FeedLipsius Richard Adelbert)
ReligionBrockhaus 1882

Lipsius Richard Adelbert), hervorragender prot. Theolog, Sohn des vorigen, geb. 14. Febr. 1830 u Gera, bezog, im großväterlichen Hause zu Bernstadt in der Oberlausitz, dann unter unmittelbarer Leitung seines Vaters in Leipzig vorbereitet, im Herbst 1841 die Thomasschule und Ostern 1848 die Universität daselbst, auf der er sich besonders unter Theile, Anger, Tuch, Winer und Niedner theol. Studien widmete. Nach Beendigung derselben privatisierte er mehrere Jahre im väterlichen Hause, promovierte 1853 und habilitierte sich dann im März 1855 als Privatdocent. Im Aug. 1858 erhielt er von der Universität Jena die theol. Doktorwürde und 1859 eine außerord. Professur zu Leipzig. m Herbst 1861 folgte L. einem Rufe als ord. Proessor an die evang.⸗theol. Fakultät nach Wien, wo er 1863 in den österr. Unterrichtsrat berufen ward und sich als vm rini . der Fakultät an der ersten österr. Generalsynode (Mai bis Juli 1864) beteiligte, durch welche die gegenwärtige liberale prot. Kirchenverfassung festgestellt wurde. Im Herbst 1865 nach Kiel berufen, nahm er an dem damaligen bewegten kirchlichen und polit. Leben Schleswig-Holsteins einen regen Anteil. Seine Fehde mit dem holstein. Bischof und Generalsuperintendenten Dr. Koopmann, dem damaligen Führer der Konfessionellen im Lande, erregte auch außerhalb der Provinz großes Aufsehen. Michaelis 1871 ging er als Nachfolger Rückerts nach Jena, wo er 1873 zum großherzogl. sächs. Kirchenrat, 1884 zum Geheimen Kirchenrat ernannt wurde. Er war Mitglied der drei ersten weimarischen Landessynoden (1874, 1878 - 79, 1882—83) und hat als Mitglied des Synodalausschusses, dem er seit 1874 angehört, der theol. Prüfungskommission, des Vorstandes des thüring. Kirchentags u. s. w., als Vorsitzender des Vereins für thüring. Geschichte und seit 1883 auch als Vorsitzender der Oberlehrerprüfungskommission für die sächs.⸗ernestinischen Lande eine vielverzweigte praktische Thätigkeit entfaltet. Die letztere Stellung gab er jedoch Ostern 1885 wieder auf. Seine Vorlesungen erstrecken sich auf sämtliche Zweige der systematischen Theologie, Dogmengeschichte, Religionsphilosophie, neutestamentliche Exegese und Kritik. Seine litterarische Thätigkeit begann L. mit Die paulinische Rechtfertigungslehrer (Epz. 1853), welche noch vielfach den Charakter der sog. Vermittelungstheologie trägt. Weitere Studien in Verbindung mit dem geistigen Einflusse seines Vaters führten ihn jedoch allmählich weiter. Neben den Werken Kants, Schleiermachers und Hegels wirkten insbesondere auch die Arbeiten F. C. Baurs auf ihn ein. Schon in der Schrift De Clementis Romani epistola ad Corinthios priorep (Lpz. 1855) bekundete er ein entschiedenes Streben nach einer durch keine dogmatischen Vorurteile gebundenen, rein geschichtlichen Betrachtung des Urchristentums. Von seinen histor.⸗kritischen Arbeiten sind ferner zu nennen: „Der Gnostizismus v (Lpz. 1860), (Zur Quellenkritik des Epiphanios» (Wien 1865), Chronologie der röm. Bischöfe der drei ersten Jahrhundertes (Kiel 1869), «Die Pilatus-Akten v (Kiel 1871), (Quellen der röm. Petrussager (Kiel 1871, „Die Quellen der ältesten Ketzergeschichtes (Lpz. 1875), „Die edessenische Abgarsager (Braunschw. 1880), «Die apokryphen Apostelgeschichtenv (2 Bde., Braunschw. 1883—84), außerdem zahlreiche Beiträge zu Zeitschriften und Sammelwerken. Auf dogmatischem Gebiete trat er zuerst in mehrern Abhandlungen und Vorträgen, sowie in seinen Theol. Streitschrifteno (Kiel 1871) hervor. Sein Hauptwerk ist das «Lehrbuch der evang.⸗prot. Dogmatik (Braunschw. 1876; 2. Aufl. 1879), in welchem er auf der sich bescheidenden Grundlage Kants eine einheitliche, mit den Thatsachen aller innern und äußern Erfahrung sich im Einklange haltende religiöse Weltanschauung zu gewinnen sucht. Außerdem sind seine Dogmatischen Beiträger (Lpz. 1878) und die «Neuen Beiträge zur wissenschaftlichen Grundlegung der Dogmatiko (Jahrbücher für prot. Theologiev, 1885) zu nennen. Seit 1875 gibt er gemeinsam mit Hase, O. Pfleiderer und E. Schrader die „Jahrbücher für prot. Theologier heraus. Von seinen Brüdern widmete sich der ältere, Johannes Wilhelm Konstantin L., geb. 20. Okt. 1832 zu Leipzig, dem Baufache, bildete sich erst auf der Kunstakademie und der Baugewerkschule seiner Vaterstadt, dann von 1851 bis 1854 unter Nicolais Leitung auf der Akademie zu Dresden, und unternahm darauf längere Reisen nach Berlin, Venedig und Paris. Er gehört als Architekt zu den Anhängern der Renaissance und hat sich durch eine Reihe von Bauten und größern dekorativen Arbeiten in und außerhalb Leipzigs einen geachteten Namen erworben. Nach Vollendung des Baues des neuen Johanneshospitals in Leipzig (1872) wurde er zum königl. sächs. Baurat und im Herbst 1876 zum Direktor der leipziger Bauschule ernannt. Im J. 1879 leitete er als Präsident die sächs.⸗thüring. Kunstgewerbeausstellung zu Leipzig. Michaelis 1881 folgte er nach Nicolais Tode dem Rufe als Professor der Baukunst an der Kunstakademie zu Dresden. Unter seinen neuesten Arbeiten sind namentlich die (gemeinsam mit Hartel gebaute) neue Peterskirche zu Leipzig, die Johanniskirche zu Gera und die Pläne zu dem neuen Akademiegebäude in Dresden hervorzuheben. Unter seinen litterarischen Arbeiten ist besonders die Biographie Gottfried Sempers (Lpz. 1880) zu nennen. Der jüngste Bruder, Justus Hermann L., geb. 9. Mai 1834 zu Leipzig, studierte 1850—55 Philologie daselbst und wirkte dann in verschiedenen Lehrämtern an der Nikolai⸗ und Thomasschule zu Leipzig und den Fürstenschulen zu Meißen und Grimma, an letzterer seit 1861 mit dem Titel eines Professors. L. kehrte 1863 als Konrektor an die Nikolaischule nach Leipzig zurück, an welcher er 1866 zum Rektor erwählt ward. Seit 1869 wirkte er zugleich als außerord. Professor der klassischen Philologie an der Universität Leipzig. Zu Ostern 1877 zum ord. Professor und zum Direktor des russ. philologischen Seminars in Leipzig ernannt, legte er ein halbes Jahr später sein Rektorat nieder, um sich ausschließlich der akademischen Thätigkeit zu widmen. Im J. 1884 wurde er Mitdirektor des philologischen Seminars. Litterarisch ist er durch Beiträge zu Zeitschriften, durch Programme mit Beiträgen zur Kritik des Sophokles (1860 u. 1867) und Lysias (1864), durch seine Ausgabe der Rede des Demosthenes vom Kranze (Lpz. 1876), die Berichte ber die Litteratur der griech. Altertümer in Bursians Jahresberichten», sowie durch die Neubearbeitung des 4Attischen Prozesses o von Meier und Schömann (2 Bde., Berl. 1883—85) bekannt. Seine Vorlesungen erstrecken sich meist auf das Gebiet der griech. Litteratur und Altertümer. Die Schwester der vorgenannten, Ida Maria, geb. 30. Dez. 1837 zu Leipzig, ist als musikalische Schriftstellerin unter dem Namen La Mara aufgetreten. Aus ihrer Feder sind namentlich die „Musikalischen Studienköpfer (5 Bde., Lpz. 1868 fg.; Bd. 1, 6. Aufl. 1884; Bd. 2 u. 3, 5. Aufl. 1881 u. 1884; Bd. 4 u. 5 1881 —82) bekannt geworden. Außerdem sammelte sie Gedanken berühmter Musiker über ihre Kunst (Lpz. 1873) und übersetzte F. Liszts (F. Chopino ins Deutsche (Lpz. 1880). Ferner erschienen von ihr mehrere Natur⸗ und andschaftsskizzen: Im Hochgebirgen (Lpz. 1876) und «Sommerglücko (Lpz. 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 105Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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