Lungenentzündung (Pneumonia), die Entzündung des Lungengewebes, bei welcher die Lungenbläschen eines kleinern oder größern Lungenabschnitts mit fester, fibrinöser, aus dem Blute stammender Substanz erfüllt und die erkrankten Lungenpartien luftleer, leberartig (hepatisiert) und vollkommen funktionsunfähig werden, ist eine der häufigsten und schwersten akuten Erkrankungen und tritt in zwei wesentlich voneinander verschiedenen Formen auf. Sie befällt den Menschen entweder primär, inmitten der vollsten Gesundheit, als sog. kruppö se oderprimäre Lungenentzündung, oder sekundär im Anschluß an vorausgegangene Katarrhe oder im Verlauf anderer Krankheiten (Masern, Scharlach, Typhus u. a.) als sog. katarrhalische oder sekundäre Lungenentzündung; die erstere Form betrifft mit Vorliebe er—⸗ wachsene und kräftige Personen und ist gewöhnlich über einen oder mehrere ganze Lungenlappen verbreitet (lobäre Lungenentzündung), wogegen die sekundäre L. vorzugsweise bei Kindern, Greisen, sowie bei schwächlichen und kachektischen Individuen vorkommt und sich zumeist auf kleinere Lungenabschnitte, auf einzelne Läppchen beschränkt (obuläre Lungenentzündung). Je größer ihre Ausbreitung ist, um so schwerer und gefahrdrohender ist gewöhnlich auch ihr Verlauf; wer einmal von einer L. ergriffen wurde, behält oft längere Zeit hindurch eine große Neigung zu erneuten Entzündungen des Lungengewebes. Die Krankheit kommt unter allen Breitegraden vor; in kontinentalen Ländern ist sie häufiger als auf Inseln und in Küstenländern, in Städten häufiger als in kleinern Ortschaften. In den gemäßigten Breiten kommt die größte Zahl der pneumonischen Erkrankungen auf die Monate März bis Mai, die geringste auf die Monate September bis November. Die Ursachen der L. sind teils örtliche, wie Stoß, Schlag und andere Verletzungen der Brust, fremde Körper, welche in die Luftwege gelangen, reizende oder staubige Einatmungen, gewaltsame Anstrengungen der Atmungsorgane u. dgl., teils allgemeine, wie heftige Erkältungen und gewisse epidemische nicht näher bekannte Einflüsse, durch welche die Krankheit bisweilen in größerer epidemischer Verbreitung auftritt. Bei entkräfteten Kranken und Verletzten, die lange auf dem Rücken liegen müssen, bildet die infolge der Herzschwäche eintretende Blutstockung (Hypostase) in den Lungen eine häufige Quelle der Brustentzündung. Ferner ergeben neuere Forschungen, daß die sog. primäre oder kruppöse L. wahrscheinlich zu den infektiösen Krankheiten gehört, indem sich ziemlich regelmäßig im Blute und im Auswurf der Kranken ganz spezifisch geformte Mikrokokken (s. d.) vorfinden, die sehr wahrscheinlich als die Ursache des pneumonischen Prozesses zu betrachten sind. Die Symptome der L. können sich je nach dem Sitz, der Ausdehnung und Intensität des Krankheitsprozesses, sowie nach den individuellen Verhältnissen verschieden gestalten. Die primäre oder kruppöse Lungenentzündung beginnt in der Regel plötzlich mit einem intensiven Schüttelfrost, hohem Fieber (39—40 C.) und erhöhter Pulsfrequenz, großer Mattigkeit, Fieberkopfschmerz und Schlaflosigkeit, wozu sich sehr bald Atemnot und Beklemmung, Seitenstechen, kurzer trockener Husten und zäher rostfarbiger Auswurf gesellen. Allmählich wird der Husten feuchter und lockerer, die Schmerzhaftigkeit geringer und nach fünf oder sieben oder neun Tagen tritt bei normalem Verlauf meist in Form einer Krisis, d. h. unter plötzlichem Nachlaß des Fiebers und der subjektiven Beschwerden die Genesung ein. Abweichend sind Verlauf und Symptome der sekundären oder katarrhalischen Lungenentzündung, die niemals so plötzlich beginnt, sondern sich immer an vorausgehende Katarrhe oder andere Krankheiten anschließt, meist mit schleimig-eiterigem Auswurf verbunden ist und nicht mit plötzlicher Krisis, sondern nur allmählich in Genesung übergeht. Die angeführten Symptome genügen übrigens nicht, um die Diagnose einer L. zu begründen, sondern hierzu ist stets genaue physik. Untersuchung der Brust (vermittelst Perkussion und Auskultation) nötig. Hinsichtlich des anatomischen Vorgangs pflegt man bei der primären L. drei Stadien zu unterscheiden, das Stadium der Anschoppung, in welchem die Haargefäße des erkrankten Lungenabschnitts beträchtlich erweitert und mit stockendem Blute übermäßig erfüllt sind, das Stadium der roten Hepatisation, in welchem die entzündete Lungenpartie gleichmäßig dunkelbraunrot, leberartig derb und vollkommen luftleer ist und die Lungenbläschen von einer festen fibrinösen Masse erfüllt sind, und endlich das Stadium der grauen oder gelben Hepatisation, in welchem der kranke Lungenteil eine graue oder gelbliche Farbe besitzt und die geronnene Ausschwitzungsmasse allmählich wieder resorbiert und so die Heilung eingeleitet wird. Der Ausgang der L. ist sehr verschieden: entweder erfolgt, wie in den meisten Fällen, vollständige Lösung und Aufsaugung der ausgeschwitzten Massen und damit völlige Genesung, oder es kommt nur zu unvollständiger Zerteilung, das Exsudat dickt ein, erfährt eine käsige Umwandlung und verursachtechronisch entzündliche Reizungen, welche weiterhin einen häufigen Ausgangspunkt der Lungenschwindsucht (s. d.) bilden; in seltenen Fällen entstehen mehr oder minder große umschriebene, mit flüssigem Eiter gefüllte Höhlen im Lungengewebe, sog. Lungenabscesse (s. d.) oder brandiges Absterben einzelner Lungenpartien, wobei jauchige Massen ausgehustet werden. (S. Lungenbrand.) Bisweilen eripigt auch det Ausgang in Lungeninduration oder Lungenschrumpfung (s. d.), wobei das lufthaltige Lungengewebe verödet und durch eine derbe fibröse Narbenmasse ersetzt wird. Bezüglich der Behandlung ist zu betonen, daß der Kranke während der Dauer der L. in strengster Ruhe im Bett liege, beständig eine reine, gleichmäßig warme und mäßig feuchte Luft atme, wenig spreche und eine schmale entzündungswidrige Diät erhalte; der Stuhlgang ist täglich durch ableitende und erweichende Klystiere zu regulieren. Üübermäßig hohes Fieber muß durch kalte Kompressen oder kühle Bäder bekämpft werden. Gegen die vorhandenen Atmungsbeschwerden und Brustschmerzen erweisen sich meist Senfteige, warme Umschläge oder Schröpfköpfe auf die Brust, sowie die narkotischen Mittel nützlich. Bei stockendem Auswurf sind kleine Gaben von Brechweinstein oder Ipecacuanha, bei drohender Herzschwäche kräftige Reizmittel (starker Thee, Cognac, Wein) anzuwenden; bei eintretendem Lungenödem ist schleunigst ein Aderlaß vorzunehmen. Während der Rekonvalescenz ist für eine ernährende, aber milde Diät (Milch, Eier, Fleischbrühe), sowie für eine vorsichtige Stärkung der Atmungswerkzeuge Sorge zu tragen.