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VerkehrBrockhaus 1882

Lindau, ehemalige Freie Reichsstadt und früher befestigter Platz im bayr. Regierungsbezirk Schwaben und Neuburg, ist am nordöstl. Ende des Bodensees auf zwei jetzt vereinigten Inseln erbaut, an der Ausmündung der bayrischen Staatsbahn München-L. und der österreichischen Staatsbahn L.⸗ Innsbruck, mit dem Lande durch eine lange Holzbrücke und seit 1853 durch den imposanten Eisenbahn-Steindamm verbunden, ist Sitz eines Amtsgerichts, eines Bezirksamts, eines Schiffahrtsamts und eines Hauptzollamts, hat vier Kirchen, wovon die zwei ältesten profaniert, eine Lateinschule, eine Realschule, zwei Töchterpensionate und eine Musikschule und zählt (1880) 5337 E. Die hauptsächlichste Erwerbsquelle für die Bewohner bildet der Handel, insbesondere die Spedition. Auch werden Obst, Wein, Kirschgeist, Bauholz, Getreide, Schmalz und Käse in beträchtlichen Quantitäten verführt. Der zu L. 1812 angelegte Seehafen, der später bedeutende Erweiterungen erfuhr und zwei Leuchttürme hat, ist gegenwärtig der Centralpunkt des Verkehrs zwischen Bayern und der Schweiz und steht mit den übrigen Bodenseeorten in lebhafter Dampfschiffpverbindung. Am Hafen wurde 1856 dem Könige Maximilian II. ein Standbild (nach dem Entwurfe von Halbig) errichtet. Von Fremden viel besucht wird der in der Nähe der Stadt gelegene Lindenhof wegen seiner schönen Gärten, dann der Hoierberg mit schöner Aussicht. Hatdereuitwiclen die Rathaussäle und die Stadtbibliothek mit vielen alten Werken, die Heidenmauer und der Diebsturm, sowie ein 1884 errichteter monumentaler Brunnen (nach dem Entwurfe von Thiersch und Rümann). L. soll aus dem alten, gegen die Vindelicier erbauten Castrum Tiberii entstanden sein schon 882 geschieht seiner urkundlich ECrwähnung. Es wurde 1275 Freie Reichsstadt, trat 1525 der Reformation bei, kam 1803 an den Fürsten von Bretzenheim,‚ 1804 an Ssterreich und 1805 an Bayern. Vgl. Boulan, 4L. vor Altem und Jetzt v (neue Ausg., Lind. 1872); Grube, 4L., Bregenz und Umgebungy (2. 1879 Lind. 1879); Koch, Lindauä Lindan (Paul), geistreicher Kritiker und dramatischer Dichter, geb. 3. Juni 1839 zu Magdeburg, erhielt seine Vorbildung auf dem dortigen Gymnasium zum Kloster Unserer Lieben Frauen, studierte in Halle und Leipzig und ging dann nach Paris, wo er sich eingehend mit der neuern franz. Litteratur beschäftigte. Nachdem er 1863 nach Deutschland zurückgekehrt war, bernahm er die Redaction der «Düsseldorfer Zeitungs, war dann 1864 in Berlin journalistisch thätig und wurde 1866 Redacteur der Elberfelder Zeitungo, welche Stellung er bis Herbst 1869 innehatte. Aus dieser Zeit stammen seine ersten leicht und anmutig geschriebenen Reiseskizzen: Aus Venetieny (Düsseld. 1864) und Aus Paris. Beiträge zur Charakteristit des gegenwärtigen Frankreichv (Stuttg. 1865). Im J. 1869 begründete L. in Leipzig das belletristische Journal Das Neue Blatty, dessen Redaction er 1871 niederlegte, um nach Berlin überzusiedeln, wo er 1872 die polit.⸗belletristische Wochenschrift «Die Gegenwarto begründete, bis 1881 redigierte und seit 1877 die Monatsschrift Nord und Südv herausgibt. Von seinen kritisch-ästhetischen Schriften, in denen neben jovialem Humor sarkastische Schärfe und treffender Witz vorherrschen, sind zu nennen: «Harmlose Briefe eines deutschen Kleinstädterso (2 Bde., Lpz. 1870), welche er zuerst im KSalonv hatte erscheinen lassen, und «Litterarische Rücksichtslosigkeiteno (1. bis 3. Aufl., Lpz. 1871). Zwei wertvolle Studien auf dem Gebiete der franz. Litteraturgeschichte sind: WMolièrev (Lpz. 1871) und Alfred de Musseto (Berl. 1877), in denen er außer gründlicher Kenntnis dieser beiden Dichter in litterarhistor. Fragen ein feines Urteil bekundet. Eine Sammlung seiner gewandt und geistreich geschriebenen Kritiken und ästhetischen Abhandlungen veranstaltete er in den Dramaturgischen Blätterno (2.Aufl., 2 Bde., Stuttg. 1875; neue Folge, 2 Bde., Bresl. 1879), in Gesammelten Aufsätzen (2. Aufl., Berl. 1875), «Aus dem litterarischen Frankreicho (2. Aufl., Bresl. 1882) und in den Briefen Aus der Hauptstadto (2. Aufl., Dresd. 1884). Besondern Beifall fanden L.s Erzählungen aus dem modernen Leben: „Herr und Frau Bewer » (7. Aufl., Bresl. 1882), „Toggenburg und andere Geschichten (3. Aufl., Bresl. 1883), «Mayov 65. Aufl., Bresl. 1884), 4Kleine Geschichten (2 Bde., Lpz. 1872), „Zwei ernsthafte Geschichten v (Stuttg. 1877). In den Skizzen und Humoresken Vergnügungsreiseno (Stuttg. 1875), Nüchterne Briefe aus Bayreutho (10. Aufl., Bresl. 1877), „(Bayreuther Briefe vom reinen Thoren. Parsifal von Wagner (5. Aufl., Bresl. 1882), «überflüssige Briefe an eine Freundino (3. Aufl., Bresl. 1877) und «Wie ein Lustspiel entsteht und vergeht » (2. Aufl., Berl. 1877 knüpft er an bestimmte künstlerische und litterarische Tagesereignisse an. Alle diese kritischen und ästhetischen Arbeiten L.s sind mit jovialer Laune und in leichter, anziehender Form geschrieben. L.s dramatische Produktionen begannen mit dem Lustspiel Marion (1868), dem dann das Lustspiel In diplomatischer Sendungp (1872), die Schauspiele Maria und Magdalenas (1872) und (Dianap (1872) folgten; ferner das Lustspiel «Ein Erfolg (1874), das Schauspiel «Tante Thereses (1876), der Schwank Der Zankapfely (1876), die Schauspiele «Johannistriebe (1878), Gräfin Leav (1879), Verschämte Arbeit: (1880), Jungbrunneny (1882), (Mariannens Muttero (1883) und, im Verein mit Hugo Lubliner «Frau Susanney (1884). In diesen Dramen, welche auch gesammelt erschienen unter dem Titel Thea terv (3 Bde., Berl. 1873—79) und von denen die meisten mit Beifall zur Aufführung kamen, einige auch ständige Repertoirestücke aller größern deutschen Theater wurden, zeigt L. eine bedeutende Bühnentechnik, sowie Sinn für das Wirksame auf der Bühne. Hierzu kommt ein witziger und gewandter Dialog. Die Stoffe seiner Dramen gehören der unmittelbaren Gegenwart an. Im J. 1883 unternahm L. gelegentlich der Einweihung der Nördlichen Pacificbahn in Gemeinschaft einer Anzahl deutscher Gäste des damaligen Präsidenten Henry Villard eine Reise durch die zum Teil noch wenig bekannten Gebiete Montana, Dakota, Arizona, Neumexiko etc. des nordamerik. Festlandes. Die zuerst von der National-Zeitung» veröffentlichten Reisebriefe erschienen unter dem Titel «Aus der Neuen Welte (Berl. 1884). Vgl. «Paul L. Eine Charakteristiks (Berl. 1875); Hadlich, Paul L. als dramatischer Dichter» (2. Aufl., Berl. 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 85Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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