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ErdkundeBrockhaus 1882

Lesbos, eine der schönsten und reichsten der türk. Inseln, nahe der westl. Küste Kleinasiens unmittelbar südlich von Troas gelegen, mit einem Flächenraum von 1700 qkm und 64000 meist griech. Bewohnern, gegenwärtig nach dem Namen der alten (und noch Midu Hauptstadt Mitilini, von den Türken Midüllü genannt. Die Insel wird von mehrern Gebirgen durchzogen, unter denen der Lepethymnos (jetzt Gelia) im Norden und der Olympos (ietzt Hagios Ilias) im Süden die bedeutendsten sind. Zwischen denselben finden sich ausgedehnte und fruchtbare Ebenen, Getreidefelder und Weingärten, daher noch jetzt Weizen, Ol, Wein und Südfrüchte die Hauptprodukte der Insel bilden; die Berge liefern trefflichen Marmor. Zwei Buchten dringen tief in das Innere der Insel ein und gewähren mit ihren engen Mündungen fast den Anblick von Landseen: die von Kalloni im Süden und die von Jera im Südosten. Das ganze Gebiet der Insel war unter fünf Städte verteilt: Mytilene (s. d.), Methymna, Antissa, Eresos und Pyrrha; eine sechste, Arisbe, ist frühzeitig untergegangen und ihr Gebiet von den Methymnäern in Besitz genommen worden. Die histor. Bedeutung der Insel datiert von der Besitznahme derselben durch Einwanderer aus Griechenland äol. Stammes im 10. Jahrh. v. Chr. nach der Tradition unter Führung des Penthilos, eines illegitimen Sohnes des Orestes, dessen Nachkommen, die Penthiliden, bis tief in das 8. Jahrh. als Könige, zuerst wohl über die ganze Insel, dann in Mytilene Parteitam Später gab es langwierige und heftige arteikämpfe zwischen Adel und Demos in Mytilene, während deren mehrere Tyrannen, wie (620 610) Melanchros, auftraten, aber bald ermordet!“ wurden, bis nach Vertreibung (592) der Vorkämpfer der Adelspartei (zu denen auch der Dichter Alcäus gehörte) Pittakus (s. d.), einer der og. Sieben Weisen, als Asymnet an die Spitze des Staats gestellt wurde 590 v. Chr.) und durch Milde gegen die Besiegten wie durch eine weise Gesetzgebung Ordnung und Ruhe herstellte. Die Verfassung wurde eine gemäßigte Aristokratie oder vielmehr Timokratie, d. h. eine Verfassung, wo Amter und Ehrenstellen nach Maßgabe des Vermögens erteilt wurden. Wie die übrigen Inseln an der Küste Kleinasiens und das kleinasiat. Festland wurde auch L. von den Persern (gegen 540) unterworfen, bis es, nach der Schlacht bei Mykale (479) von der Fremdherrschaft befreit, sich dem athenischen Seebunde anschloß. Infolge der Abneigung der Timokratie von Mytilene gegen die Demokratie von Athen fiel die Insel, mit Ausnahme von Methymna, im J. 428 von Athen ab, wurde aber 427 wieder unterworfen und nun von den Athenern aufs härteste bestraft. Die Urheber des Abfalls wurden hingerichtet und der gesamte Grundbesitz, ausgenommen der der Methymnäer, eingezogen und, in 3000 Landlose zerstückelt, unter athenische Bürger verteilt. Die bisherigen Besitzer behielten ihr früheres Eigentum nur als Erbpächter gegen eine jährliche Abgabe von 2 Minen (etwas über 150 Mark) für jedes Landlos, die Walrer wurde im demokratischen Sinne umgestaltet. Nach der Schlacht bei Agospotamoi (405) kam die Insel unter die Herrschaft der Spartaner, die eine oligarchische Herrschaft einsetzten, aber um 390 wurde sie durch Thrasybulos wieder für Athen gewonnen und trat auch 377 dem neuen Seebunde unter Athens Führung bei, bis bei dem neuen Abfall in dem sog. Bundesgenossenkrieg (357) die oligarchische Partei wieder ans Ruder kam. Minder bedeutsam ist die histor. Rolle von L. im macedonischen und pergamenischen Zeitalter bis zur (129 v. Chr.) Gründung der röm. Provinz Asia. Im Kriege der Römer gegen König Mithridates von Pontus trat die Insel auf Seite des letztern, und die Mytilenäer beteiligten sich 88 v. Chr. mit besonderer Grausamkeit an den Greuelscenen gegen die im Osten seßhaften Römer, daher die Stadt nach dem Siege der Römer 79 v. Chr. schwer heimgesucht wurde. Doch wurde sie bald durch Theophanes, den Günstling des Pompejius, wiederhergestellt und erhielt sogar die begünstigte Stellung (62 v. Chr.) einer Kfreien Stadt v. Zum letzten mal erscheint die erst röm., dann byzant. Insel als selbständiger Staat seit 1355 n. Chr., wo sie eigene Herzöge aus der genuesischen Familie der Gattilusio hatte, bis sie 1462 unter die Herrschaft der Türken kam, denen sie noch jetzt gehört. In der griech. Kulturgeschichte spielt L. eine bedeutende Rolle als der Hauptsitz einer Gattung der melischen Poesie (s. Griechische Litteratur, Bd. VIII, S. 402) und der mit dieser eng verbundenen Musik, wo sie die glänzenden Namen des Terpander, des Alcäus, der Sappho und des Arion aufzuweisen hat. Auch der Historiker Hellanikos und der Philosoph Theophrastos gehören ihr durch Geburt an. Vgl. außer den ältern Schriften von Plehn und Zander: Newton, XTravels and disco- „Reise auf der Insel L.» (Hannov. Leorar, Stadt im franz. Departement Basses-Pyrénées, Arrondissement Pau, 7 km im NW. von diesem Orte, rechts am Gave de Pau, Station der Linie Toulouse-Bayonne der Französischen Südbahn, hat eine schöne Kathedrale aus dem 12. Jahrh., ein Lehrerseminar, Flachsbau, Baumwollspinnerei und Leinwandfabriken und zählt 1800 E.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 21Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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