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Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Litteratur und Litteraturgeschichte. Litteratur bezeichnet im weitesten Sinne die Gesamtheit aller schriftlichen Denkmale, in welchen die geistige Bildung und Entwickelung des Menschengeschlechts niedergelegt ist. Bei dem außerordentlichen Umfange, welchen das Wort in diesem Sinne hat, wird die gesamte Litteratur in zahlreiche Unterabteilungen nach verschiedenen Zeiten oder verschiedenen Völkern, oder den verschiedenen Gattungen der Schriftwerke zerlegt. Man unterscheidet eine Litteratur des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit; eine Litteratur der Griechen, Römer, Deutschen u. s. w.; eine prosaische und poetische, eine wissenschaftliche Litteratur u. s. w. Die litterarischen Erzeugnisse eines einzelnen Volks, in welchen dessen Eigentümlichkeit besonders klar hervortritt, also namentlich seine Dichtungen, umfaßt man mit dem Namen Nationallitteratur. Bei dem fortschreitenden Entwickelungsgange aller Zeiten und aller Völker muß jede Darstellung der Litteratur, lwie weit oder eng dieselbe sei, geschichtliche Form annehmen, und es entsteht so die Wissenschaft der Litteraturgeschichte. In frühern Zeiten beschränkte sich dieselbe meist darauf, die einzelnen Schriftsteller und ihre Werke chronologisch zu verzeichnen. So schrieb J. F. Reimmann seinen Versuch einer Einleitung in die historiam literarumo (7 Bde., Halle 1710—25). Seit Anfang des 19. Jahrh. hat man jedoch erkannt, daß eine wirkliche Geschichte der Litteratur vor allen Dingen eine Darstellung des geistigen Lebens in seiner Entwickelung sein muß. Werke von allgemeinem Umfang haben in diesem Sinne verfaßt: Joh. Gottfr. Eichhorn, Geschichte der Litteratur von ihrem Anfang bis auf die neuesten Zeiteno (6 Bde., Gött. 1805—12; Bd. 1, 2. Aufl. 1828); Wachler, «Handbuch der Geschichte der Litteraturv (3. Aufl., 4 Bde., Lpz. 1833), und Gräße, (Lehrbuch einer allgemeinen Litterärgeschichte aller bekannten Völker der Welt von der ältesten bis auf die neueste Zeite (3 Bde., jeder in mehrern Abteilungen, Lpz. 1837—58; Bd. 4, Register, 1859). Die neuere Schule dieser Geschichtschreibung ist bestrebt, der Litteraturgeschichte, ebenso wie der Kunstgeschichte, eine kulturgeschichtliche Grundlage zu geben, indem sie die jedesmalige Litteraturentwickelung eines bestimmten Volks und Zeitalters auf die maßgebenden Grundlagen und Einwirkungen der jedesmaligen wissenschaftlichen, religiösen, staatlichen und gesellschaftlichen Zustände zurückzuführen sucht. Die Litteraturgeschichte ist somit nicht etwa eine Geschichte der Bücher, wie die Bibliographie, sondern eine Geschichte der Ideen und ihrer wissenschaftlichen wie künstlerischen Formen. In dieser Weise haben namentlich Gervinus (s.d.) und Hettner (s.d.) diesen Zweig der Geschichtschreibung aufgefaßt, während die Werke von Goedeke (s. d.) und Koberstein (s. d.) sich durch den Reichtum des in ihnen verarbeiteten Materials auszeichnen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 120Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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