FeedGherardesca
GeschichteBrockhaus 1882

Gherardesca, eine Familie, die eine bedeutende Rolle in der toscan. Geschichte spielte. Wahrscheinlich deutschen Ursprungs, erwarb sie die ihren Namen tragende Grafschaft G. nebst Donoratico und Montescudaio in der 74½½½%% Maremma. Gegen Anfang des 13. Jahrh. schlossen sich die Grafen G. an die mächtige und reiche Republik Pisa an, wo sie auf seiten des Volks standen, welches gegen die um sich greifende Aristokratie kämpfte. Bei dem roßen Kampfe zwischen den Ghibellinen und Welsen hielten sie es mit den erstern. Zwei Glieder dieser Familie, die Grafen Gherardo G. und Galvano von Donaratico, begleiteten Konradin von Hohenstaufen auf seinem Zuge nach Neapel und starben mit ihm auf dem Blutgerüst. Wegen dieser Anhänglichkeit waren die G. schon um 1237 mit den pisan. Visconti, welche der Partei der Guelfen 3 Pin halt in Feindseligkeiten geraten, und ganz Pisa hatte sich infolge dessen in zwei Parteien geteilt. Endlich beschloß das Haupt G., Ugolino, sich der unumschränkten Gewalt über Pisa zu bemächtigen. Zu diesem Zwecke näherte er sich den Guelfen und gab deren Haupte Giovanni Visconti seine Schwester zur Gattin. Der Plan wurde jedoch von den Pisanern entdeckt, und Visconti sowohl als Ugolino wurden verbannt. Ugolino verband sich nun mit den Florentinern und Lucchesern und nötigte durch mehrere Siege, die er über die Pisaner erfocht, 1276 seine Landsleute, ihn zurückzurufen. Als die Pisaner 1282 mit Genua in Krieg gerieten, veranlaßte er durch, wie es scheint, absichtliche Flucht in der Schlacht bei der Insel Meloria (6. Aug. 1284) die allgemeine Flucht der Flotte, infolge deren 11000 Pisaner in Gefangenschaft gerieten und die Seemacht vernichtet wurde. Auf diese Nachricht erhoben sich alle Feinde Pisas, um mit einem entscheidenden Schlage diese Hauptstütze der Ghibellinen in Italien zu vernichten. Der Staat warf sich in die Arme des treulosen Ugolino, der die Feinde durch die ÜUbergabe mehrerer Castelle zufrieden zu stellen wußte und nun unter ihrem Schutze ber Pisa herrschte. Alle seine Gauma in der Stadt wurden geächtet, und um die in enua in Gefangenschaft befindlichen Pisaner dort Frden. schloß er mit diesem Staate keinen Frieden. Zwar entspann sich in Pisa selbst unter Anführung seines Neffen Nino von Gallura und mehrerer Familien beider Faktionen ein Aufstand gegen ihn, aber durch List und Gewalt gelang es G., nach dreijährigem Kampfe seiner Feinde mächtig zu werden. Er wütete nunmehr ärger als je, mißhandelte das Volk, bedrohte das Leben von Freunden und Feinden und ermordete unter andern auch den Neffen des Erzbischofs Ruggero Ubaldini. So viele Frevelthaten empörten endlich alle, s odaß sich eine neue Verschwörung bildete, an deren Spitze der Erzbischof stand. Am 1. Juli 1288 wurde auf dessen Veranstaltung plötzlich die Sturmglocke gezogen und hierauf G. nach hartnäckiger Gegenwehr mit zweien saner Söhne und zweien seiner Enkel gefangen genommen. Der uniandi. ließ die Unglücklichen in den Turm der Gualandi, seitdem Torré della fame genannt, einsperren und weihte sie dem Hungertode, indem er die Schlüssel zum Gefängnis in den Arno warf. Aun Ende G.s und der Seinigen wurde von Dante in der Divina commediav geschildert. Nach ihm haben unter den Deutschen Gerstenberg in dem Trauerspiel Ugolinov und andere Dichter und darstellende Künstler dasselbe zum Gegenstand gewählt. Den übriggebliebenen Söhnen und Enkeln G.s gelang es bald, teils in ihrer Vaterstadt, teils anderwärts wieder zu Glanz und Ansehen zu kommen. Schon 1329 steht wieder ein Neri Donaratico an der Spitze der Verwaltung in Pisa. Ein natürlicher Sohn des letztern war Manfred G., der als Feldherr der Pisaner Cagliari mit geringer Kriegsmacht gegen Alfons IV. von Aragonien tapfer verteidigte. Erst als er bei einem Ausfalle den Tod gefunden hatte, gelang es den Aragoniern, Cagliari einzunehmen. Bonifazio G. war Capitano von Pisa zu der Zeit (1329), als diese Stadt das Joch des berühmten Castruccio Castracani und Kaiser Ludwigs des Bayern abwarf. Einsichtsvoll und rechtschaffen in seiner Verwaltung, schloß er einen vorteilhaften Frieden mit den Guelfen, Pisas alten einden, und unterdrückte eine Verschwörung der Adeligen gegen die Die dan der Bürger. Er sarb 1340 an der Pest. Die dankbaren Pisaner ernannten seinen elfjährigen Sohn, Rainerio, zu seinem Rachfolger im Amt eines Capitano, doch auch er starb schon 1348 an der Pest, worauf die Familie G. sich auf ihre Stammbesitzungen in den Maremmen zurückzog. Nach dem Sturze Pisas begaben sie :sich unter den Schutz (Accomandigia) der Republik Florenz, indem sie sich viele Sonderrechte vorbehielten, die noch unter Großherzog Leopold I. langen Rechtsstreit veranlaßten. Gegenwärtig bewohnen Mitglieder der Familie G. Florenz. Gherardi Del Testa (Tommaso), namhafter ital. Lustspieldichter, geb. 1818 zu Terriciuola im Gebiet von Pisa, widmete sich dem Studium der Rechtswissenschaften zu Pisa und ließ sich hierauf als Advokat in Florenz nieder, sich zugleich mit dramatischen Arbeiten beschäftigend. Sein erstes Lustspiel: „Una folle ambizioner, wurde unter Mitwirkung von Adelaide Ristori aufgeführt und i hatte bedeutenden Erfolg, ebenso wie die Lustspiele „Vanità e capriccioov und Un viaggio per istruzionev. Im J. 1848 kämpfte G. in den Reihen der Nationalen bei Montanara, dann als Offizier i bei San-Silvestro, wo er gefangen genommen wurde. Nach seiner Befreiung kehrte er nach Florenz zurück. Später nahm er seinen Wohnsitz in einer Villa bei Pistoja, und starb daselbst 13. Okt. l 1881. Er schrieb über 40 nd Woahr welche sich durch musterhaften Dialog und Wahrheit der Charakterzeichnung auszeichnen, aber eine größere Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der Charaktere, eine besser angelegte Intrigue und eine weniger verbrauchte Fabel vermissen lassen. Die populärsten sind: II sistema di Giorgiop, II sistema di Lucreziab, «Con gli uomini non si scherzas, xII padiglione delle mortelles, Eromettere e manteneren, II regno di Adelaided. Ernster gehalten sind die spätern: We false letteraten, La moda se la famigliao, Le scimmien, «Oro ed orpellov, aIl vero blasonen, Vita nuovas u. a. Eine Sammlung seiner Lustspiele erschien unter dem Titel Teatro comicop (4 Bde., Flor. 1856—58). Der bedeutendste seiner Romane ist: La povera e la riccap (Flor. 1858). Als lyrischer Dichter ist er unbedeutend. Mit mehrern Freunden gab er bis 1859 die Zeitschrift Scaramuccia o heraus, für welche er unter dem Pseudonym Aldov zahlreiche geistvolle Arbeiten schrieb.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 11Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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