Grillparzer (Franz), der hervorragendste Dramatiker Osterreichs, geb. 15. Jan. 1791 zu Wien als Sohn eines Advokaten, ward nach Beendigung seiner jurist. Studien 1811 Erzieher in einem gräfl. Hause und trat hierauf 1813 bei der k. k. allgemeinen Hofkammer in den Staatsdienst. Im J. 1824 rückte er zum Hofkonzipisten, 1833 zum Archivdirektor bei der Hofkammer auf. Er wurde 1856 auf sein Ansuchen in den Ruhestand versetzt und erhielt bei dieser Gelegenheit den Hofratstitel. Im April 1861 erfolgte seine Ernennung zum lebenslänglichen Reichsrat. Bereits 1847 war er in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen worden. G.s im ganzen geräuschloses Leben wurde nur durch einige größere Reisen, wie 1819 durch Italien, 1826 und 1847 durch Deutschland und 1843 nach der Türkei und Griechenland, unterbrochen. Als dramatischer Dichter trat er zuerst mit seiner „Ahnfrau» (Wien 1817; 6. Aufl. 1844) vor die Offentlichkeit, einer zu der Gattung der Schicksalstragödien gerechneten Dichtung, welche seinen Namen sehr bald in ganz Deutschland bekannt machte. Obgleich er mit diesem Stück das fatalistische Element, dessen sich Zach. Werner und Müllner in ihren Dramen bedient, in das Gespenstische zog, so wirkte dasselbe doch durch die bewegliche, weiche und äußerst melodiöse lyrische Sprache wie durch das Erschütternde einzelner Situationen. Dieselben Vorzüge bekunden auch G.s Dramen »⸗Sapphos (Wien 1819; 4. Aufl. 1856) und Das goldene Vlieso (Wien 1822), von dessen drei Abteilungen (Der Gastfreundo, Die Argonauteno und Medeao) besonders die Medeas sich auf der Bühne erhielt, und Des Meeres und der Liebe Welleno (Wien 1840), eine Bearbeitung der Sage von Hero und Leander. Vielleicht die bedeutendste Produktion G.s ist das histor. Trauerspiel KKönig Ottokars Glück und Endev (Wien 1825; 2. Aufl. 1852). Ungeachtet der auch hier vorherrschenden lyrisch-sentimentalen Richtung zeigt sich doch dieses Trauerspiel als ein von dramatischem Leben durchdrungenes Werk von nationalösterr. Bedeutung. Auf demselben Boden erwuchs das treffliche Trauerspiel Ein treuer Diener seines Herrn» (Wien 1830); ferner ist zu erwähnen: das Lustspiel „Wehe dem, der lügt» (Wien 1840), das bei seiner ersten Aufführung in Wien keinen rechten Erfolg hatte und deshalb G. davon abhielt, spätere Dramen der Bühne zu übergeben, das aber bei der Reprise unter Dingelstedts Direktion eine lange Reihe von Aufführungen erlebte. Mit dem dramatischen Märchen „Der Traum, ein Leben » (Wien 1840) wie auch sonst vielfach in seiner ganzen Art zu dichten, erinnert G. an Calderon. Von seinen drei nachgelassenen Trauerspielen: «Ein Bruderzwist in Habsburg » (1873), «Die Jüdin von Toledoy (1873) und «Libussa (1873) hat das erste wohl die tiefste Reelube Bedeutung, während das zweite am meisten einheitliche und spannende Handlung zeigt. Das zweiaktige Fragment «Esther» (1877) ist eine Perte unter G.s Dichtungen. Auch hat man von ihm eine hübsche Novelle: «Der Spielmanno (zuerst in Mailäths Iriso für 1848), sowie einzelne schöne lyrische und epigrammatische Poesien. G. lebte Jahrzehnte hindurch, zurückgezogen und abgeschlossen vom Publikum, hochgeschätzt in Osterreichs ästhetisch gebildeten Kreisen. Nachdem Laube seine Stücke wieder mit bestem Erfolg auf das Repertoire gebracht, gewann der Dichter in Rnes Alter eine Popularität, die sich bei der Feier eines 80. Geburtstags in glänzender Weise bewährte. Eine Fülle der Ehren ward ihm zuteil: die Festredner und die Dichter stellten ihn neben Goethe und Schiller. Die höchste Aristokratie und das Volk in Wien huldigte ihm in gleicher Weise. Und als der Dichter 21. Jan. 1872 zu Wien gestorben war, wurde ihm ein Begräbnis zuteil, wie wohl keinem deutschen Dichter, Klopstock vielleicht ausgenommen. Nach seinem Tode erschien, herausgegeben von Heinr. Laube und Jos. Weilen, eine Gesamtausgabe seiner Werke (10 Bde., Stuttg. 1872; 3. Aufl. 1878 — 80). Diese Ausgabe enthält auch mehrere dramatische Fragmente von G., wie „Esthero, Hannibal und Scipiov. Vgl. G.s Ansichten über Litteratur, Bühne und Leben. Aus Unterredungen mit A. Foglarp (Wien 1872); W. Scherer, Zum Gedächtnis Franz G.sv (Wien 1872); Kuh, «Zwei Dichter Osterreichs: Franz G. — Adalbert Stiftero (Pest 1872); A. von Littrow-Bischoff, «Aus dem persönlichen Verkehre mit Franz G.y (Wien 1873); Wolf, «G. als Archivdirektorv (Wien 1874); Betty Paoli, „G. und seine Werkey (Stuttg. 1875); Gottschall, Franz G.v und «Franz G.s Nachlaßo (in Unsere Zeito, 1872, I, und 1873, )); (von Rizy,) „Wiener G.⸗Album. Für Freunde als Handschrift gedruckto (Stuttg. 1877); Frankl, „Zur Biographie Franz G.s» (Wien 1883); eine größere Biographie G.s schrieb H. Laube (Stuttg. 1884). Eine Anthologie aus G.s poetischen Werken veranstaltete Mollieb (Wien 1872).