FeedLiebig (Justus, Freiherr von)
NaturlehreBrockhaus 1882

Liebig (Justus, Freiherr von), einer der größten Chemiker und einflußreichsten Naturforscher der neuern Zeit, geb. 8. Mai 1803 zu Darmstadt, besuchte das Gymnasium daselbst, kam aber 1818, da er eine besondere Vorliebe für die Naturwissenschaft zeigte, in die Apotheke zu Heppenheim, wo er 10 Monate blieb. Hierauf studierte er 1819—22 in Bonn und Erlangen. Durch ein Reisestipendium unterstützt, setzte er gleichzeitig mit Mitscherlich seit Herbst 1822 seine Studien bis 1824 in Paris fort, wo er durch seine der Französischen Akademie vorelegte Arbeit über Knallsäure die Aufmerksamkeit Alexander von Humboldts auf sich zog und dadurch auch mit Gay-⸗Lussae in nähere Berührung kam. Humboldts Einfluß führte L. dem Lehrfache zu und trug viel bei, daß er schon 1824 außerord. und 1826 ord. Professor der Chemie in Gießen wurde. In dieser Stellung entwickelte L. nun länger als ein Vierteliahrhundert eine ungemeine Thätigkeit, begründete, durch die Regierung unterstützt, das erste Musterlaboratorium in Deutschland und erhob die kleine Universität zu einem Centralpunkte des chem. Studiums, in welchem nicht nur die jungen Chemiker Deutschlands, sondern auch die des Auslandes, namentlich Englands, unter seiner Leitung die praktische Weihe empfingen. Wie seine Wirksamkeit überhaupt den Anstoß gab zu dem neuen Leben, das fortan die Wissenschaft der Chemie durchdrang, so geschah es auch durch seinen Einfluß, daß man überall dem Studium derselben mehr Rücksicht und Mittel als früher widmete. Außer mehrfachen äußern Anerkennungen seiner Verdienste ward L. 1845 vom Großherzog Ludwig II. von Hessen in den erblichen Freiherrenstand erhoben. Im Herbst 1852 nahm L. eine Rroflsuue an der Universität zu München mit dem Amte eines Konservators des dortigen chem. Laboratoriums an, womit sich ihm ein neuer bedeutender Wirkungskreis öffnete. Er wurde 1853 vom König Maximilian II., der ihm seine ganze Gunst zugewendet hatte, zum Vorstande des Kapitels des Maximilianordens für Wissenschaft und Kunst und 1860 zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften und zum Generalkonservator der wissenschaftlichen Sammlungen des Staats ernannt. Außer den die Mehrzahl seiner wissenschaftlichen Arbeiten enthaltenden Annalen der Chemie und Pharmaciev, die er 1832 mit Geiger begann und seit 1851 mit Wöhler in Göttingen und Kopp in Heidelberg herausgab, sind von L.s Schriften besonders hervorzuheben: das 1836 mit Poggendorff begonnene «Handwörterbuch der Chemie v (9 Bde., Braunschw. 1837—64), die Bearbeitung des chem. Teils von Geigers «Handbuch der Pharmaciev, (Heidelb. 1839), dessen organisch-chem. Teil als selbständiges KHandbuch der organischen Chemiev betrachtet werden kann; ferner die wichtigen Werke: „Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikulturo (Braunschw. 1840; 8. Aufl. 1865) und „Die Tierchemie oder organische Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologiev (Braunschw. 1842; 3. Aufl. 1847). Außerdem sind zu nennen die zuerst in der Beilage der augsburger „Allgemeinen Zeitungo veröffentlichten Chem. Briefey (4. Aufl., 2 Bde., Heidelb. 1859; Volksausgabe in Einem Bande, Lpz. 1865), welche außerordentlich dazu beitrugen, nicht nur das Interesse für die Chemie insbesondere, sondern auch für die übrigen Zweige der Naturwissenschaften in weitern Kreisen zu erwecken. Die letztern Arbeiten sind auch ins Französische, Englische, Italienische, Ungarische und Russische übersetzt worden. L.s Leistungen sind in allen Gebieten der Chemie bedeutend. In der technischen Chemie ist seine Arbeit über Cyankalium für die Blutlaugensalzfabrikation, die über Aldehyd für die Fabrikation des Essigs, seine Methode der Darstellung des Cyankaliums für die Galvanoplastik, sein Verfahren der Versilberung des Glases für die Spiegelfabrikation, sein Kalksuperphosphat für die Landwirtschaft von Wichtigkeit geworden. Auf dem Gebiete der analytischen Chemie sind von besonderer Bedeutung seine Scheidungsmethode des Kobalts vom Nickel, sein Verfahren zur Bestimmung der Blausäure in den offizinellen Arzneimitteln, seine Methoden der Bestimmung des Sauerstoffs der Luft mittels Pyrogallussäure (welche Säure er zuerst in die Photographie einführte), wie des Kochsalzes und Harnstoffs im Harn des Menschen und der fleischfressenden Tiere. Das Hauptverdienst hat sich jedoch L. um die organische Chemie erworben. Er erfand einen eigenen Apparat für die Analyse organischer Verbindungen und verbesserte deren Methode; er untersuchte unter anderm fast alle wichtigern organischen Säuren, die Zersetzungsprodukte des Alkohols durch Chlor, die Orydationsprodukte des Alkohols, das Schwefelcyan und die Mellonverbindungen, den Harn und die Bestandteile der Flüssigkeiten des Fleisches. Hierher gehören auch seine Untersuchungen über Die Ursachen der Säftebewegung im tierischen Organismuso (Braunschw. 1848). L. entdeckte in dem Melamin und Ammelin die ersten künstlich darstellbaren stickstoffhaltigen Basen, ferner in dem Harn der Pflanzenfresser, später in dem des Menschen die Hippursäure, in der Fleischflüssigkeit das Kreatinin und die Inosinsäure, in dem Hundeharn die Kynursäure und das Tyrosin als Zersetzungsprodukt des Casein; er unterschied ferner Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XI. zuerst das Syntonin, den Hauptbestandtei Muskelsubstanz, von dem Blutfibrin. WMlit Waühie gemeinschaftlich machte L. die Untersuchungen über die Cyansäure, Harnsäure, das Radikal der Benzoésäure und die Erzeugung des Bittermandelöls. Durch seine Arbeiten wurde L. zu umfassenden theoretischen Ansichten über organische Radikale und die Natur der organischen Säuren, über die Prozesse der Gärung und freiwilligen Zersetzung, sowie über die Metamorphosen in der organischen Natur überhaupt geführt. Später beschäftigte er sich vorzugsweise mit der Anwendung dieser und mannigfacher, aus neuen Beobachtungen geschöpfter Resultate auf den chem. Teil der Pflanzen⸗ und Tierphysiologie und einer totalen Reform der in diesen Disciplinen und den damit zusammenhängenden angewendeten Wissenschaften, der Agrikultur und Pathologie, und legte in den beiden oben erwähnten Werken seine Ansichten hierüber nieder. Diese Ansichten haben jetzt allgemein Eingang gefunden, und seit Veröffentlichung der Grundsätze der Agrikulturchemies (Braunschw. 1855), der «Theorie und Praxis der Landwirtschaft v (Braunschw. 1856), der «Naturwissenschaftlichen Briefe über die moderne Landwirtschafto (Lpz. 1859) und der 7., 8. und 9. Auflage der «Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur » sind seine Lehren in Beziehung auf die Landwirtschaft jetzt allgemein in die Praxis übergegangen, sodaß sie in der rationellen Bewirtschaftung der Feldgüter und Erzeugung des Fleisches und tierischer Produkte einen bereits allerwärts bemerklichen tiefen Einfluß ausüben. Die deutschen Landwirte erkannten dies durch ein Ehrengeschenk an, welches L. zu einer Stiftung für die Förderung der Agrikulturwissenschaft bestimmte (Liebig-Stiftung). Große Verdienste erwarb er sich durch Darstellung und Einführung des Fleischextrakts (s. d.). In seiner Suppe für Säuglingey (3. Aufl., Braunschw. 1877) hat er seine Grundsätze der Ernährung an einem besondern Fall praktisch erläutert. Unter den Reden, die L. als Präsident der Akademie der Wissenschaften gehalten, sind die über Franz Bacon von Verulam (1863), über „Induktion und Deduktion» (Münch. 1865), über die „Entwickelung der Ideen in der Naturwissenschaft » (Münch. 1866) hervorzuheben. Seine letzte größere Arbeit war Küber Gärung und Quelle der Muskelkraft o (Lpz. 1870). Er starb in München 18. April 1873. Ihm wurde ein Denkmal (Bronzebüste von Bersch) zu Darmstadt 12. Mai 1877 gesetzt. Die Deutsche Chemische Gesellschaft errichtete im Verein mit seinen Freunden und Schülern ihm auf dem Maximiliansplatz in München eine am 6. Aug. 1883 enthüllte sitzende Marmorstatue (von Wagmnüller). Mit seinem Sohne, Georg von L., geb. 17. Febr. 1827, Badearzt in Reichenhall und Docent in München, bekannt durch physiol. und balneologische Arbeiten, gab sein Schwiegersohn M. Carriere Reden und Abhandlungen von Justus von L.v(Lpz. 1874) heraus. Georg von L. veröffentlichte 1884, in Verbindung mit R. Echtermayer, den Briefwechsel seines Vaters mit Th. Reuning über landwirtschaftliche Fragen. Ein schönes Bild seines Wirkens entwarf A. W. Hofmann in „L.8 Vgl. Bischoff, KÜber den Einfluß des Freiherrn Justus von L. auf die Entwickelung der Physiologie (Münch. 1874); Vogel, „Justus, Freiherr von L. als Begründer der Agrikulturchemier (Münch. 1874½); Erlenmeyer, «Küber den Einfluß des Freiherrnvon L. auf die Entwickelung der reinen Chemier (Stuttg. 1875); Kolbe, «L. der Lehrer, Gelehrte und AArehkuech (in Unsere Zeito, Lpz. 1874). iebknecht (Wilh.), sozialdemokratischer Agitator, Journalist und Abgeordneter, geb. 29. März 1826 in Gießen, besuchte das dortige Gymnasium und studierte daselbst, in Berlin und Marburg Philologie und Philosophie. Als Teilnehmer an dem bad. Aufstande mußte er flüchten und lebte 1850—62 erst in der Schweiz, dann in England. Nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er 1865 wegen seiner Agitation in der Arbeiterfrage aus Preußen ausgewiesen und siedelte nach Leipzig über. Im J. 1866 wurde die von ihm redigierte Mitteldeutsche Volkszeitungo durch die preuß. Behörde unterdrückt, L. selbst auf einer Reise auf preuß. Gebiete verhaftet und wegen unerlaubter Rückkehr zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Nachdem L. im Sommer 1867 als sozialdemokratischer Kandidat vom 19. sächs. Wahlkreis Itwordenn in den Norddeutschen Reichstag gewählt worden war, übernahm er 1. Jan. 1868 die Leitung des in Leipzig erscheinenden Demokratischen Wochenblatteso, dann des (Volksstaato und bis 1878 des Vorwärtso. Zu Ende 1870 wurde L. wegen Hochverrats verhaftet, nach einigen Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen und dann 1872 vom Schwurgericht zu Leipzig zusammen mit seinem Parteigenossen Bebel zu zweijähriger Festungshaft verurteilt, die er bis 1874 auf dem Schlosse Hubertusburg verbüßte. Während seiner Haft wurde L. vom 19. sächf. Wahlkreis im Jan. 1874 auch in den Deutschen Reichstag gewählt. Bei den sächs. Landtagswahlen im Sept. 1877 wählte der 36. ländliche Wahlkreis (Stollberg) L. in die Zweite Kammer. Er konnte dieser Wahl zwar nicht Folge leisten, weil er sich noch nicht im dreijährigen Besitz des Staatsbürgerrechts befand, wurde aber 1879 vom leipziger Landkreis von neuem gewählt und gehört seitdem der Zweiten sächs. Kammer an. Im Juni 1881 nach Proklamierung des kleinen Belagerungszustandes aus Leipzig ausgewiesen, nahm L. seinen Wohnsitz in Borsdorf bei Leipzig. Im Reichstag vertritt er gegenwärtig den Wahlkreis Offenbach.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 64Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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