preußen Bayern Sachsen Württemberg 1865 82j,‚0 2²⁴ñ,7 150,0 158,0 1866 8⁵,7 2175„5 156,3 154,1 1867 80,9 210,3 144,g,8 146,7 1868 80,7 199,„3 139, 137,2 1869 78, 178, 135,9 133,0 1870 79,2 164,„1 137,3 128,1 187⁵ 73,8 12⁵,5 12⁴,3 85,3 1876 73,6 128,6 12⁴j,3 8²j,„5 1877 74,0 128,8 123,1 81;,3 1878 74, 126, 122,5 8²/0 1879 76,2 128,4 128,5 84,8 1880 78,1 130,3 125,) 850 Die neuere deutsche Gesetzgebung in Bezug auf Verehelichung, Niederlassung u. s. w. hat sich hiernach für die Verminderung der unehelichen Geburten als nützlich erwiesen. Besonders auffallend ist die seit 1868 in Bayern durch die Aufhebung der frühern Beschränkungen der Cheschließung eingetretene Veränderung. Vgl. «Movimento dello stato civile; confronti internazionalis (Rom 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 624Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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