Georg IV. (August Friedrich), König von Großbritannien, Irland und Hannover, 1820—30, vorher Prinz von Wales, des vorigen Sohn, war 12. Aug. 1762 geboren und erhielt bei den glücklichsten Anlagen des Körpers und Geistes eine treffliche Erziehung. Nachdem er 1783 majorenn erklärt worden, suchten ihn die mit der absolutistischen Politik Georgs III. unzufriedenen Whigs in ihre Kreise zu ziehen, und der Thronerbe wurde der Freund von Burke, Sheridan, For, den genialen Führern der Opposition. Ebenso schnell brachen aber auch die Leidenschaften des Prinzen hervor; er überließ sich zügellosen Ausschweifungen. Na einigen vorübergehenden Verbindungen vermählte er sich heimlich mit einer Katholikin, der schönen Witwe Fitzherbert. Diese Verbindung beunruhigte die königl. Familie, mißfiel dem Volk und bedrohte den Prinzen in Rücksicht der Religion sogar mit Ausschluß vom Throne. Die Schuldenlast, die er sich in den ersten drei Jahren nach seiner Majorennitätserklärung aufgebürdet, betrug fast ½ Mill. Pfd. St. Da sein Vater jede Aushilfe ablehnte, brachte der Alderman Newnham 1787 die Finanzverhältnisse des Prinzen vor das Parlament, das ihm auf Fürsprache seiner Freunde die Summe von 160000 Pfd. St. bewilligte. Unter der Bedingung, daß man seine inzwischen auf 642000 Pfd. St. gestiegene Schuldenlast bezahle und die Apanage vermehre, entschloß er sich endlich zu einer legitimen Ehe und heiratete 8. April 1795 seine Cousine, die Prinzessin Karoline von Braunschweig, eine Verbindung, die jedoch so unglücklich ausfiel, daß sich die Gatten nach der Geburt der Prinzessin Charlotte, 1796, wieder trennten. Die Mißachtung, in welche der Prinz durch den ehelichen Skandal verfiel, schadete auch seiner polit. Stellung. Während seine Brüder hohe Militärstellen bekleideten, war er Oberst geblieben, und als er 1805 bei der beabsichtigten Landung Napoleons öffentlich eine ihm angemessenere Rangstufe in der Armee forderte, erhielt er von dem Könige und den Ministern, ebenfalls öffentlich, eine abschlägige Antwort. Dessenungeachtet wurde ihm als Thronfolger, nachdem der Zustand des Königs sich als unheilbar erwiesen, im Jan. 1811 die Regentschaft, obgleich für das erste Jahr mit bedeutenden Einschränkungen, übertragen. Da er die Minister nicht im Sinne seiner bisherigen Freunde wählte, sondern sich den toryistischen Einflüssen des Lord Liverpool und des Lord Castlereagh völlig hingab, so kam es zwischen ihm und den Whigs zu den heftigsten Erklärungen. Noch empfindlicher wurde jedoch G. berührt, als die Untersuchung über das Betragen seiner Gemahlin im Parlament zur Sprache kam. Während der bewegten Zeit von 1813 und 1814 blieb er in England und beschäftigte sich vornehmlich mit großen Bauten, die unermeßliche Summen verschlangen und weniger Geschmack als Prachtliebe verrieten. Auch bei dem Besuche, welchen die fremden Fürsten und Großen nach dem Pariser Frieden in London abstatteten, entfaltete er einen nie gesehenen Glanz und Luxus. Auf dem Wiener Kongreß forderte er als Regent von Hannover, daß in denjenigen deutschen Staaten, wo keine gesetzmäßige Verfassung vorhanden, eine solche künftig eingeführt und den Ständen die Steuerbewilligung, die Teilnahme an der Gesetzgebung, der Rekurs an den Deutschen Bund u. s. w. bewilligt werde. Den Beitritt zur Heiligen Allianz verweigerte der Prinz 6. Okt. 1815 gegen den Wunsch Castlereaghs aus dem Grunde, weil nach der brit. Verfassung seine Unterschrift ohne Gegenzeichnung eines Ministers unzulässig sei. In derselben Zeit übernahm er die Vormundschaft über die braunschw. Prinzen und Länder, wo er, wie in Hannover, die alten Feudalstände wieder ins Leben treten ließ. Die industriellen Krisen, die nach dem Frieden in England ausbrachen, der polit. Starrsinn der Geburtsaristokratie, besonders aber die Fortdauer der unerschwinglichen Staatslasten, verursachten in England eine immer allgemeinere Unzufriedenheit mit dem toryistischen Regierungssystem, die sich in Volksaufständen und Meutereien Luft machte. Als der Regent 1817 zu der Eröffnung des Parlaments fuhr, wurde er im Park von St.⸗James von einer wütenden Volksmenge angegriffen, welcher er jedoch glücklich entrann. Nachdem er seinem Vater 29. Jan. 1820 als König gefolgt war, ließ er sich 19. Juli 1821 mit großer Pracht und der genauesten Beobachtung der altertümlichen Gebräuche zu Westminster krönen. Die drohende Wendung des Prozesses mit seiner Gemahlin, der er Rechte und Titel einer Königin von Großbritannien entziehen und die sich ihre Rechte in öffentlichen tumultuosen Auftritten ertrotzen wollte, brachte ihn in die äußerste Verlegenheit, als er im Aug. 1821 auf einer Reise in Irland durch die Nachricht von dem Tode der Königin von dieser drückenden Sorge befreit wurde. Im August des folgenden Jahres traf ihn die Nachricht von dem Selbstmorde des Ministers Castlereagh in Schottland, worauf er, um der öffentlichen Meinung ein Zugeständnis zu machen, die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten an Canning übertrug. Bald danach wurde auch Robinson als Schatzkanzler und 1823 Huskisson ins Ministerium berufen, worauf nun große kommerzielle Reformen begannen. Nach dem Tode Cannings und dem Rücktritt Robinsons rief der König Wellington an die Spitze des Ministeriums, was zwar die Emancipation der Katholiken, aber zugleich eine bedeutende Reaktion in der auswärtigen Politik zur Folge hatte. Dem Königreich Hannover, das er 1821 besuchte, erteilte er nach der 1820 neubestimmten Verfassung 15. Mai 1823 auch eine neue Verwaltungsform. Die von ihm im Herzogtum Braunschweig geführte vormundschaftliche Regierung legte er im Okt. 1823 bei der Majorennitätserklärung des Herzogs Karl nieder. In den letzten Jahren litt er außer an Gicht auch an einer Herzverknöcherung, weshalb er auf dem Schlosse Windsor in großer Zurückgezogenheit lebte. Er. starb daselbst 26. Juni 1830. Da seine Tochter und auch sein älterer Bruder, der Herzog von Hork, ohne Nachkommen gestorben waren, so folgte ihm sein zweiter Bruder als Wilhelm IV auf dem Throne. Vgl. Wallace, «Memoirs of the life and reign of George IV.„ (3 Bde., Lond. 1832); Charlotte Bury, „Diary illustrative of the times of George IV.v (2 Bde., Lond. 1838; 2. Aufl., 4 Bde., Lond. 1844); Herzog von Buckingham, Memoirs of the court of the Regencys (Lond. 1856) und «Court of George IV.„ (Lond. 1858); Greville, 4Journal of the reigns of kings George IV. and William IV.v» (3 Bde., Lond. 1874).