FeedLuther (Martin)
ReligionBrockhaus 1882

Luther (Martin), Begründer des deutschen Protestantismus, wurde 10. Nov. 1483 zu Eisleben geboren, wohin sein Vater, der Bergmann Hans L. aus dem Dorfe Möhra bei Eisenach, und seine Mutter Margarete, geb. Ziegler, gezogen waren. Etwa ein halbes Jahr später siedelte sein Vater nach Mansfeld über und wurde daselbst später Ratsmitglied. L. wurde mit seinen Brüdern (von denen nur einer, Jakob, namentlich angeführt wird; die beiden andern starben an der Pest, als L. in Erfurt war) und Schwestern (Barbara, Dorothea, Katharina und Marie) streng erzogen. Bis zu seinem 14. Jahre besuchte er die mansfelder Schule, dann aber kam er (1497) zum Zwecke weiterer Ausbildung nach Magdeburg, wo er zu den Barfüßern in die Schule ging und schon durch Currendsingen seinen Unterhalt mit erwerben mußte. Weil aber seine Eltern nicht hinreichend für sein Auskommen sorgen konnten und er keine andere Unterstützung fand, ging er nach Eisenach (1498), wo er die Lateinschule unter dem Rektor Trebonius besuchte und von der frommen Frau Ursula Cotta unterstützt wurde. L. bezog 1501 die Universität zu Erfurt, wo er nach dem Willen seines Vaters den Rechtsstudien sich widmen sollte. Zunächst jedoch wandte er sich nach damaliger Sitte den Humanitätsstudien wie dem Studium der scholastischen Philosophie und Theologie zu. Zu seinen Lehrern gehörten vornehmlich Trutvetter, Arnoldi aus Usingen, Greffenstein, Hecker, Ostermeyer, Göde. Im J. 1505 wurde er Magister, und jetzt begann er selbst Vorlesungen über die Physik und Ethik des Aristoteles zu halten. Da wurde aber teils durch die Bekanntschaft mit einer Bibel, die er auf der Universitätsbibliothek fand, teils durch den plötzlichen Tod seines Freundes Alexius, vor allem aber durch eine heftige Krankheit die Vorstellung der menschlichen Unheiligkeit und der göttlichen Strafgerechtigkeit so lebendig in ihm angeregt, daß er der heil. Anna das Gelübde that, Mönch zu werden. Am 17. Juli 1505 trat er in das Kloster der Augustiner-Eremiten zu Erfurt. Allein selbst die strengste Ascese befreite ihn nicht von seiner Seelenangst, bis ihn, den Schwererkrankten, ein alter Ordensbruder auf die Vergebung der Sünden durch den Glauben an Jesum Christum verwies. Diese damals über dem ringen auf sog. gute Werke beinahe vergessene Lehre brachte Trost und Licht in L.s Seele, und die Milde, mit welcher Staupitz, sein Ordensprovinzial, ihn behandelte, wirkte ermunternd auf ihn. Staupitz befreite ihn von allen niedrigen Diensten für das Kloster und ermahnte ihn zur Fortsetzung seiner theol. Studien. Im J. 1507 (2. Mai) erhielt L. die Priesterweihe und 1508 durch Staupitz den Ruf als Professor der Philosophie an die neue Universität zu Wittenberg. Indes durfte er schon 1509 theol. Vorlesungen halten, indem er 9. Mai desselben Jahres das theol. Baccalaureat erhielt. Hiermit war ein sehnlicher Wunsch erfüllt, und setzt begann er auch zu predigen. L. zog 1510 als Pilger und zugleich in Geschäften des Ordens nach Rom, wo der Leichtsinn und die Sittenlosigkeit des Klerus ihn tief empörten. Im J. 1512 zum Doktor der Theologie promoviert, sah er in seinem Eid als Doctor piblicus die Verpflichtung, die christl. Wahrheit aus der Schrift frei zu erforschen und zu verkündigen, auch gegen sein Klostergelübde. Vom akademischen Lehrstuhle wie von der Kanzel aus, als geistlicher Visitator und als Schriftsteller verkündigte er das Bibelwort, welches er im streng Augustinischen Sinne auffaßte. Auf seine Ordensbrüder konnte er um so mehr einwirken, als er 1516 das Generalvikariat des Ordens für Staupitz verwaltete; zugleich ward er 1516 zum Prediger an die Stadtkirche zu Wittenberg berufen. Die Fehde der Reuchlinisten (s. Reuch-⸗ lin), die eben im Gange war, zerstörte den letzten Rest seiner Hochachtung für die scholastische Theologie. Zugleich trat er selbst mit einer Reihe teils volksmäßiger, teils gelehrter Schriften auf. Zu jenen gehörte die Auslegung der Zehn Gebote, zu diesen seine Auslegung des Römerbriefs, der Psalmen, des Vaterunsers, die Disputationen über die Freiheit des Willens, über die Liebe, Gnade, Rechtfertigung, Buße (1516), die Herausgabe der „(Deutschen Theologieß, der Sermon von Ablaß und Gnade (1517). Auch hatte L. schon begonnen, biblische Bücher zu übersetzen. Zugleich war er durch seine gründliche Gelehrsamkeit, sowie durch den Ruf seiner geistvollen Vorträge den größten Gelehrten seiner Zeit bekannt und wert geworden. Großes Aufsehen machte es daher in ganz Deutschland, als er 31. Okt. 1517 die berühmten 95 Sätze gegen Tetzels Ablaßkram an die Schloßkirche zu Wittenberg anschlug, um zu einer öffentlichen Disputation über den wichtigen Gegenstand einzuladen. Weder Ehrgeiz noch Ordensneid gegen die Dominikaner, sondern der Eifer für seine überzeugung hatten ihn zu diesem Schritte bewogen, und so konnten auch weder die Streitschriften des Dominikaners Hogstraaten, des päpstl. Magisters (Sacri palatii) Prierias und des Dr. Eck (s. d.), noch die Vorladung des Papstes nach Rom ihn zum Widerrufe bewegen. Auf Veranlassung des Kurfürsten von Sachsen, Friedrichs des Weisen, unterblieb zwar seine Reise nach Rom; doch mußte er vor dem Kardinal Cajetan in Augsburg erscheinen (Okt. 1518). Da dieser aber nur auf Widerruf von seiten L.s drang, zugleich ihn heimlich gefangen nehmen und nach Rom bringen lassen wollte, floh L. (20. Okt.), mit Einlegung einer Appellation an den besser zu unterrichtenden Papst, nach Wittenberg zurück. Er verwandelte hier bald darauf diese Appellation in die Appellation an ein allgemeines Konzil (28. Nov.), als Papst Leo X. die bisherige Theorie des Ablasses von neuem (9. Nov.) bestätigt hatte. Jetzt sandte Leo den Kammerherrn Karl von Miltitz nach Deutschland, und diesem gelang es durch schmeichelnde Güte bei einer Zusammenkunft in Altenburg (Jan. 1519), L. zum Versprechen des Schweigens zu bewegen, wenn seine Feinde schweigen würden, und seinen Gehorsam gegen den Papst öffentlich zu erklären. In einem demütigen Briefe bezeugte L. noch einmal dem Papst Leo seine Ergebenheit (3. März 1519). Da regte aber Eck den Streit von neuem auf, indem er Karlstadt (s. d.) zur Disputation in Leipzig (27. Juni bis 16. Juli 1519) aufforderte und auch L. in diese verwickelte. Diese Disputation hatte nur die Folge, daß L. von der Unstatthaftigkeit des röm. Primats fester überzeugt wurde. In Rom, Köln und Löwen wurden L.s Schriften öffentlich verbrannt, und im Nov. 1520 erschien die vom 15. Juni datierte päpstl. Bannbulle gegen ihn, den Erzketzer, in Deutschland. Die Kraft dieser Bulle hatte L. schon im voraus gebrochen, indem er (Juni 1520) in kühner Sprache seine Erkenntnis über den Zustand der Kirche in der Schrift An den christl. Adel deutscher Nation von des geistlichen Standes Besserung', in Beziehung auf die äußern Kirchenanordnungen, und (Okt. 1520) in dem Praeludium de captivitate Babylonica ecclesiaen in Beziehung auf die Lehre von den sieben Sakramenten darlegte. Miltitz hatte in Lichtenberg nochmals L. zu beschwichtigen gesucht, und in seinem köstlichen „Sermon von der Freiheit eines Christenmenschenv Fried dieser wirklich noch einmal die Hand zum Frieden geboten. Aber die Publikation der Bannbulle durch Eck machte allen Verhandlungen ein Ende. Zur Antwort erneuerte L. seine Appellation an ein allgemeines Konzil und verbrannte die Bulle mit den päpstl. Dekretalen, zum Zeichen seiner Lossagung von Rom, 10. Dez. 1520 vor dem Elsterthore in Wittenberg. Eine neue Bulle des Papstes (3. Jan. 1521) sprach den Bann nochmals über ihn aus und belegte jeden Ort seines Aufenthalts mit dem Interdikt. L. hatte den Adel deutscher Nation für die Verteidigung der neuen Sache angerufen. Auch waren es besonders viele tüchtige Männer dieses Standes, wie Hutten, Sickingen u. s. w., die ihn in seinem

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 265Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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