FeedHofmann (Aug. Wilh.)
Recht & StaatBrockhaus 1882

Hofmann (Aug. Wilh.), hervorragender Chemiker, geb. 8. April 1818 zu Gießen, widmete sich nach schilien un philol. und jurist. Studien daselbst schließlich unter Liebig der Chemie. Aus der gießener Zeit stammen H.s erste Arbeiten über die Basen des Steinkohlenteers und die Metamorphosen des Indigos. Im Frühjahr 1845 habilitierte sich H. in Bonn und wurde schon im Herbst des nämlichen 8 fol zum außerord. Professor ernannt. Im J. 1848 folgte er einem Rufe nach London an das neu begründete Royal College of Chemistry. Die hier unter seiner Leitung eröffnete chem. Schule gelangte nach kurzer Zeit zu solcher Entwickelung, daß die engl. Regierung 1853 die Schule als chem. Sektion der Bergakademie (Royal School of mines) adoptierte. Im J. 1855 wurde ihm neben seiner Professur das Amt eines Wardeins an der königl. Münze übertragen. Im J. 1864 übernahm H. den chem. Lehrstuhl der Universität Bonn, wurde aber schon 1865, noch ehe er in das von ihm erbaute roße Laboratorium übersiedeln konnte, als Proessor der Chemie nach Berlin berufen. Seit dem Frühjahr 1865 leitet H. den chem. Unterricht in dem nach seiner Berufung errichteten, neuen chem. Laboratorium der Universität Berlin. Auch stiftete er daselbst 1868 die Deutsche Chemische Gesellschaft. Unter den chem. Untersuchungen H.s spielen die über das Ammoniak und seine Derivate, insbesondere über das Anilin, eine große Rolle. Bereits 1849 machte er die wichtige Entdeckung, daß sich sämtlichen Wasserstoffatomen im Ammoniak stufenweise die Alkoholgruppen substituieren lassen und daß auf diese Weise eine fast unbegrenzte Anzahl von Körpern dargestellt werden kann, deren Erkenntnis und Studium einen hervorragenden Einfluß auf die Entwickelung der modernen organischen Chemie ausgeübt hat. Weitere Studien über die Ammoniakderivate führten H. zur Entdeckung der sog. Ammoniumbasen (1851), deren Erforschung sich zahlreiche Arbeiten über die Phosphorbasen, über die Polyammoniake, über die Isocyanide und die Senföle anreihten; die von H. eingeführte Bestimmung der Dampfdichte in der Barometerleere ist in allen Laboratorien adoptiert worden. Das unter dem Namen Fuchsin bekannte Anilinrot wurde zuerst von H. beobachtet, dessen Arbeiten über die Werbindung fur d und den chem. Charakter dieser erbindung für die Erkenntnis der Natur der Teerfarbstoffe grundlegend gewesen sind. Auf dieser Entdeckung beruht die für die Industrie so außerordentlich wichtig gewordene Begründung und Ausbildung der Teerfarbenfabrikation. Seine wissenschaftlichen Verdienste wurden durch die 1851 erfolgte Aufnahme in die Royal Sociéety gewürdigt. Für seine industriellen Entdeckungen erkannte ihm die Jury der Weltausstellung in Paris 1867 einen der droßen Preise zu. Von seinen litterarischen Arbeiten sind, außer den Abhandlungen im Handwörterbuch der Chemiev, zu erwähnen: seine gemeinschaftlich mit Bence Jones bewirkte Herausgabe des Jahresberichts der Chemied in engl. Sprache (4 Bde., Lond. 1850—53); „Handbook ef organic Analysiso (Lond. 1853); ferner «Einleitung in die moderne Chemie (6. Aufl., Braunschw. 1877, in viele Sprachen übersetzt), EErinnerungen aus der berliner Vergangenheitv (2. Aufl. 1882), «Die Frage der Teilung der philos. Fakultäto (2. Aufl. 1881), worin H. der klassischen Borbildung für das Studium auch der Naturwissenschaften das Wort redet. Nach dem Tode Liebigs trat H. in die Redaction der «Annalen der Chemier ein.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 304Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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