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Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Gentry heißt in dem Sprachgebrauch der engl. Heraldik der niedere Adel, welcher für Baronets, Ordensritter u. a. anerkannt wird. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch bezeichnet G. die Gesamtheit der Honoratioren in Land und Stadt, welche auf Grundlage eines größern Besitzes, höherer Bildung und öffentlicher Thätigkeit in Ehrenämtern die heutige regierende Klasse Englands darstellen. (S. Gentleman.) Geutz (Friedr. von), der hervorragendste deutsche Publizist zur Zeit der Französischen Revolution und des Kampfes gegen Napoleon, der Wort⸗ und Schriftführer der deutschen und der europ. Reaktion in der Restaurationsperiode, war 2. Mai (nach andern Angaben 8. Sept.) 1764 zu Breslau geboren, studierte Jurisprudenz auf den Universitäten zu Frankfurt und Königsberg, wo er für Rousseau und für Kant schwärmte, und wurde 1786 zum Geh. Sekretär beim Generaldirektorium in Berlin, 1793 zum Kriegsrat ernannt. —5 ein begeisterter Anhänger der Französischen Revolution, verfocht er überall, auch in der Litteratur, die Prinzipien der Vernunft, der Freiheit und der Gleichheit, der Menschen- und der Bürgerrechte, bis ihn die Ausschweifungen der Revolution plötzlich (seit 1792) in einen fanatischen Lelbre derselben umwandelten. Dieser Phase gehören seine Bearbeitungen der Werke von Burke, Mallet du Pan und Mounier (1793 -95) an. Als indes die revolutionäre Bewegung in Frankreich ihren Rücklauf antrat, begann er (seit 1795) seine konservativen Grundsätze wieder zu mäßigen und mit liberalen und nationalen Reformideen zu versetzen. An den neuen König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., richtete er ein Sendschreiben (Berl. 1797; neuer Abdruck, Lpz. 1820), worin er vom freiesten Standpunkte aus dem König eine liberale und nationale Politik empfahl, die Gewährung von Preßfreiheit verlangte und vor allem ein geeinigtes Deutschland, unter den beiden Hauptmächten, in Form einer Diktatur forderte. Außer jenem Sendschreiben bezeichnen diese Phase seiner Entwickelung namentlich: die «Neue deutsche Monatsschrifto (Berl. 1795), das von ihm allein geschriebeneq«Histor. Journalo (Berl. 1799—1800), die Schriften liber den Ursprung und Charakter des Kriegs gegen die Französische Revolution (Berl. 1801) und «über den polit. Zustand von Europa vor und nach der Revolution (2 Hefte, Berl. 1801 —2). Dabei fehlte es jedoch nicht an Schwankungen und Widersprüchen. Bald trat er für die Repräsentativverfassung Englands, bald für die «rein monarchischey Preußens ein, bald wieder warf er jeglichem Absolutismus den Fehdehandschuh hin. Ahnliche Wandlungen erfuhr auch seine Auffassung der auswärtigen Politik. Anfangs ein eifriger Anhänger der Neutralitäts⸗ und Friedenspolitik, wurde er mit dem Aufschwunge des Bonapartis-⸗ mus ein glühender Vorkämpfer der kriegerischen Koalitionspolitik Englands und Ssterreichs. Die Folge war, daß er seit 1800 von England immer reichere Geldspenden erhielt und 1802 den preuß. Staatsdienst mit dem österreichischen vertauschte. Als Hofrat bei der kaiserl. Hof-und Staatskanzlei entfaltete er nun eine unermüdliche Thätigkeit in der Bekämpfung Napoleons durch Denkschriften, Korrespondenzen und litterarische Publikationen, ohne jedoch auf den Gang der österr. Politik unter L. Cobenzl Einfluß zu gewinnen. Unablässig feuerte er die Mächte zum Kriege an; allen, die sich als Feinde des Eroberers bekannten, lieh er seine Feder. Er hatte den wichtigsten Anteil an der definitiven Redaction des preuß. Kriegsmanifestes von 1806 und war der Verfasser der österreichischen von 1809 und 1813. Doch schon seit dem Rücktritt Stadions (1810) ing eine neue Wandlung in ihm vor. Selbst die Zeit der Befreiungskriege fand ihn —* Begeisterung und ohne Verständnis für die Begeisterung anderer. Stein nannte ihn zur Zeit des Wiener Kongresses einen Menschen von vertrocknetem Gehirn und verfaultem Herzen. Mehr und mehr ward G. in der innern wie in der äußern Politik der Vertraute und das einflußvollste Organ Metternichs. Bis zu seinem Tode nahm er unter dessen Ratgebern eine tonangebende Stellung ein und erwuchs im Dienste Ssterreichs und Metternichs zum eifrigen Vertreter des Systems der Stabilität, der Erhaltung von Ruhe und Frieden um jeden Preis, der Bekämpfung jeglicher Freiheitsregung durch eine reaktionäre Interpretations⸗ und Interventionspolitik. Wie auf dem Wiener Kongreß und bei den Pariser Friedenskonferenzen von 1815, so war G. auch auf den Kongressen zu Aachen ban (1 Karlsbad und Wien (1819), sowie zu Troppau (1820), Laibach (1821) und Verona (1822) Protokollführer und erster Sekretär. Alle reaktionären Vorlagen wurden von ihm ausgearbeitet, die wichtigsten Vorschläge von ihm formuliert, alle fürstl. Deklarationen und Manifeste von ihm redigiert. Seine Publizistik, namentlich im «Osterr. Beobachtero und in den «Wiener Jahrbüchern der Litteraturo, bereitete die Maßregeln der Reaktion vor; seine Sophistik lieh dieser ihre Pointen, seine Rhetorik überredete die Gesandten und Minister. Als es auf den Karlsbader Konferenzen galt, die Freiheitsverheißungen der Bundesakte möglichst geräuschlos zu beseitigen, war er es, der die Erfindung machte, daß unter den verheißenen «gleichförmigen Verfügungen über die Preßfreiheit nichts anderes zu verstehen sei als eine in sämtlichen Bundesstaaten möglichst gleichförmig verwaltete Censur, und daß mit den verheißenen «landständischen Verfassungeno nur Ständevertretungen, nicht Volksvertretungen gemeint seien. Als auf den Wiener Konferenzen 14. Dez. 1819 seine sophistischen Interpretationen den Sieg davontrugen und im Sinne derselben die Berechtigung der landständischen Verfassungen auf ein Minimum reduziert wurde, da erklärte er wohlgefällig in seinen «Tagebüchern »: das sei gein Tag wichtiger als der bei Leipzigo, und er habe aseinen Teil gehabt an einem der größten und würdigsten Resultate der Verhandlungen unserer Zeito. Abgesehen von seiner polit. Thätigkeit hat G. auch bei der Regelung des Finanzwesens unter der Verwaltung Stadions in hervorragender Weise mitgewirkt, und seiner Einwirkung auf Metternich ist es zuzuschreiben, daß die Opposition gegen die von dem Finanzminister beantragten Maßnahmen lahm gelegt wurde. Von Zeit zu Zeit wurde in ihm die Überzeugung von der Unhaltbarkeit des Systems, dem er diente lebendig, und die Julirevolution eme ihn politisch gebrochen durch das Bewußtsein, seine reiche Kraft an eine undankbare Aufgabe verschwendet zu haben. Unter dem Einflusse Metternichs schrieb er 1831 einen Artikel im „Osterreichischen Beobachterv, worin er, gegenüber der Revolution, die Auflösung des Gegensazes von Volkssouveränetät und monarchischem Prinzip in dem konstitutionell-monarchischen Staatssystem mit repräsentativer Verfassung u erreichen suchte. G., der noch 1829 eine heftige eigung zu der kaum . en Tänzerin Haein-Elßler gesaßt hatte, starb 9. Funi 1832 in Weinhaus bei Wien. Er wurde nach evang. Ritus begraben. Zum Katholizismus war er nie förmlich übergetreten, obwohl er auch in religiöser Beziehung der Accommodation gehuldigt und in seinem Auftreten als Katholik zu erscheinen getrachtet hatte. G. war als Publizist von einer bewunderungswürdigen Gewandtheit, aber zum Staatsmann fehlte ihm die sittliche Kraft und der nationale Geist. Der erste Publizist im Kampfe wider Napoleon, sinkt er in der Restaurationsperiode zu der kläglichen Rolle eines geistigen Handlangers einer geistlosen Reaktion herab. Trotz seiner reichen Einnahmen, die seit dem Wiener Kongreß — als 60 000 Mark jährlich Eweir war er in beständiger Geldverlegenheit, weil er ohne epikuräischen Sinnengenuß nicht zu leben vermochte. Von Willensfreiheit, von politischer ÜUberzeugungstreue war daher bei dem im Solde der Regierungen und Höfe Stehenden keine Rede. Seit dem Wiener Konreß war er mit Gunst⸗ und Ehrenbezeigungen jeder rt, mit Dekorationen und baren Belohnungen von allen Seiten überschüttet worden; den Adel hatte ihm der russ. Kaiser verliehen. Seine wichtigern Schriften sind enthalten in den Sammlunen von Weick (5 Bde., Stuttg. 1836 — 38) und Schlesier (5 Bde., Mannh. 1838—40). Dazu kommen die «Mémoires et lettres inédites v, herausegeben von Schlesier (Stuttg. 1841), Briefwechel zwischen Friedrich G. und Adam Heinr. Müller 1800 —29 „(Stuttg. 1857), die Tagebüchers aus dem erte Nr Varnhagens von Ense (Lpz. 1861; erweiterte Ausg., 4 Bde., Lpz. 1873.— 74); ferner: Prokesch-Osten, Aus dem Nachlasse F. von (2 Bde., Wien 1867); Mendelssohn-Bartholdy, *Friedrich von G.' Briefe an Pilato (2 Bde., Lpz. 1868); Klinkowström, «Briefe polit. Inhalts von und an G.» (Wien 1870) und Prokesch⸗-Osten (Sohn), Dépéches inédites du chevalier de G. aux hospodars de Valachie (Bd. 1, Par. 1876); derselbe, «Zur Geschichte der orient. Frage. Briefe aus dem Nachlasse Friedrich von G. 1823 — 295 Heröf 1877). Die beste Biographie G.“ (seit deren eröffentlichung jedoch viel neues Material über G. Wiopad ist die von Haym in der »Allgemeinen Encyklopädier von Ersch und Gruber (Sektion 1, Bd. 57, Lpz. 1854). Vgl. auch Mendelssohn-Bar½ (Friedrich von G.v (Lpz. 1867). Die letzten ersuche der Ehrenrettung machte Joseph Gentz in „Friedrich G. und die heutige Politikꝰ (Wien 1861) und aüber die us Werhalt von Friedrich G.» (Wien 1861). über das Verhältnis von G. zu Metternich Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VII. vgl. Beer, „Fürst Clemens Metternicho in »Der Neue Plutarcho (Bd. 5, Lpz. 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 784Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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