Gent, franz. Gand, die Hauptstadt der belg. Provinz Ostflandern, vormals der ganzen Grafschaft Doerenm am Einfluß der Lys, der Kieve und der oere in die Schelde, an der Belgischen Staatsbahn von Brüssel nach Ostende, welche hier nach Tournai abzweigt, und Ausgangsstation von Privatbahnen nach Terneuzen, Antwerpen und Brügge, ist durch Kanäle, darunter mehrere schiffbare, in ungefähr 40 Inseln geteilt, welche durch eine Menge Brücken verbunden sind. Die Stadt hat einen Umfang von über 10 km, wovon jedoch Gärten, Bleichen und Ackerfelder einen großen Teil einnehmen, zählt (1881) 132839 E. und besitzt 28 Plätze und 18 Märkte. Unter den zahlreichen Kirchen und Kapellen sind hervorzuheben die Kathedrale St.Bavon, mit den Mausoleen der Bischöfe von G., 24 reichverzierten Kapellen und Kopien des Agnusbildes der Gebrüder von Eyck, sowie die St. Michaeliskirche. Unter den übrigen öffentlichen Bauwerken zeichnen aus: der Gravensteen, ein Rest der von den ersten andr. Grafen erbauten Burg; das ansehnliche got. athaus mit schöner griech. Kolonnade; die Universität; das große, 1772 nach dem Kreisplan erbaute,‚ 1824 beendigte Zuchthaus; der von 1338 datierende 118 m hohe Gemeindewartturm, Beffroi genannt; das Theater-⸗ und Redoutengebäude; der prächtige neue Justizpalast; die bischöfl. Residenz; das Bronzestandbild Jakob van Arteveldes. G. ist der Sitz eines Bistums, eines Appellhofs für ganz Flandern, eines Tribunals erster Instanz und eines Handelsgerichts. Es befindet sich daselbst eine Staatsuniversität, womit eine Polytechnische Schule verbunden, ein königl. Gymnasium (Ithénée), ein bischöfl. Seminar, eine Malerakademie mit einer Gemäldegalerie, ein musikalisches Konservatorium, zahlreiche wissenschaftliche, Kunst- und Geselligkeitsvereine, eine gegen 100000 Bände starke Bibliothek, ein botan. Garten, zahlreiche Spitäler und Waisenanstalten, viele Mönchs⸗ und Nonnenklöster verschiedener Benennung, zwei Beguinenhäuser, beide 1234 gegründet. Obgleich die Stadt von ihrer Höhe im 15. Jahrh., wo sie allein 40000 Lein⸗ und Wollarbeiter zählte, bedeutend herabgesunken, auch die Trennung von Holland ihr einen empfindlichen Schlag versetzt, so hat sie doch gegenwärtig noch sehr wichtige Manufakturen, besonders Linnengarn⸗(120000 Spulen) und Baumwollspinnereien, Tuch⸗, Leder⸗, Papier⸗ und Taetenfabriken, Eisengießereien, fätten, Zuckerraffinerien u. s. w. Besonders berühmt ist die Blumenkultur, die einen bedeutenden hausem, welch bildet und in den 400 Gewächsäusern, welche die Stadt zählt, eine Pracht und so große Ausdehnung erreicht hat, daß die genter Blumenausstellungen alles, was Europa Ahnliches aufweisen kann, weit übertreffen. G. wird schon im 7. Jahrh. erwähnt. Gegen 868 baute daselbst Graf Balduin I. eine Burg gegen die Normannen. Dieser bemächtigte sich später (949) gegen die Grafen von Flandern Kaiser Otto d. Gr.; doch ums J. 1000 vertrieben die immer mächtiger werdenden Grafen von Flandern den kaiserl. Burggrafen. Unter ihrer Herrschaft vergrößerte sich die Stadt mehr und mehr, sodaß sie zu den Zeiten Philipps von Valois und Karls VI. von Oietes n 50000 Mann ins Feld stellen konnte. ieses Wachsthum ihrer Macht gab den Gentern den Mut, wenn sie sich durch ihre Fürsten beeinträchtigt glaubten, ihre Rechte mit Gewalt der Waffen geltend zu machen. So entstand die berühmte Schilderhebung Jakobs van Artevelde (s.d.) egen den Grafen Louis de Crecy in der ersten älfte des 14. Jahrh.; so der Widerstand gegen die Annahme Philipps des Kühnen von Burgund als Grafen von Flandern (1385). Ebenso erhoben sie sich 1450 gegen den Herzog Philipp den Guten von Burgund, als dieser eine neue Steuer auf Salz und Getreide legte, wurden aber bei Gavere bezwungen. Als Maria von Burgund, die in G. residierte, nach dem Tode ihres Vaters, Karls des Kühnen, ihren Kanzler Hugonet und Sire d'Humbercourt an Ludwig XI. gesandt hatte, um annehmliche Friedensbedingungen zu erlangen, wurden beide Männer nach ihrer Rückkehr von den Gentern als Landesverräter ergriffen, zum Tode verurteilt und in Gegenwart der Fürstin, die für ihre Räte das Volk vergebens um Gnade anflehte, enthauptet (1477). Nach Marias Tode zwangen die Genter deren Gemahl, den Rniichen 9 Maximilian, zu dem für ihn und die sämtlichen Niederlande so äußerst nachteiligen Frieden von Arras, 23. Dez. 1482, lediglich aus dem Grunde, weil sie einen Widerwillen gegen den Herzog hatten. Sie weigerten sich 1539, an einer der Grafschaft Flandern auferlegten Steuer teilzunehmen, indem sie sich auf ihre Privilegien beriefen. Karls V. Schwester Maria, die Statthalterin der Niederlande, ließ hierauf alle genter Kaufleute, die sich außerhalb der Stadt befestuba verhaften, mit der Drohung, sie so lange estzuhalten, bis die Stadt sich fügen werde. Die