Gral (von dem altfranz. Worte graal, greal, provengal. grazal, mittellat. gradalis gebildet) bedeutet Schüssel, Gefäß, Trinkschale. An diesen Namen knüpfte sich im Mittelalter ein besonderer Sagenkreis. Der Heilige Gral ist die Schüssel, daraus Christus bei der Stiftung des Abendmahls mit seinen Jüngern gespeist hat; er besteht aus einem Jaspis, dem edeln Steine, von dessen Kraft der Phönix aus der Asche sich verjüngt, dessen öfterer Anblick Gesundheit und 200jährige Jugend verleiht. In demselben Gefäße hat Joseph von Arimathia das Blut aus den Wunden Christi aufgefangen. Engel haben ihn vor alter Zeit zur Erde gebracht und anfänglich selbst bewahrt: spater kum er unter die Obhut der Templeisen, einer Genossenschaft auserwählter Ritter, die einem Könige unterstanden und ihn in einer tempelartigen Burg auf dem unnahbaren Berg Mont-Salvage bewachten und verehrten. Die Sage vom G. ist ursprünglich span. Ursprungs und scheint sich aus einem Zusammenfluß arab., jüd. und christl. Elemente, unter Mitwirkung von Zeitereignissen, namentlich der Stiftung des Templerordens gebildet zu haben. Guiot, der die Gralssage in einem verlorenen, zwischen Provencalisch und Französisch in der Mitte stehenden Gedicht behandelte, nannte als seine Quellen die Schrift eines Mauren Flegetanis, die er zu Toledo will gefunden haben, und eine lat. Chronik von Anjou. Ziemlich gleichzeitig bemächtigte sich Chrétien von Troies des Stoffs und brachte ihn mit den Sagen von Artus und der Tafelrunde in Verbindung. In die deutsche Poesie wurde die Sage vom heiligen G. zuerst durch Wolfram von Eschenbach (s. d.) eingeführt; seine Quelle war Chrétiens «Conte del graalo und Guiots Werk, woraus er die Geschichten von Parzival und Titurel ausschied und umdichtete. Die Geschichte Josephs von Arimathia behandelt der „(Roman du Saint-G. (herausg. von Michel, Par. 1839), der später in Prosa aufgelöst wurde (herausg. von Hucher, 3 Bde., Par. 1875). In weiterer Ausführung, aber mehr äußerlicher Auffassung behandelte die Gralsage * um 1270, der Dichter des jüngern Titurel, der noch die Beziehung 115 den Priesterkönig Johannes einfügte, indem er zu diesem den G., der nach den ältern Dichtern wieder zum Himmel emporgeschwebt war, wandern läßt. Auch die Sage von Lohengrin (s. d.) schließt sich an die Gralsage an. Altenglisch, nach franz. Grundlage, wurde der Stoff bearbeitet in The Holy Grailo (herausg. von der Early English Text Society, 1874 fg.). Vgl. Uhland, „Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sagen (Bd. 1, Stuttg. 1865); Lang, Die Sage vom heiligen G.y (Münch. 1862); Cassel, «Der G. und sein Name » (Berl. 1865); Droysen, »Der Tempel des heiligen G.» (Bromb. 1872); Zarncke, «Der Graltempelo (Lpz. 1876); von Birch-⸗Hirschfeld, Die SCrallz G.» (Lpz. 1877).