Lüttich (frz. Liége), Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in Belgien, liegt in einem herrlichen Thale an der Maas, in welche oberhalb die Ourthe mündet, an der Belgischen Staatsbahn Brüssel-Herbesthal, welche hier nach Marloie und Luxemburg abzweigt, sowie an den Bahnen nach Mastricht, Namur, Paris, Limburg und Holland, zwischen zwei Bergen, von denen der höchste auf der Nordseite, der St. Walburgisberg, die nach einem neuen Plane wiederhergestellte Citadelle trägt; ihr gegenüber, auf dem rechten Ufer, liegt das Fort de la Chartreuse. Der ältere Stadtteil hat meist enge und finstere Straßen, während die in der neuesten Zeit angelegten Straßen und Plätze einen sehr freundlichen Eindruck machen; jedoch wird auch in dem ältern Stadtteil viel gebaut und mitten durch das engbevölkertste und ärmste Viertel auf dem rechten Maasufer sind neue Boulevards angelegt worden. Die Maas teilt L., das außerdem noch neun Vorstädte besitzt, in zwei Hälften, von denen die größere, auf dem linken Ufer, die eigentliche Stadt, den Mittelpunkt des geistigen und gesellschaftlichen Lebens bildet, und die auf dem rechten (Outre-Meuse), mehr dem industriellen Leben angehört. Über den Strom führen fünf Brücken; vier andere kleinere Brücken führen außerdem über einen kanalisierten Arm der Ourthe (La dériration). Den Universitätsplatz ziert seit 1866 die Statue des berühmten Geologen Dumont. Das früher auf diesem Platze errichtete Standbild Grétrys von Geefs befindet sich seitdem am Theaterplatz. Unter den zahlreichen Kirchen sind hervorzuheben: die Jakobskirche, gegründet 1016, vollendet 1538, mit prachtvollen Glasmalereien in den Fenstern des hohen Chors; die St. Paulskirche, zum Teil aus dem 13. Jahrh., vollendet in der Mitte des 16. Jahrh., mit einer unter Geefs' Leitung in Holz geschnitzten Kanzel; die Bartholomäuskirche, eine Basilika aus dem 12. Jahrh., mit zwei byzant. Türmen und einem merkwürdigen ehernen Taufbecken aus dem 11. Jahrh.; die Martinskirche (um Mitte des 16. Jahrh. neu erbaut), mit guten Glasgemälden und herrlicher Aussicht auf die Stadt (in ihr wurde 1250 zum ersten mal das Fronleichnamsfest gefeiert); die Kirche des heil. Kreuzes. Das sehenswürdigste öffentliche Gebäude ist der Justizpalast, zum Teil aus dem 16. Jahrh., früher die Residenz der Fürstbischöfe; die schöne Vorderseite wurde erst 1734 aufgerichtet; die innern Höfe, besonders der erste, sind sehr merkwürdig; ein Teil des Palastes dient dem Gouverneur zur Wohnung; der Sitzungssaal des Provinzialrats ist sehr schön. L. ist Sitz eines Bischofs, eines Gouverneurs, eines Appellhofs und einer Staatsuniversität und zählt (1884) 131000 E. Die Universität, die 1817 von der niederländ. Regierung gegründet wurde und mit welcher die Bergbauschule (Heole des mines) und die Polytechnische Schule (Eeole des arts et manufactures und Ecole des mécaniciens) in Verbindung steht, zählt über 1100 Studierende und ist im Besitz eines Gebäudes, welches nebst den Hörsälen sämtliche akademische Sammlungen umfaßt. Gegenwärtig (1885) werden bedeutende Neubauten vorgenommen. Außerdem bestehen für Wissenschaften und Künste mehrere Vereine, eine ein bischöfl. Seminar u. s. w. Unter den Fabriken sind die Tuch-und Wollzeugfabriken und besonders die Gewehrfabriken die ansehnlichsten. Nächstdem hat L. eine große königl. Geschützgießerei und Bohrerei, Maschinenfabriken, Tabak⸗ und Cigarrenfabriken, Gerbereien, Leimsiedereien, Cichorienfabriken, eine Feilen⸗ und Amboßfabrik und viele Rägelfabriken. Der Handel mit Fabrikerzeugnissen und der Speditionshandel sind ansehnlich. Denselben unterstützen eine Börse und zwei Handelslammern. Sehenswert ist die Passage Lemonnier, ein großartiger Bazar mit Kaufläden. Die Stadt kommt bereits im 8. Jahrh. vor, wo die Bischöfe von Tongern ihren Sitz von Mastricht dahin verlegten. Frühzeitig zu bedeutender Größe angewachsen, reich und freiheitsliebend, führte die Bevölkerung zahlreiche Kriege mit den Bischöfen, wobei das benachbarte Frankreich sie gern unterstutzte. Karl der Kühne, im Einverständnis mit dem Bischof, eroberte die Stadt 1467, schleifte ihre Mauern und führte ihr Geschütz fort; auch Maximilian JI. mußte als Erzherzog zweimal sie mit Gewalt zur Unterwerfung bringen. Von den Franzosen wurde sie w1675, 1684 und 1691, von Marlborough im Spanischen Erbfolgekriege 1702 erobert. Im Nov. 1792 wurde L. abermals von den Franzosen besetzt, im März 1793 aber wieder geräumt und erst 27. Juli 1794 unter Pichegru und Jourdan von neuem erobert. In der Revolution von 1830 gehörte es zu den ersten Städten des Landes, die von Holland abfielen; auch hat es sich stets politisch auf der Seite des antikath. Liberalismus gehalten. Das ehemals zum Westfälischen Kreise gehörige Bistum Lüttich, dessen Bischöfe deutsche Reichsfürsten waren, wurde 1794 von den Franzosen besetzt, im Frieden von Luneville förmlich an Frankreich abgetreten und dann unter die Depart. Ourthe, Untere Maas, Sambre und Maas verteilt. Durch den Beschluß des Wiener Kongresses und einen besondern Vertrag vom 23. März 1815 wurde es mit den übrigen südlichen niederländ. Provinzen als souveränes Fürstentum Lüttich dem König der Niederlande überlassen und bildete, nachdem einige Teile davon zu den Provinzen Hennegau, Limburg und Namur gekommen und dafür andere von Limburg, Luxemburg und Namur dazugeschlagen worden, eine Provinz des Königreichs der Niederlande, die infolge der Revolution von 1830 an Belgien kam. Die gegenwärtige Provinz Lüttich des Königdalh Belgien hat ein Areal von 2893,88 qlem und zählte (Dez. 1883) 693 252 E. Letztere sind fast ausschließlich Wallonen und bekennen sich zur kath. Kirche; im Norden der Provinz gibt es jedoch einen Strich, wo vlämisch, und im Nordosten einen, wo deutsch gesprochen wird (die Gegend von Aubel); in der Stadt L. selbst ist die vläm. Bevölkerung sehr zahlreich vertreten; auch ist die Anzahl der Deutschen und der Abkömmlinge von Deutschen sehr beträchtlich. Die Mags durchströmt die Provinz von Südwest nach Nordost und ein großer Teil ist kanalisiert. Letzteres ist teilweise auch mit der Ourthe der Fall. Der Boden ist im südl. und östl. Teile, wohin sich eine Fortsetzung der Ardennen zieht, waldig, felsig und hügelig, im westl. und nördl. Teile eine fruchtbare Ebene. Getreide wird, besonders im Süden, nicht ausreichend gewonnen und durch Kartoffelbau ersetzt; dagegen sind die Schaf-und Rindviehzucht nebst der Butter- und Käsebereitung sehr ausgebreitet. Die Provinz ist reich an Kohlen, Kalk⸗, Bau⸗, Wetz⸗ und Flintensteinen und gutem Marmor, sowie an Steinbrüchen und Mineralquellen, von denen Chaudfontaine (6 km südöstl. von L.) und besonders Spa als Bäder berühmt sind. Wichtig sind ferner die Baumwollzeug⸗, Tuch-, Strohhut- und Holzwarenfabriken, nächstdem die Verfertigung von ,„Stahl- und Eisenwaren aller Art, Nadeln, Messern, Nägeln, Eisenbahnschienen, Dampfbooten, Dampfmaschinen, Lokomotiven und besonders von Kanonen und Handfeuerwaffen. Die Provinz zählt (1883) 99 Kohlenbergwerke (davon 51 mit 77 Schächten in Thätigkeit). Die Zahl der Hohöfen betrug in demselben Jahre 16 (13 in Thätigkeit), dieselben erzeugten 258425 t Roheisen, im Werte von 16 463 620 Frs.; an fertigem Eisen wurden erzeugt 130687 t im Werte von 23 654940 Frs.; an fertigem Stahl: 143705t im Werte von 21868080 Frs.; an Rohzink: 75 366 t im Werte von 27366300 Frs.