FeedGrey (Jane)
GeschichteBrockhaus 1882

Grey (Jane), die durch ihr tragisches Geschick bekannte Königin von England, geb. 1535, war durch ihre Mutter, Frances Brandon, Marquise von Dorset, die Enkelin der Herzogin Maria von Suffolk, der Witwe Ludwigs XII. von Frankreich, und die Urenkelin König Heinrichs VII. von England. Der junge König Eduard VI., Sohn und Nachfolger Heinrichs VIII., hatte, beeinflußt durch Graf Warwick, Herzog von Northumberland, der als Protektor die Gewalt in Händen hatte, die Successionsakte seines Vaters willkürlich geändert und seine beiden Schwestern, Maria und Elisabeth, als illegitime Sprößlinge von der Thronfolge ausgeschlossen. Statt ihrer sollten die männlichen Nachkommen der Jane G., welche Northumberland 1553 mit einem seiner Söhne, Lord Guilford Dudley, vermählte, die engl. Thronerben werden. Der Gedanke Eduards und des Protektors dabei war, die Reformation, welche durch die kath. Maria gefährdet erschien, in England zu erhalten. Indessen entwickelte sich die tödliche Krankheit, an der Eduard litt, so reißend schnell, daß er diesen Plan aufgeben und Jane G. selbst zur Thronerbin ernennen mußte. Schon 6. Juli 1553 starb er. Jane, die sich bisher mit klassischen und geistlichen Studien beschäftigt, keine Kenntnis von Politik und keinen Ehrgeiz besaß, weigerte sich anfangs, ihre bescheidene Lage zu verlassen; erst durch die dringendsten Vorstellungen ihrer nächsten Verwandten bewogen, willigte sie unter Thränen in die plötzliche Erhebung. Sie wurde nach London in den Tower, den gewöhnlichen Aufenthaltsort der Könige vor ihrer Krönung, geführt und ließ sich 10. Juli zu London und in der Umgegend als Königin ausrufen. Indes erwies sich alsbald die Anhänglichkeit des Volks an die Legitimität fester als alle Machinationen des Protektors und alle Besorgnisse vor der kath. Reaktion. Maria, welche sich nach Norfolk zurückgezogen hatte, versprach eine allgemeine Amnestie und forderte den Adel zu ihrer Unterstützung auf. Die Flotte erklärte sich sogleich für Maria, und selbst die Protestanten traten unter Zusicherung freier Religionsübung auf ihre Seite. Ein von Northumberlandzusammengezogenes Truppenkorps von ungefähr 10000 Mann lief schon am ersten Tage des Ausrückens auseinander, und der Herzog eriet in die bedenklichste Lage. Die Staatsräte beschlo en 19. Juli, die Prinzessin Maria als Königin auszurufen, und führten dies auf der Stelle in Verbindung mit den obersten Magistratspersonen von London unter dem allgemeinen Jubel des Volks aus. Auch der Herzog von Suffolk leistete keinen Widerstand und öffnete den Tower. Jane legte noch an demselben Tage freiwillig die Krone nieder. Maria befahl alsbald die Verhaftung Northumberlands und seines Anhangs, und zugleich wurden Suffolk, seine Tochter Jane und deren Gemahl in den Tower gebracht. Northumberland beste als Anstifter schon 22. Aug. das Schafott besteigen, während Suffolk einstweilen die Freiheit erhielt. über Jane G. und ihren Gemahl wurde zwar das Todesurteil ausgesprochen, aber noch ohne die Absicht, es zu vollstrecken. Die Teilnahme des Herzogs von Suffolk an der offenen Empörung des Thomas Wyat gegen die Königin im Febr. 1554 brachte jedoch eine schleunige 1— in das Schicksal Simt und ihres Gemahls. Maria, in düstere timmung versunken und zu Blutbefehlen geneigt, glaubte es nun ihrer Sicherheit schuldig zu sein, die Nebenbuhlerin aus dem Wege zu schaffen. Der 12. Febr. wurde zur Hinrichtung Janes und Guilfords bestimmt. Um sich und ihrem Gemahl, den sie zärtlich liebte, die Festigkeit zu bewahren, weigerte sie sich, am verhängnisvollen Tage von ihm Abschied zu nehmen. Auch war sie so stark, daß sie seiner Enthauptung und der Zurückführung seiner Leiche aus dem Fenster ihres Gefängnisses zusehen konnte. Mit gleichem Mute bestieg sie eine Stunde später das Blutgerüst. Fünf Tage darauf wurde ihr Vater hingerichtet. Vgl. Harris Nicolas, Memoirs and remains of Lady Jane G. (neue Aufl., Lond. 1832); Frere, „Fragments littéraires de Lady Jeanne G.v (Rouen 1832). Das Schicksal Janes ist von mehrern Dichtern dramatisch und in Romanform behandelt worden, in letzterer Beziehung von der Gräfin von Robiano (Lpz. 1873).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 348Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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