Gerlache (Etienne Constantin, Baron de), belg. Staatsmann und Präsident des Cassationshofs, geb. 26. Dez. 1785 zu Biourge im Luxemburgischen, ließ sich nach der Vereinigung Belgiens mit den Niederlanden als Advokat in Lüttich nieder, wo er nach einigen Jahren Rat bei dem Appellationshofe wurde. Seit 1824 Mitglied der Zweiten Kammer der Generalstaaten, gehörte er bis zur belg. Revolution der Oppositionspartei an, in der er bald eine der ersten Stellen einnahm. Infolge der in Brüssel eingetretenen revolutionären Ereignisse wurde er in die mit Abfassung eines Verfassungsentwurfs beauftragte Kommission berufen und zum Deputierten in den Kongreß gewählt, in welchem er für die Ausschließung der oranischen Dynastie stimmte. Nach Surlet de Chokiers Ernennung zum Regenten Belgiens erfolgte G.s Wahl zum Präsidenten des Kongresses. In dieser Eigenschaft stand er an der Spitze der Deputation, die dem Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg die belg. Krone antrug, und nahm letzterm später den Eid auf die Verfassung ab. Bei der Reorganisation der belg. Gerichtsverfassung (Okt. 1832) wurde er zum Präsidenten des Cassationshofs ernannt. Seitdem zog er sich von der polit. Bühne zurück, auf die er nur 1839 für kurze Zeit wieder trat, als er im Januar eine erfolglose Sendung an die Londoner Konferenz annahm, um die Vorschläge zu einer pekuniären Ausgleichung des Territorialstreites mit Holland zu verteidigen. Dem Ultramontanismus mit Eifer ergeben, ließ er sich Anfang 1852 zu einem publizistischen Angriff gegen die Tendenzen des offiziellen Liberalismus hinreißen. Später that sich G. abermals als Leiter der ultramontanen Partei auf den Kirchentagen zu Mecheln (1863 u. 1864) hervor. Er war seit 1833 Mitglied der Belgischen Akademie der Wissenschaften. Als Schriftsteller ist G. im histor., polit. und staatswirtschaftl. Fache aufgetreten. Vorzüglich hat seine streng kath. «Histoire du royaume des Pays-Baso (3. Aufl., 3 Bde., Brüss. 1845) große Verbreitung erhalten. Seine gesammelten Werke erschienen 1859 in 6 Bänden. G. starb zu Brüssel 10. Febr. 1871.