FeedHarnruhr (Zucker⸗ und Honig-H.)
NaturlehreBrockhaus 1882

Harnruhr (Zucker⸗ und Honig-H.), chronische Krankheit, s. Diabetes. Harnsäure, Blasensteinsäure, Urinsäure, C5 H. N.Os, organische Säure, welche 1776 von Scheele in den Blasensteinen entdeckt und auf das eingehendste von Liebig und Wöhler studiert wurde; später wurde dann die H. und ihre Umwandlungsprodukte Gegenstand der orschungen vieler anderer Chemiker. Sie findet ich spurenweise im Harn der Menschen und aller höher organisierten Tiere, in größerer Menge in den Exkrementen der Vögel, daher auch im Guano, der Schlangen, Krokodile, der Insekten, Schmetterlinge, Raupen, Käfer. Bei krankhaften Zuständen der Harnabsonderungsorgane, bei Gicht und rheumatischen Leiden, kommt sie im Harn der Menschen reichlicher vor und gibt alsdann Veranlassung zur Entstehung von Harnsedimenten, in welchen die H. in charakteristisch ausgebildeten, mittels des Mikrostops erkennbaren Krystallen auftritt. Die Darstellung der Säure im chemisch reinen Zustande gelingt am leichtesten, wenn man als Rohmaterial Schlangenexkremente wählt, die fast gänzlich aus saurem, harnsaurem Ammoniak bestehen. Zu den trockenen, gepulverten Erkrementen fügt man ein gleiches Gewicht Kalihydrat und 14 Teile Wasser, kocht, bis der Ammoniakgeruch verschwindet, und filtriert siedendheiß in eine Mischung von 2 Teilen Schwefelsäure und 8 Teilen Wasser. Die H. scheidet sich dabei als weißes „in kaltem Wasser sehr schwer lösliches, krystallinisches Pulver ab, welches durch Waschen mit kaltem Wasser von fremden Stoffen befreit wird. Zur Darstellung größerer Mengen von H. geht man von dem leichter zu-Raer al Guano aus. Dieser wird mit überschüssiger Salzsäure in der Kälte behandelt, wodurch die vorhandenen Kalksalze gelöst und durch Waschen beseitigt werden. Der dabei verbleibende Rückstand wird ebenso wie Schlangenexkremente behandelt. Die so gewonnene H. ist meist durch Farbstoffe verunreinigt. Um diese zu zerstören, löst man die H. von neuem in Alkali und versetzt mit geringen Mengen von übermangansaurem Kali; die dann durch Säuren aus der Lösung abgeschiedene H. ist in der Regel rein. Die reine H. bildet mikroskopisch kleine Prismen oder Tafeln, die aus Harn abgeschiedene erscheint fast immer in Krystallen mit eigentümlich gekrümmten Flächen. Sie löst sich in etwa 1200 Teilen siedendem, erfordert aber 14 — 15 000 Teile kaltes Wasser zur Lösung; unlöslich in Alkohol und Ather, löslich in den wässerigen Lösungen von borsauren, essigsauren, milchsauren Alkalien. Sie löst sich in konzentrierter Schwefelsäure, wird aus dieser Lösung aber auf Zusatz von Wasser unverändert wieder abgeschieden. Die Alkalien lösen H. leicht zu harnsauren Salzen, aus denen durch Beharnsaure Salze abgeschieden werden. Zum Nachweis der H. verdampft man ein Körnchen der zu prüfenden Substanz mit wenig Tropfen Salpetersäure im Porzellanschälchen bei möglichst niederer Temperatur zur Trockne und befeuchtet den verbleibenden Ruckstand mit Ammoniak. Bei Anwesenheit von H., selbst bei minimalsten Mengen, tritt eine prachtvoll purpurrote Färbung (Murexidreaktion) ein. Unter der Einwirkung chem. Agentien erleidet die H. die mannigfachsten Umwandlungen, die dabei auftretenden Produkte haben zwar hohes wissenschaftliches, aber kein allgemeineres Interesse, namentlich seitdem das Murexid (G. d.), welches man als Farbstoff verwandt hat, durch die Anilinfarben verdrängt ist.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 856Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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