FeedGödünow
GeschichteBrockhaus 1882

Gödünow, ehemals ein angesehenes Geschlecht in Rußland, tatar. Abstammung. — Am berühmtesten ist Boris Feodorowitsch G., geb. 1552, der seine Jugend am Hofe des Zaren Iwan IV. oder des Schrecklichen verlebte und von diesem in den Beirat berufen wurde, den derselbe für seinen geistesschwachen Sohn Feodor I. einsetzte. Und in der That gelang es G., schon vom Anfang der Regierung dieses Zaren an (18. März 1584 bis 7. Jan. 1598), der G.s Schwester Irina zur Gemahlin hatte, sich zum eigentlichen Regenten des Reichs aufzuwerfen. Bereits am Krönungofest, 31. Mai 1584, wurde er zum Großbojaren erhoben und zum Statthalter der ihm die reichsten Einkünfte eintragenden Zartümer Kasan und Astrachan ernannt. Von Ruhmsucht durchdrungen, beeilte er sich, möglichst alle, die er als Gegner seines persönlichen Ehrgeizes glaubte betrachten zu müssen, zu beseitigen, ins Gefängnis zu stecken oder in die Verbannung zu schicken. So namentlich wurde die verwitwete Zarin Marig aus dem Geschlecht Nagoi mit ihrem kleinen Sohn Dmitri Iwanowitsch, dem letzten Sproß des moskauischen Herrscherhauses der Ruriks, nebst ihren Brüdern nach Uglitsch verwiesen. Zur Befestigung der unter Iwan IV. durch Jermak mit seinen Kosaken begonnenen Eroberung Sibiriens gründete er Tobolsk (1587). Die damals noch häufig das südl. Rußland mit Raubeinfällen heimsuchenden krimschen Tataren, die 1591 sogar Moskau wieder bedrohten, schlug er, unterstützt von Mstislawski, erfolgreich zurück, und gegen diesen Feind suchte er die Grenzen des Reichs durch Schutzwälle zu sichern. Seinen vielfachen Bemühungen, Rußland auch mit dem civilisierten Europa in Verbindung zu bringen, verdankten die Engländer ihre Handelsvorrechte (1587). Die russ. Kirche machte G. vom Patriarchat zu Konstantinopel frei, indem er mit Hilfe der von ihm gewonnenen Patriarchen von Antiochien und Konstantinopel, Joachim und Jeremias, die Errichtung eines besondern russ. Patriarchats zu Wege brachte (1589). Um sich den Weg zum Thron zu bahnen, ließ er 15. Mai 1591 den Zarewitsch Dmitri ermorden und nahm nach dem Tode des Zaren Feodor auf Bitten der Bojaren und der Einwohner von Moskau 21. Febr. 1598 die russ. Krone an. Auch jetzt führte er seinen Plan, Rußland zu heben, kräftig weiter fort, eröffnete den Seefahrern, namentlich der Hansa, den Zutritt in seinem Reich und hatte sogar im Sinn, in Moskau eine Universität zu gründen. Aber seine Strenge — Völlerei, manche Neuerungen, besonders die chon unter Feodor I. 1592 und 1597 angeordnete Aufhebung des Freizügigkeitsrechts der Bauern, womit der Grund zur Leibeigenschaft derselben gelegt wurde, und die Hinneigung zu den Fremden erregten im russ. Volk den allgemeinsten Unwillen, und so fand der erste Demetrius (s. d.) sehr leicht Glauben. Er war 1604 in Rußland eingedrungen, und bereits hatte sich ein Teil des südl. Rußland für ihn erklärt, als G. 13. April 1605 plötzlich starb. Centsch benutzte diesen Stoff zu einem Drama (deutsch, Lpz. 1853, und von Bodenstedt in Puschkins Werkenv, Bd. 3, Berl. 1855). G.s Sohn, Feodor G., geb. 1589, der nach des Vaters Tode zum Zaren ausgerufen wurde, mußte infolge des Verrats des Heerführers Peter Basmanow nach einer Regierung von zwei Monaten dem falschen Demetrius weichen und starb 10. Juni 1605 eines gewaltsamen Todes.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 149Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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