Geldherrschaft nennt man häufig das in der neuern Zeit immer stärker hervorgetretene Über⸗ .* des beweglichen Kapitals über den Grundesitz oder überhaupt die leitende Machtstellung des Großkapitals in der ganzen modernen Produktionsordnung. Früher galten die Grundbesitzer als die vornehmsten Träger des Reichtums. Die gewöhnlichen städtischen Gewerbe bewegten sich meistens in den Grenzen des Kleinbetriebs und führten wohl Raicht zu Wohlstand, aber selten zu eigentlichem eichtum. Bedeutendere Kapitalansammlungen entstanden in den bürgerlichen Kreisen erst mit Hilfe des Handels, besonders des mit großem Risiko, aber auch mit großen Gewinnchancen verbundenen Handels mit fernen Ländern. Mit der großartigen Ausbreitung des Welthandels seit dem Zeitalter der Entdeckungen begann daher auch eine neue Periode in der Entwickelung des beweglichen Kapitals. Nicht minder aber wurde dieselbe gefördert durch das Aufkommen der Maschinenindustrie seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. und durch die Eisenbahnbauten und die übrigen großen Unternehmungen der neuern Zeit. Denn die modernen Industrie⸗ und Verkehrsanlagen konnten Derrirkum nur mittels Gesellschaftsbildung, durch ereinigung kleiner Kapitalanteile zu einem großen Gesamtkapital zu Stande kommen, und das letztere mußte häufig noch durch Aufnahme von Anleihen ergänzt werden. So brauchte man, um sich an industriellen und sonstigen Unternehmungen zu beteiligen, sich nicht mehr mit irgend einem Betriebe selbst zu beschäftigen, es genügte, daß man Aktien oder Obligationen kaufte, die jederzeit wieder leicht veräußert werden können. Der Größe der Unternehmungen entsprechen auch die Kreditbedürfnisse derselben. So gelangte auch das Bankwesen, vielfach wieder in der Form von Aktiengesellschaften, zu einer zunehmenden Ausdehnung, und das enorme Anschwellen der Staatsschulden eröffnete einerseits den Geld⸗ und Kreditoperationen neue Aussichten auf Gewinn und erleichterte andererseits immer mehr die Vermögensanlagen in beweglichen, leicht umsetzbaren Werten. So haben sich nicht nur enorme Vermögen gebildet, die hauptsächlich in Wertpapieren angelegt sind, sondern es werden auch viele Vermögen dieser Art von ihren Besitzern fortwährend geschäftsmäßig als Kapital ausgenutzt, sei es in Bankgeschäften, in Borsenspekulationen, neuen Gründungen, Emissionen oder auf andere Art. Das Geld selbst tritt in diesem beweglichen, thätigen Kapital nur vorübergehend auf und in größerm Maßstabe nur dann, wenn es sich zu irgend einem Zwecke um die Konzentrierung einer bedeutenden unmittelbar schlagfertigen Vermögensmacht handelt. Aber auch die übrien wechselnden Bestandteile dieses Kapitals sind erte, die auf Geld lauten und immer auch in Geld umgesetzt werden können. Diese stets rührige und schlagfertige Kapitalmacht, hauptsächlich vertreten durch die 10 chaute finance, ist nun wesentli maßgebend für die Kreditverteilung und übt dur ihre spekulativen Operationen auch einen tiefgehenden Einfluß auf die ganze Gestaltung der Produktion aus. Die Grundbesitzer und überhaupt die materiell in Abhängigkeit von dieser Geldmacht, die kleinern Betriebe fühlen sich durch den auf Kapitalassociation beruhenden Großbetrieb immer mehr bedrängt, die Arbeiter sehen in dem konzentrierten Großkapital den eigentlichen Träger der vom Sozialismus bekämpften ckapitalistischen Produktionsweiser, und so erheben sich denn von den verschiedensten Seiten Klagen über die G. Dieselben werden unterstützt durch den Glauben, daß die bloßen Geldoperationen einen mühelosen und verhältnismäßig größern Gewinn einbrächten, als die eigentlich produ ierenden Unternehmungen. Soweit dies richtig ist, sind diese Geschäfte aber auch mit einem weit größern Risiko verbunden; bei jener Meinung nimmt man aber nur auf die Gewinnenden Rücksicht und läßt die Verlierenden außer Betracht. Daß die sogenannte G. gewisse Mißstände und übel in ihrem Gefolge hat, gilt für sie wie für jede andere wirtschaftliche und gesellschaftliche Lebenserscheinung. Andererseits aber erscheint es als ein naturgemäßes Produkt der neuern weltumspannenden Entwickelung der Volkswirtschaft, namentlich der unwiderstehlich fortschreitenden Ausdehnung des Großbetriebs, die unmittelbar auf der zunehmenden Bewältigung und Ausnutzung der Naturkraft durch den Menschen beruht.