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GeschichteBrockhaus 1882

Ludwigs XVI. (21. Jan. 1793) wurde er von seinem Oheim, dem spätern Ludwig XVIII., der sich damals in Westfalen befand, zum König von Frankreich erklärt. Er teilte noch mehrere Monate die Gefangenschaft mit seiner Mutter. Im Juni jedoch berichtete Saint-Just, daß die gestürzten Girondisten durch eine Verschwörung den Sprößling Ludwigs XVI. auf den Thron heben wollten, und der Konvent befahl die Trennung des Kindes von der Mutter. Der Prinz wurde im Temple einem rohen Jakobiner, dem Schuster Simon, übergeben, der mit seiner Frau darauf ausging, ihn physisch und geistig zu Grunde zu richten. Seit Jan. 1794 ließen ihn die Schreckensmänner in einsamer Zelle verkommen. Zwar setzten die Wärter seit Febr. 1795 den Gemeinderat wiederholt von dem Siechtum des Prinzen in Kenntnis; doch wurde ihm noch monatelang jeder ärztliche Beistand versagt. Erst im Mai, nachdem sich Geschwülste am Knie und Handgelenk eingestellt, erhielt der Arzt Dessaux Zutritt zum Kranken. Nach Dessaux' plötzlichem Tode behandelten ihn die Arzte Pelletan und Dumangin. Allein der Zustand des Prinzen verschlimmerte sich von Tag zu Tag dergestalt, daß er am 8. Juni starb. Auf das Gerücht von einer Vergiftung schickte der Konvent eine Kommission von Arzten, welche erklärte, daß kein gewaltsamer Tod vorliege. Der Leichnam wurde auf dem Kirchhofe Ste.⸗Marguerite in die gemeinschaftliche Grube versenkt und mit Kalk bedeckt, sodaß 1815 die Reste nicht mehr aufgefunden werden konnten. Vgl. Eckard, «Mémoires historiques sur Louis XVII (Par. 1817); Beauchesne, Louis XVII, sa vie, son agonie, sa morty (2 Bde., Zu 1852; 9. Aufl. 1876); Ad. Schmidt, Pariser Zustände während der Revolutionszeit 1789—18005 (2 Bde., Jena 1875). Ungeachtet der damalige Tod des Prinzen eine unzweifelhafte Thatsache ist, verbreitete sich dennoch der Glaube, daß derselbe aus dem Gefängnis errettet worden sei. Namentlich stützte man sich auf den Umstand, daß 9. Juni 1795 ein von einem 10jährigen Knaben begleiteter Mann, Namens Aujardins, auf der Straße von Paris nach Fontainebleau angehalten, den andern Tag aber wieder in Freiheit gesetzt worden war, ohne daß man in dem über das Ereignis aufgenommenen Protokoll bemerkt hatte, wo das Kind hingekommen sei. Bald tauchte eine ganze Reihe von Abenteurern auf, welche die Rolle L.s XVII. übernahmen. Der erste war Jean Marie Hervagault, der Sohn eines Schneiders zu St.⸗Lö, der 1812 als Landstreicher im Gefängnis starb. Ein anderer, Mathurin Bruneau, geb. 1784 zu Vezins bei Cholet in Anjou, wo sein Vater Holzschuhe verfertigte, erlitt während der Restauration mehrfache Bestrafungen und verscholl nach der Julirevolution. Größeres Aufsehen erregte 1833 und 1834 der sog. Herzog von Richmont, der sich auch Ludwig Hector Alfred, Baron von Richmont, Herzog von der Normandie, nannte. Dieser Abenteurer hieß Henri Hebert, war aus der Gegend von Rouen gebürtig, forderte seit 1828 seine angeblichen Rechte zurück, wurde 1834 zu 12jähriger Einsperrung verurteilt, floh aber aus St.⸗Pelagie nach London, wo er 1845 starb. Während Hebert vor den Assisen stand, trat ein gewisser Morel de Saint-Didier auf, der im Namen des «wahren, echten L. XVII.v gegen die Anmaßungen Heberts protestierte. Dieser angeblich Kechte L.v war ein Deutscher, Karl Wilhelm Naundorff, gebürtig aus der Niederlausitz. Früher Uhrmacher und Vater einer zahlreichen Familie zu Krossen, stand er im Rufe eines rechtlichen und arbeitsamen Mannes. Schon längst gab er sich für den Herzog von der Normandie aus, erzählte seine romantische Flucht aus dem Temple und wandte sich an die Regierungen und die Herzogin von Angouléme. Nach der Julirevolution ging er mit seiner Familie nach rankreich, wo er wegen seines bourbonischen Geichtsschnittes und der Ähnlichkeit seiner Tochter mit Marie Antoinette viele Anhänger fand. Er wandte sich an die Kammern, wollte aber auf die Krone zu Gunsten der Dynastie Orléans unter der Bedingung resignieren, daß man ihn standesgemäß unterhielte. Im Febr. 1836 wurde er beim Zuchtpolizeigericht zu Paris als Betrüger verklagt. Das Gericht sah in ihm nur einen Verblendeten und sprach ihn von der Anklage frei; doch wurde er ausgewiesen. Seitdem lebte er mit seiner Familie in ziemlich günstigen Verhältnissen bald in Belgien, bald in England und starb 10. Aug. 1845 zu Delft. Sein Sohn, der das Prätendententum fortsetzte und Offizier in der niederländ. Armee war, veranlaßte 1873 einen Prozeß gegen den Grafen von Chambord, wurde aber 27. Febr. 1874 vom aaewterus zu Paris mit seinen Ansprüchen zurückgewiesen; er starb im Nov. 1883 in Breda. Außerdem traten bis in die neuere Zeit viele andere Abenteurer mit den Ansprüchen L.S XVII. auf.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 228Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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