Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau, bekannt unter dem Namen des Alten Defsauers, geb. Juli 1676 zu Dessau, der Sohn Johann GeorgsII. und der Prinzessin Henriette von Oranien, bewies schon in früher Jugend bei ungestümer Leidenschaftlichkeit und gebieterischem Trotze größte Ausdauer jeder körperlichen Übung und zugleich unwiderstehlichen Hang zum Militärstande. Bereits 1688 ernannte ihn sein Pate Kaiser Leopold I. zum Oberst 12 Leopold II. (Fürst von Anhalt-Dessau) und Chef eines Reiterregiments. Als er aber 17. Aug. 1693 nach dem Tode seines Vaters, welcher preuß. Generalfeldmarschall und Gouverneur von Berlin war, unter der Vormundschaft seiner Mutter die Regierung übernahm, zog er es vor, in die Kriegsdienste des Kurfürsten von Brandenburg zu treten, der ihm 1694 das Infanterieregiment Alt-Dessau in Halberstadt (später in Halle) verlieh. Eine leidenschaftliche Neigung zu der Tochter des Apothekers Föse in Dessau veranlaßte jedoch seine Mutter, ihn auf Reisen zu schicken. Er besuchte Deutschland und Italien und kehrte 1695 wieder nach Dessau zurück. Der Krieg, der in den Niederlanden von Preußen, als Verbündetem Ssterreichs, gegen Ludwig XIV. geführt wurde, rief ihn sogleich zu seinem Regiment. Als Brigadier nahm er 1696 an der Eroberung von Namur teil, wurde zum Generalwachtmeister ernannt, trat endlich, da er mündig geworden, 1698 die Regierung seines Landes an und legte 1699 die Würde eines österr. Obersten nieder. Im Sept. 1698 heiratete er Anna Luise Föse, erlangte 1701, als sie ihm zwei Söhne geboren, vom Kaiser die Erhebung der Mutter und der Kinder in den Reichsfürstenstand und lebte mit ihr ununterbrochen in der glücklichsten Ehe. Er legte neue Dörfer und Vorwerke an, begann die Errichtung der Elbdämme und viele andere gemeinnützliche Bauten. Andererseits zeigte er aber auch Gewaltsamkeit und Härte. In der Meinung, er müsse der Alleinbesitzer aller in seinem Fürstentum gelegenen Rittergüter und anderer 10.5 Grundstücke sein, zwang er die adeligen Gutsbesitzer, ihm ihre Güter für den von seiner Kammer bestimmten Taxwert zu überlassen. Große Sorgfalt bei gleicher Gewaltsamkeit des Verfahrens widmete er dem Soldatenwesen. Sein Regiment zu Halberstadt, später zu Halle, durch unablässige übung geschult, zeichnete sich in strenger Zucht, in pünktlicher Ordnung und in genauer Abrichtung aus, auch führte er bei demselben 1698/99 den Gleichschritt, gleiches Gewehrkaliber und eiserne Ladestöcke ein, und legte durch diese, bald auf die ganze Armee übertragenen wichtigen Verbesserungen den Grund zu der taktischen überlegenheit der preuß. Infanterie über das Fußvolk aller andern Heere. Im Jan. 1701 führte er zur Unterstützung Osterreichs 12 Bataillone preuß. Infanterie an den Niederrhein, zeichnete sich unter dem General von Heyden 1702 vor Kaiserswerth, Venloo, Stephanswerth und Roermonde aus und rettete 20.Sept. 1703 unter dem Oberbefehl des kaiserl. Feldmarschalls Styrum in dem Treffen bei Höchstädt als Generallieutenant durch seinen meisterhaften Rückzug das Heer vom Untergange. Im J. 1704 zum General der Infanterie ernannt, führte L. dem Prinzen Eugen 11000 Mann Preußen zu, trug in der zweiten Schlacht bei Höchstädt 13. Aug. wesentlich zum vollständigen Siege bei und erstürmte 22. Nov. die Festung Landau. Im J. 1705 nahm er mit 8224 Mann an Prinz Eugens Feldzug in Italien teil, überschritt siegreich den Oglio, kämpfte 16. Aug. tapfer bei Cassano, wo der bekannte Dessauer Marsch zu Ehren L.s komponiert wurde, half 7. Sept. 1706 die Schlacht bei Turin und diese Stadt selbst gewinnen, und beteiligte sich an den Eroberungen von Novara, Mailand und Pizzighetone. Im J. 1707 eilte er aufs neue nach Italien, nahm an Eugens Einfall in die Provenee teil, half Toulon berennen und eroberte 29. Sept. Susa, kehrte aber, über die Lauheit, mit welcher der Herzog von Savoyen die Kriegführung betrieb, unwillig, nach Deutschland zurück. Im V 1709 nahm er als Freiwilliger mit dem preuß. Kronprinzen an dem Feldzug in den Nieder landen teil, erhielt aber 1710 auf Eugens Fürsprache den Oberbefehl über die in engl. und H Solde stehenden preuß. Truppen in Braant (21591 M.), eroberte mit denselben Douai, wo L. zum einzigen male in seinem Leben verwundet wurde, und Aire, und nahm 1711 an Marlboroughs Erfolgen bei Arras gegen Villars Anteil. Hierauf wurde L. 2. Dez. 1712 Feldmarschall und Wirkl. Geh. Kriegsrat. Auch Friedrich Wilhelm J. vertraute L. in allen Kriegsangelegenheiten. Als Karl XII. von Schweden 1715 den Krieg mit Preußen wegen Pommerns veranlaßte, erhielt L. den Oberbefehl über 25000 Mann Preußen und 8000 Sachsen, mit denen er zuerst Rügen, dann Stralsund eroberte und einen vorteilhaften Frieden herbeiführte. ch J. 1733 ernannte der Kaiser L. zum Reichsmarschall. Während des ersten Schlesischen Kriegs übernahm L. die Deckung der brandenb. Lande wider Hannover und 1742 das Kommando in Oberschlesien. Im Jan. 1745 schlug L. die Österreicher bei Neustadt in Schlesien, dann bei Jägerndorf, und erfocht 15. Dez. mit 34000 Mann den glänzenden Sieg bei Kesselsdorf über die mit den SÖsterreichern verbündeten Sachsen, worauf Dresden in preuß. Hände fiel und der Krieg durch den Dresdener Frieden beendigt wurde. Kurz zuvor, 5. Febr. 1745, war seine Gemahlin, von der er neun Kinder hatte, gestorben. Tiefgebeugt durch diesen Verlust, zog er sich in seine Residenz Dessau zurück, einzig mit der Sorge um sein Land und mit der Jagd, die er leidenschaftlich liebte, beschäftigt. und starb daselbst 9. April 1747. L.s Sitten waren rauh, aber bei der biedern Aufrichtigkeit und heitern Leutseligkeit seines Charakters war er doch bei seinen Unterthanen wie beim Heere sehr beliebt. Vgl. über sein Leben Varnhagen von Enses Biographische Denkmale (Bd. 2, 3. Aufl., Lpz. 1872); Hosäus, 4Zur Biographie des Fürsten L.v (Dessau 1876); Siebigk, «Selbstbiographie des Fürsten (neue Aufl., Dessau 1876); Crousatz, Militärische Denkwürdigkeiten des Fürsten L. von Anhalt-Dessau⸗ (Berl. 1875).