Germania hieß bei den Römern erstens das Land im Norden der Donau und im Osten des Rheins, welches die von ihnen nicht unterjochten Germanen bis zu den Seeküsten und den sarmatischen und dakischen Völkern bewohnten und zweitens das meist auch von Germanen bewohnte, aber seit Augustus als eine militärische Grenzprovinz organisierte linke Ufer des Rheins. Dieses zerfiel in Germania superior mit Mainz, und Germania inferior mit Köln als Hauptort. An der Donau wurden die Provinzen Rhätien, Noricum und Pannonien gebildet. Das Land zwischen Rhein und Donau hinter der großartigen Grenzbefestigung des „Pfahlgrabenso hatte Domitian an Kolonisten gegeben: es waren die agri decumates oder Decumatischen Acker (s. d.). Soweit nicht röm. Kultur eindrang, sahen die Römer G. als ein rauhes und sumpfiges Waldland an, das indessen reich an Vieh und gegen Ackerbau nicht undankbar sei. Quer durch von Westen nach Osten strich nach ihrer Vorstellung der Hercynische Wald, in dem die alten Geographen die Gabreta (Böhmerwald), das Asciburgische oder Vandalische Gebirge (Riesengebirge), die Sudeta (Erz⸗, Fichtelgebirge und Thüringerwald), die Bacenis (Harz), den Taunus, die Abnoba oder den Marcianischen Wald (Schwarzwald) unterschieden. Von den Strömen kannten sie Rhein und Donau genau. Der westl. Rheinarm hieß Vahalis, der östliche Flevo. Zu Amisia (Ems), Visurgis (Weser), Adrana (Eder) hatten die Kriege sie geführt, ebenso zur untern Albis (Elbe), deren Quellen erst Dio Cassius richtig wußte. Von Saale, Trave, Oder, Weichsel hatten sie auch Kunde. Bewohnt war Germanien im 1. und 2. Jahrh. n. Chr. nach röm. Berichten in ben die G eise: auf der nordelbischen Halbinsel saßen die Cimbern, Teutonen, Ambronen, Haruden und Eudusen. Die letzten waren mit den Reudignen, Avionen, Angeln, Warnen, Svardonen und Nuitonen durch den Iusen uch besand. die dessen Sitz auf einer Ostsee-Insel sich befand, die wahrscheinlich Alsen (nicht Rügen) ist. Zwischen Niederelbe und Ems an der Kuste wohnten die Chauken, westlich bis zum Rhein die Friesen. Zwischen Elbe und Harz waren das bedentendste Volk die Cherusker, mit denen die Angrivarier, Fosen, Dulgubiner und Chasuaren zusammenhingen. Bis zum Ende des 2. Jabab. saßen im Nordosten der Cherusker die Langobarden (um Bardowiek), das einzige Volk dieser Gegend, welches von hier ganz fortgezogen ist. Die ubrigen blieben als Sachsen verbunden daheim. Unter den rhein. Stämmen traten die Sigambern hervor, zwischen Sieg, Lippe und Rhein angesessen. Abteilungen von ihnen mögen die Gambrivier und Marsen gewesen sein. Ihre ehemaligen Südnachbarn, die Ubier, waren auf das linke Ufer gezogen und wohnten um Köln. Unruhige Stämme waren die Chamaven, Usipier, Tencterer, Tubanten und Ampsivaren, welche mit den übrigen genannten später den Frankenbund Die ueo Ostlich von diesen Stämmen breiteten sich die suevischen aus, darunter die Katten, deren Nachkommen, die Hessen, die alten Sitze behauptet haben. Zu ihnen ubwärt die Mattiaker am Taunus und die rheinabwärts gewanderten Bataver. Im Osten grenzten an die Chatten die Hermunduren, welche in denselben Gegenden in Thüringen fortleben. Infolge des Vordringens der Slawen ward ihre Ostgrenze an der Elbe zur Saale zurückgeschoben. Im Fichtelgebirge wohnten die Waristen, am obern und mittlern Main die Markomannen. Diese führte Marbod über das östl. Waldgebirge in das von den Bojern verlassene Böjohemum. Im 4. Jahrh. verschwindet ihr Name; doch sind aus den Markomannen wahrscheinlich die Bayern hervorgegangen, welche am Anfange des 6. Jahrh⸗ in ihre hingen Sitze einrückten. Mit den Markomannen hingen die Quaden zusammen, die im Marchlande sich niedergelassen hatten und dann in Pannonien verschwinden. An der Elbe grenzten an die Hermunduren die Semnonen. Südöstlich dieser wohnten die Silingen, hinter denen, im heutigen Schlesien, die lugischen Stämme sich ausbreiteten: Arier, Helveconen, Manimer, Elisier, Naharnavalen. Sie scheinen in den Vandalen fortgelebt zu haben; der Name der Lugier verliert sich. Nördlich der Lugier im Warthelande saßen die Burgunder, die später am Main und Rhein, dann am Rhöne geschichtlich hervortraten. An den Ostseeküsten breiteten sich die got. Völkerschaften aus: Goten (Gutones), Rugier, Heruler und Skiren. Sie wandten sich zuerst nach Südosten und fanden später in Italien und Spanien ihr Ende; einige Stämme sind spät am Schwarzen Meere mit den barbarischen Nachbarn verschmolzen. Abgesondert von allen übrigen hatten sich an den Donaumündungen die Bastarnen gehalten, welche schon als Söldlinge des macedon. Königs Perseus egen die Römer gekämpft hatten. Ihr Name verchwindet früh. Durch die Eroberung der röm. rovinzen G., Belgica, Rhätien und Noricum änderte sich die Karte des alten Germanien, ebenso durch die Vereinigungen der Völkerschaften in größere Bünde. (S. Germanen.) Im Mittelalter hieß G. häufig nur das Land östlich vom Rhein. Heute dient das Wort den Italienern als die amtliche Bezeichnung des neuen Deutschen Reichs. Eine umfassende und interessante Schilderung des Landes und seiner Bewohner im 1. Jahrh. n. Chr. gibt Tacitus (s. d.) in seiner gewöhnlich als Germaniap bezeichneten Schrift De origine, situ, moribus ac populis Germanorumv.