FeedHarnstoff
NaturlehreBrockhaus 1882

Harnstoff, CI. N. O, organische Verbindung, welche einen nie fehlenden Bestandteil des Harns aller Tiere ausmacht, wurde 1773 von Rouelle entdeckt und als Extractum saponaceum urinae beschrieben. Im J. 1828 gelang es Wöhler, denselben synthetisch darzustellen. Es war der erste organische Körper, dessen künstliche Darstellung ermöglicht wurde, und mit der Entdeckung dieser Thatsache brach das ganze System der frühern Lehre, welche die Entstehung der in Pflanzen⸗ und Tierkörpern sich findenden Stoffe von der Wirkung einer besondern Kraft, der Lebenskraft, abhängig sein ließ, zusammen. Bald nach Wöhlers Entdeckung folgten ähnliche in rascher Reihenfolge, und hiermit wurde der bis dahin allseitig angenommene prinzipielle Unterschied zwischen anorganischer und organischer Natur hinfällig. Der H. entsteht im tierischen Organismus als letztes Zerfallsprodukt der in beständiger Abnutzung und ununterbrochener Zersetzung begriffenen Eiweißstoffe. Der Verbrauch der Eiweißstoffe und somit die Bildung des Harnstoffs dauert vom ersten bis zum letzten Atemzuge, bei reichlichster Aufnahme von Nahrung, wie bei völliger Enthaltung von jeglicher Nahrung. Nur mit dem einzigen Unterschied, daß während des Hungerns eine geringe Zersetzung von Eiweißstoffen des Körpers stattfindet und also auch wenig H. in der Zeiteinheit ausgeschieden wird, während jede Zufuhr von Eiweißstoffen in der Nahrung die Zersetzung derselben vergrößert und also die Harnstoffausscheidung vermehrt. Die Menge des gebildeten Harnstoffs ist daher ein Maß des Stoffwechsels des Körpers und als solches für physiologische Beobachtungen von höchster Bedeutung, während die Pathologie nicht den früher erwarteten Nutzen aus den Harnstoffbestimmungen ziehen kann. Der H. wird von den meisten Chemikern als Amid der zweibasischen Kohlensäure CO(NII2)½ betrachtet. Nach Kolbe ist aber dieses Amid noch nicht bekannt, sondern es ist der H. ein diesem isomerer Körper, er ist ein Ammoniak, in welchem ein Atom Wasserstoff durch das einwertige Radikal der Carbaminsäure vertreten ist. Hiernach würde die rationelle Formel des H. 6½˙• V sein. Man kann den Harnstoff aus Harn gewinnen, doch wird man bei der Darstellung sich immer an die von Wöhler angegebene Methode Du Nach dieser wird gepulvertes Ferrocyankalium, gelbes Blutlaugensalz, in einer flachen eisernen Pfanne über freiem Feuer mäßig erhitzt, bis die Gesamt⸗( menge des Krystallwassers entfernt ist. Das noch warme weiße Pulver wird mit seinem gleichen Gewicht fein gepulvertem und vorher scharf getrocknetem Braunstein innig gemischt und in der flachen Pfanne weiter erhitzt. Bei einer bestimmten Temperatur sintert die Masse zusammen und verglimmt zu einer schwarzen Schlacke, welche aus cyansaurem Kali nebst Eisenoxyd und Manganoxyden besteht. Diese wird gepulvert und in eine konzentrierte Lösung von Ammoniumsulfat (worin eine dem entwässerten Blutlaugensalz gleiche Menge von schwefelsaurem Ammoniak enthalten ist) eingetragen. Dabei zersetzt sich das cyansaure Kali mit dem schwefelsaurem Ammoniak zu cyansaurem Ammoniak und schwefelsaurem Kali. Wird diese Lösung von den unlöslichen Metalloxyden abfiltriert und erwärmt, so verwandelt sich das cyansaure Salz durch die Wärme in den ihm isomeren Harnstoff. Man verdampft die Lösung auf dem Wasserbade zur Trockne und trennt den H. von dem schwefelsauren Kali, indem man den Rückstand mit Alkohol auskocht, worin das schwefelsaure Kali unlöslich ist. Aus der alkoholischen Lösung scheidet sich der H. in schönen, großen, prismatischen Krystallen beim Erkalten ab. H. bildet farblose, in Wasser leicht lösliche Krystalle, er ist in kaltem Alkohol weniger leicht, in Ather unlöslich, reagiert neutral, schmilzt bei 120 unzersetzt, bei höherer Temperatur wird er in andere Produkte verwandelt. H. verbindet sich sowohl mit Säuren, wie auch mit basischen Metalloxyden, wie auch mit Salzen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 858Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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