FeedFriedrich 1. (Wilhelm Ludwig)
GeschichteBrockhaus 1882

Friedrich 1. (Wilhelm Ludwig), Großherzog von Baden, geb. zu Karlsruhe 9. Sept. 1826, der zweite Sohn des Großherzogs Leopold aus dessen Ehe mit der schwed. Prinzessin Sophie, erhielt mit seinem zwei Jahre ältern Bruder, dem Erbgroßherzog Ludwig, eine sorgfältige Erziehung unter unmittelbarer Leitung seiner Eltern. Beide Brüder bezogen 1843 die Universität Heidelberg, wo sie sich bis 1845 hauptsächlich staatswissenschaftlichen und histor. Studien widmeten. Im J. 1847 besuchte F. noch die Universität Bonn, wo namentlich Dahlmann einen nachhaltigen Einfluß auf ihn ausübte. Nach dem Ableben des Vaters (24. April 1852) übernahm er, da sein älterer Bruder (gest. 22. Jan. 1858) an einer unheilbaren Geistesstörung litt, zunächst als Prinz-Regent, später (seit 5. Sept. 1856) als Großherzog die Regierung. Eine der ersten Handlungen des neuen Regenten war, daß er sofort den auf dem Lande lastenden Kriegszustand aufhob, die volle bürgerliche Verwaltung und Rechtspflege herstellte und hierdurch wie durch baldige Berufung der Stände die Verfassung wieder in ihre volle Wirksamkeit eintreten ließ. Er unternahm 1856 eine Reise nach England und Belgien, die ihn in seiner Wertschätzung einer freisinnigen und konstitutionellen Regierung bestärkte. Nach den Kammerdebatten über die mit dem päpf l. Stuhle vereinbarte Konvention vom 28. Juni 1859 entließ der Großherzog 3. April 1860 die Konkordatsminister und berief aus der liberalen Opposition ein neues Ministerium. Seine Proklamation vom 7. April 1860 erklärte seine Absicht, sich mit den Kammern zu verständigen, und versprach auch der kath. Kirche gesetzliche Selbständigkeit. (S. Baden.) Für die nationale Einigung von Deutschland wirkte F. mit nachhaltigem Ernst. Auf dem Fürstentage zu Frankfurt im Sommer 1863 wagte er ganz allein den österr.⸗dynastischen Planen entgegenzutreten. Da Preußen 1866 sich außer Stand erklärt hatte, Baden militärisch zu beschützen, konnte F. dem Andrängen der Mehrheit des Ministeriums und des Landtags nicht widerstehen und war genötigt, mit den süddeutschen Staaten zusammen an dem Kriege wider Preußen teilzunehmen. Nach dem Ausscheiden Österreichs aus Deutschland arbeitete F., in Gemeinschaft mit dem Ministerpräsidenten Mathy, an der Aufnahme Badens in den Norddeutschen Bund, ernannte 1868 den preuß. General Beyer 3605 bad. Kriegsminister und übertrug ihm die Reorganisation der bad. Truppen. An dem Zustandekommen der deutschen Reichsverfassung und der Herstellung der Kaiserwürde hatte F. einen wesentlichen Anteil. Bei der Kaiserproklamierung 18. Jan. 1871 zu Versailles war es F., welcher nach Verlesung der «Proklamation an das deutsche Volko das Hoch auf (Se. Maj. den Kaiser Wilhelmo ausbrachte. Für Förderung der Kunst und Wissenschaft und für die der materiellen Ineressen war er unausgesetzt thätig. F. ist seit 20. Sept. 1856 mit der Prinzessin Luise Marie Elisabeth von Preußen (geb. 3. Dez. 1838) vermählt, der Tochter des nachmaligen Kaisers Wilhelm. Aus dieser Ehe gingen hervor: der Erbgroßherzog Friedrich Wilhelm, geb. 9. Juli 1857; die Prinzessin Victoria, geb. 7. Aug. 1862; der Prinz Wilhelm Ludwig, geb. 12. Juni 1865. Das großherzogl. Paar feierte 20. Sept. 1881 zu Karlsruhe seine Silberne Hochzeit und zugleich die Vermählung der Prinzessin Victoria mit dem Kronprinzen von Schweden und Norwegen, Gustav Adolf, Herzog von Wermland. Wenige Wochen nachher erkrankte F. im Schloß zu Baden-Baden an einem typhösen Fieber, wozu später noch eine Augenkrankheit hinzutrat, daher er 10. Nov. den Erbgroßherzog mit der Regentschaft betraute. Erst 15. Okt. 1882 konnte er die Regierung wieder persönlich übernehmen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 342Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 1

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Geschichte 6