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MusikBrockhaus 1882

Gesang nennt man den Vortrag von Worten durch eine so weit erhobene Stimme, daß die einzelnen Töne hinsichtlich ihrer Höhe und Zeitdauer unterschieden werden können; ist dieses nicht der Fall, so nennt man den Vortrag nicht Singen, sondern Sprechen. Der G. war eine der frühesten Künste des Menschengeschlechts, der beständige Begleiter und die Seele aller Dichtungen des Altertums; was wir jetzt Rhythmus und Versmaß nennen, war ursprünglich nichts als der meistens mit Tanz verbundene G., welcher den Worten eine künstlerische Form verlieh. Außer dem musikalischen Vortrage von Dichtungen bedeutet G. auch das Vorgetragene, also das musikalische Werk. Hiernach sind Gesänge Kompositionen für menschliche Stimmen; Sologesänge solche, welche von einzelnen, Chorgesänge diejenigen, welche von mehrern Stimmen oder Massen ausgeführt werden. Die Tonwerke für G. bilden eine Hauptabteilung der musikalischen Komposition und haben von jeher vor den Werken der Instrumentalmusik den Vorrang gehabt, in der Vereinigung mit diesen jedoch erst ihre eigentliche Vollendung erreicht. Aber wenn der G. schön sein soll, bedarf das Organ der sorglichsten Ausbildung; daher die vielen Schulen, Institute, Vereine, welche sich mit der Gesangskunst befassen. Ein wesentlicher, obwohl namentlich in Deutschland noch viel zu wenig beachteter Unterschied besteht für den Unterricht darin, ob die Ausbildung für Solo⸗ oder für Chorgesang gelten soll. Der Gesangunterricht hat für unsere musikalische Erziehung eine ebenso große Bedeutung erlangt, wie die Beteiligung an Gesangvereinen, Chorvereinen, Männergesängen, Akademien, Musikfesten u. s. w. für unser öffentliches Leben. Der Sinn für G. oder Vokalität kann bei sonst gleichstehenden Nationen sehr verschieden sein. Unter den Völkern des Altertums besaßen eine hervorragend gesangliche Begabung und Kunstübung die Agypter, Hebräer, Lydier, Griechen und Römer; die abendländ. Völker betrachteten seit Jahrhunderten mit Recht die Italiener als die Besitzer der Normalschulen für Kunstgesang.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 865Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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