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GeschichteBrockhaus 1882

Ludwig J. oder der Fromme (le débonnaire, d. h. der gutherzige Schwache), röm. Kaiser 814— 840, der dritte Sohn Karls d. Gr., geb. 778 von dessen dritter Gemahlin Hildegard, einer alamann. Fürstin, wurde schon frühzeitig von seinem Vater zum König von Aquitanien und 813 nach dem Tode seiner ältern Brüder, Karl und Pipin, auf einer Reichsversammlung zu Aachen zum Erben und Mitregenten des Frankenreichs ernannt, das er als Alleinherrscher 28. Jan. 814 erbte. Zunächst verbannte er die am Hofe eingerissene Zügellosigkeit, strafte die Unterdrücker des Volks, steuerte dem Gewaltmißbrauche der Grafen in den Provinzen, drang auf eine Reformation der Weltgeistlichen und der Mönche und verpflichtete sich die sächs. und fries. Freien, indem er diesen die Erbgüter wiedergab oder ihnen aus den Pflanzorten die Rückkehr in ihr Vaterland verstattete. Bald aber gewannen selbstsüchtige Günstlinge Einfluß auf L. Im J. 817 erließ er eine Nachfolgeordnung, welche dem ältesten Sohne Lothar (s. d.) eine dauernde Oberherrschaft sichern sollte. Dieser erhielt Austrasien und Deutschland und die Mitregentschaft des Kaisertums nebst dem kaiserl. Titel; Pipin wurde in Aquitanien bestätigt; Ludwig erhielt Bayern, Böhmen, Kärnten und die dazugehörigen avarischen und wendischen Länder. Gleich anfangs reizte diese Teilung, bei der sein Neffe, der König Bernhard von Italien, sich zurückgesetzt und bedroht sah, diesen zur Empörung. Von den Seinen verlassen, unterlag er jedoch ohne Kampf, wurde gefangen und geblendet, sodaß er starb. L. bereute bald die Missethat. Dazu kam der Tod seiner Gemahlin. Er wollte seine Würde niederlegen und ins Kloster gehen. Seine geistlichen Räte aber beredeten ihn 819 zu einer zweiten Che mit Judith (s. d.), der Tochter des Grafen Welf, und ließen ihn zu Attigny öffentlich Kirchenbuße thun. Als ihm Judith 823 einen Sohn, Karl, gebar, schritt er 829 zu einer neuen Teilung des Reichs, in welcher Karl, nachher der Kahle genannt, unter dem Titel eines Königs von Alamannien mit Lothars Zustimmung das Land zwischen Rhein, Main, Donau und Neckar nebst Rhätien und Helvetien erhielt. Bald darauf aber einigten sich die ältern Brüder gegen den Vater, griffen zu den Waffen, nahmen ihn, unterstützt von den mißvergnügten Großen, zu Compiegne gefangen, beschuldigten ihre Stifmutter Judith des Ehebruchs mit dem Grafen Bernhard von Septimanien und verurteilten sie zum Kloster. Schon hatte der Kaiser erklärt, die Krone niederlegen zu wollen, als die beiden andern Brüder und die Geistlichen Lothars Absicht merkten, allein zu herrschen. Von jetzt arbeiteten sie nun selbst an L.s Wiedereinsetzung, die auf dem Reichstage zu Nimwegen erfolgte, wo Deutsche (König der Deutschen) 21⁷ die Deutschen sich gegen 23h erklärten, der sich hierauf unterwarf. L. verzieh ihm zwar, nahm ihm aber die Mitregentschaft, holte Judith wieder aus dem Kloster und gab ihrem Sohne Karl das zeither von seinem treulosen Sohne Pipin besessene Aquitanien. Dies veranlaßte einen neuen Aufstand Ludwigs und Pipins, welchem sich bald darauf auch Lothar und sogar der damalige Papst e IV., der zur Schlichtung des Streits über die Alpen gekommen war, anschlossen. Beide Teile lagerten 833 mit ihren Heeren im Elsaß unweit Colmar. Während hier der Papst mit L. unterhandelte, gingen dessen Truppen zu den Empörern über, sodaß er selbst auf dem Rotfelde bei Colmar, nachher Lügenfeld genannt, den Söhnen sich gefangen geben mußte. Er wurde nun von seiner Gemahlin, die man nach Italien, und von seinem Sohne Karl, den man nach Prüm führte, getrennt und nach Soissons ins Kloster gebracht, wo er auf Lothars Betrieb kniend öffentliche Kirchenbuße thun und ein Verzeichnis seiner Sünden ablesen mußte. Die andern Brüder, durch die Herrschsucht Lothars beleidigt, nahmen jedoch bald wieder die ihrem Vater widerfahrene Mißhandlung zum Vorwande, Lothar zu verjagen, und erhoben L. wieder auf den Thron. Judith und Karl kehrten zurück und Lothar wurde nach Italien verwiesen. Im J. 837 machte L. zu Gunsten Karls eine neue Teilung, in welcher dieser außer Aquitanien auch Neustrien erhielt. Die Söhne schwiegen zwar, als aber L. nach Pipins Tode (838) mit Ausschließung der Kinder desselben Westfranken an Karl und Italien nebst ganz Austrasien oder Deutschland an Lothar austeilte, griff Ludwig, dem auf diese Weise nur Bayern verblieb, zu den Waffen, während zugleich die Aquitanier zu Gunsten der Söhne Pipins sich erhoben. Der Kaiser wollte die Streitigkeiten auf einem Reichstage zu Worms ausmachen, starb aber auf einer Rheininsel unterhalb Mainz 20. Juni 840 und wurde zu Metz beerdigt. Drei Jahre nach seinem Tode teilten seine drei Söhne, Lothar, Ludwig und Karl, das väterliche Reich aufs neue unter sich in dem Vertrag zu Verdun (s. d.). Als Kaiser folgte ihm Lothar 1. (l.d.). Vgl. Funck, «L. der Frommey (Frankf. 1832); Simson, Jahrbücher des Fränkischen Reichs unter L. dem Frommeno (2 Bde., Lpz. 1874—769.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 217Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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