Hahn-Hahn (Ida Marie Luise Sophie Friederike Gustave, Gräfin von), geistreiche deutsche Schriftstellerin, die Tochter des durch seine enthusiastische Liebe für das Theater und Schauspielwesen bekannten Grafen Karl Friedrich von H. (geb. 18. Mai 1782, gest. 21. Mai 1857 zu Altona), wurde 22. Juni 1805 zu Tressow im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin geboren. Da ihr Vater 1813 —15 in mecklenb. Diensten die Feldzüge mitmachte, später als Führer von Schauspielertruppen meist von seinen Gütern abwesend war, auch durch seine Lieblingsneigung seine Vermögensumstände so zerrüttet hatte, daß die Güter einem Sequester überlassen werden mußten, lebte sie mit ihrer Mutter in Rostock, dann in Neubrandenburg, seit 1821 in Greifswald, wo sie sich 1826 mit einem Cousin, dem reichbegüterten Grafen Friedrich Wilhelm Adolf von H., vermählte. Diese Ehe wurde jedoch bereits 1829 gelöst. In der Folge lebte sie abwechselnd in Berlin und Dresden und unternahm weite Reisen. Ihr bedeutendes, durch vielseitige Ausbildung unterstütztes Talent, dem aber leidenschaftliche Unruhe und eingewurzelte Vorurteile eine gleichmäßige Vollendung nicht gestatteten, bewährte sie anfangs im Lyrischen durch ihre «Gedichtes (Lpz. 1835), Neue Gedichte (Lpz. 1836), Venetianische Nächter (Lpz. 1836) und Lieder und Gedichter (Berl. 1837), ohne jedoch eine hervorragende Stellung zu erringen. Später wendete sie sich dem sozialen Roman zu, womit sie in den exklusiven Kreisen ihrer Standesgenossen außerordentlichen Erfolg erzielte. Es erschienen: «Aus der Gesellschafto (Berl. 1838), Der Ulriche (2 Bde., Berl. 1841), «Sigismund Forsterv (Berl. 1843), als Forstsetzung des letzten Romans „Cecilo (2Bde., Berl. 1844), Zwei Fraueno (2 Bde., Berl. 1845), Clelia Contio (Berl. 1846), KSibylles (2 Bde., Berl. 1846) und „Levino (2 Bde., Berl. 1848). Neue Auflagen von diesen Schriften erschie⸗⸗ nen unter dem Gesamttitel «Aus der Gesellschafto (21 Bde., Berl. 1844 u. 1851). Eine schneidend bittere, aber verdiente Satire auf die exklusiv aristokratische Tendenz der H. war Diogena, Roman von Iduna Gräfin H.⸗H.v (Lpz. 1847), deren Verfasserin Fanny Lewald ist. In den vielen Reiseschriften der Gräfin, wie Jenseits der Berger (2Bde., Lpz. 1840), „Reisebriefes (2 Bde., Berl. 1841), Erinnerungen aus und an Frankreich' (Berl. 1842), «Ein Reiseversuch im Nordenp (Berl. 1843) u. s. w., denen sich zuletzt Orientalische Briefes (3 Bde., Berl. 1844) anreihten, erscheint die Darstellung mehr glänzend als tief, das Urteil geistreich und blendend, aber auch flüchtig und wesentlich durch den augenblicklichen Eindruck bestimmt. Im J. 1850 trat die Gräfin H. plötzlich zur röm.⸗ kath. Kirche über und zeigte sich durch Wort und That als eine eifrige Konvertitin. Die Schrift Von Babylon nach Jerusalem⸗ (Mainz 1851) sollte ihren Übertritt rechtfertigen. In ihren nächstfolgenden Schriften, wie Unserer lieben Frau (Mainz 1851; 3. Aufl. 1856), „Aus Jerusalem (Mainz 1851), „Die Liebhaber des Kreuzeso (2 Bde., Mainz 1852), „Ein Büchlein vom guten Hirteno (Mainz 1853) u. s. w., zeigte sie auf religiösem Gebiete die ihr eigene Exklusivität. Nirgends Befriedigung findend, hatte sich die Gräfin inzwischen strenger Ascese zuewandt und war im Nov. 1852 als Novize zu Angers in ein Kloster getreten. Später widmete sie sich zu Mainz der Rettung Gefallener. In ihren neuern Romanen «Maria Reginah (2 Bde., Mainz 1860; 3. Aufl. 1865), Peregrina (2 Bde., Mainz 1864), «Doralices (2 Bde., Mainz 1861; 2. Aufl. 1863), Zwei Schwesterno (2 Bde., Mainz 1863), Die Erbin von Kronensteino (2 Bde., Mainz 1869), „Die Glöcknerstochters (2 Bde., Mainz 1871), «Die Erzählung des Hofratso (2 Bde., Mainz 1872), „Die Geschichte eines armen Fräuleinso (2 Bde., Mainz 1872), Vergib uns unsere Schuldy (2 Bde., Mainz 1874) herrscht bei allen glänzenden Vorzügen in Bezug auf Diktion und Menschenkenntnis eine entschieden ultramontane Richtung vor. Auch fallen in diese Zeit außer einigen andern Schriften noch ihre (Bilder aus der Geschichte der Kirche (3 Bde., Mainz 1856 — 64). Sie starb 12. Jan. 1880 in Mainz. Vgl. Marie Helene, Gräfin Ida H., ein Lebensbild nach der Natur gezeichnete (1869); Paul Haffner, (Gräfin Ida H. Eine psychol. Studie (Frankf. a. M. 1880); H. Keiter, Lichtstrahlen aus den Werken der Gräfin Ida H.v (Lpz. 1881).